Technik männlich, Stress weiblich?

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Von „Männchen“ und „Weibchen“ sprechen Fernsehtechniker, wenn sie Stecker und Buchse zusammenstöpseln. Den WLAN-Router im Haus wartet zumeist der Mann. Unter „digitalem Stress“ leiden vor allem Frauen. Bezeichnungen und Nutzung von Technik in der Medienwelt sind genauso wie die Folgen der Digitalisierung immer noch geprägt von geschlechtlichen Zuschreibungen. Auf der Tagung „Technik-Medien-Geschlecht“ in Münster nahmen Genderforscher*innen Gründe und Hintergründe unter die Lupe.

 „Algorithmen sind politisch und treiben Diskriminierung voran“, sagte Professorin Corinna Bath, Leiterin der Arbeitsgruppe „Gender, Technik und Mobilität“ an der TU Braunschweig. Denn „Algorithmen des Maschinenlernens werden mit Daten aus der Vergangenheit gespeist bzw. trainiert, das konserviert alte gesellschaftliche Strukturen.“

Um Diskriminierung durch Technik zu vermeiden, würden beim Gestaltungsprozess vier Probleme in den Blick genommen. Erstens die „Ich-Methodik“: Zumeist männliche Ingenieure gingen von sich aus, vernachlässigten die „Funktionalität traditioneller Hausarbeit“ in Smart Homes oder planten Smart Cities. Zweites Problem sei die „Annahme normierter Menschen“, etwa beim Auto-Crashtest, wo es anfangs nur Dummies gab, die einen mittleren, männlichen Normkörper (US-amerikanischer GI 1949: 170cm, 70kg) simulierten. Drittens kann es aber beim Versuch, vielfältigere Nutzer*innen von technischen Innovationen zu berücksichtigen zu  „Stereotypisierungen“ kommen. Beispiele hierfür sind die wiederholten Versuche, Autos für Frauen zu bauen, die sich dann nicht verkauften – wie der weiß-rosa lackierte Dodge „La Femme“ von 1956 oder der pinke Honda Fit She’s von 2002.

Genderstereotype: Anderssein fällt raus

Selbst wenn verschiedene Gruppen von Nutzer*innen mit ihren Kompetenzen, Lebenssituationen, Vorlieben und Arbeitsverhältnissen in den Blick genommen werden, gibt es ein viertes Problem: Soll soziales Verhalten abgebildet werden, enthalten die abgeleiteten Annahmen wiederum oft Geschlechterstereotype. Wird Arbeitsleistung zum Beispiel mittels zusammengefasster Daten und Künstlicher Intelligenz KI automatisiert gemessen, dann „fallen alle, die ein bisschen anders als der Standard arbeiten, einfach raus.“ Hoffnung machten Versuche, mit KI nicht Genderstereotype zu reproduzieren, sondern sexistische Aussagen als solche zu erkennen. Bath plädierte für eine Kooperation von Technik und Geisteswissenschaften auf Augenhöhe, um der Vision eines von Vielfalt geprägten „Partizipativen Designs“ näherzukommen und die bestehende Geschlechterordnung aufzubrechen.

Die Utopie einer Gesellschaft „jenseits von Geschlechterzuschreibungen, Macht und Hierarchie“ –  wie sie die von Bath und anderen Referent*innen zitierte Donna Haraway in ihrem „Cyborgmanifest“ entwarf – bildete dann auch den Ausgangspunkt für Margreth Lünenborgs Tagungskommentar. Die Berliner Journalismusprofessorin kontrastierte die Utopie mit der „durch und durch vergeschlechtlichten Gesellschaft“, wie sie in zahlreichen Vorträgen analysiert wurde.

Dabei drehte sich der Großteil der Studien um Rezeption und Umgang mit digitalen Medientechnologien – ein Forschungsschwerpunkt der Münsteraner Professorin  Jutta Röser. Sie hatte mit ihrem Team in einer ethnografischen Langzeitstudie das „mediatisierte Zuhause“ erforscht. In vier Panelbefragungen zwischen 2008 und 2016 wurde die Internetnutzung von Männern und Frauen in 25 Paarbeziehungen untersucht. Diese waren bei der ersten Befragung zwischen 25 und 63 Jahre alt und übten verschiedene Berufe aus – vom Taxifahrer bis zur Lehrerin.

Arbeitsteilung oft interessengeleitet

Bei ihrer Internetnutzung gab es vielfältige Konstellationen, wobei bei fünf Paaren die „Federführung“ eindeutig bei den Männern lag, in vier Haushalten aber auch Frauen die Expertinnen waren. Begründet wurde die Arbeitsteilung häufig mit Interesse. So gestalteten Frauen z. B. Fotobücher, nutzten häufiger Social Media, aber beim Einrichten und Reparieren von Hardware wie dem WLAN-Router dominierten Männer. Wie stark die digitale Mediennutzung mit Geschlechternormen (Technik als Männersache) verbunden ist, zeigte sich am Beispiel einer Studienteilnehmerin, die nach der Trennung von ihrem Mann mit Hilfe eines Freundes technische Kompetenzen erwarb, in der neuen Beziehung aber wieder zur alten Arbeitsteilung tendierte.

In der Studie 2016 wurden dann „Online-Avangardist*innen“ in 16 Haushalten befragt, die das mediale Internet, etwa anstelle der gedruckten Zeitung nutzen. Beim Gaming dominierten die Männer. Ansonsten gab es kaum Unterschiede zwischen den Partnern. Diese Angleichung erklärte das Forschungsteam damit, dass digitale Medien mittlerweile zum Alltag jüngerer Menschen gehören, die bereits in ihrer Jugend, außerhalb von Paarbeziehungen, gelernt haben, damit umzugehen. Doch die Medien bleiben weiterhin eng mit Geschlecht verwoben, denn für Männer ist Technikkompetenz stimmig mit ihrem Selbstverständnis als Mann, für Frauen ist sie nicht identitätsstiftend, sondern markiert weiterhin ein Spannungsfeld.

Hintergründe für digitalen Stress unberücksichtigt

Dieser Spannung zwischen Technik und der Zuweisung von Geschlechterrollen mag es auch geschuldet sein, dass die Wirkungen digitaler Medien als unterschiedlich dargestellt werden. Bei Vorstudien für ihr jüngstes Forschungsprojekt „Digitaler Stress in den Medien“ hat die Augsburger Kommunikationswissenschaftlerin Susanne Kinnebrock festgestellt, dass digitaler Stress als „Unvermögen, in gesunder Weise mit neuer Technologie umzugehen“ als Frauenproblem erscheint. Aus Sicht der Arbeitsmedizin werde unzuverlässige Technik dabei als weniger belastend empfunden als Leistungsüberwachung und Verlust der Privatsphäre, so Kinnebrock. Am stärksten gestresst fühlten sich Frauen zwischen 26 und 34 Jahren. Unberücksichtigt bleiben aber andere soziokulturelle Hintergründe für digitalen Stress – wie Alter und Bildungsstand.

Obwohl Frauen als Expertinnen in der Technikberichterstattung auch zu Wort kommen und die Zahl der weiblichen Technikjournalismus-Studierenden steigt, ist Technik weiterhin eng mit Männlichkeit verbunden, so Journalistikprofessorin Susanne Keil. Die Einschreibung von Geschlecht in Technik reiche hinein bis in Begrifflichkeiten wie „Schraubenmutter“ oder Vaterfür den Schallplattenrohling.

Um diese Vergeschlechtlichung von Technik aufzubrechen, müssten gesellschaftliche Formationen entlang von Gender, Alter, Ethnie, soziale Herkunft oder Bildungsstand analysiert werden, um ein „Set von Ungleichheiten zu dekonstruieren“, fasste Margreth Lünenborg zusammen. Bei der Kooperation von Informatik und Kommunikationswissenschaften warnte sie vor positivistischem Denken. Die Datenanalyse müsse in den gesellschaftlichen Kontext gestellt und ihre Relevanz hinterfragt werden.

 

 

 

 

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