#uploading_holocaust – unverfälscht erzählt

gebrueder beetz filmproduktion in Berlin: Dokumentation crossmedial

Mittsommernachtstango”, „Wagnerwahn”, „Die Frauen der Wikinger”, „Land der Erleuchteten oder Make Love” – nur einige der über 125 Dokumentationen und Kinodokumentarfilme, die die gebrueder beetz filmproduktion seit ihrer Gründung im Jahr 2000 produziert hat. Innovative Impulse auf dem dokumentarischen Markt hat die unabhängige Produktionsfirma aber vor allem mit ihren crossmedialen und transmedialen Formaten gesetzt, mit denen sie seit 2007 die klassischen Erzählstrukturen des Dokumentarfilms weiterentwickelt. M hat mit Tanja Schmoller, Cross Media Producerin bei gebrueder beetz, über das neue Crossmedia Projekt „#uploading_holocaust” gesprochen.

Dabei handelt es sich bei „#uploading_holocaust” eigentlich nicht um eine Dokumentation im klassischen Sinne, da für den Film ausschließlich YouTube-Material verwendet wurde. YouTube-Material, das von israelischen Jugendlichen während ihrer Reise nach Polen selbst aufgenommen, geschnitten, bearbeitet und hochgeladen wurde. In insgesamt 19.900 Clips filmen sich die Protagonisten beim Besuch der NS-Vernichtungslager, eine „Reise nach Polen“, die an israelischen Schulen zum Curriculum gehört. Im Film wurde dann eine Auswahl von 260 Clips verwendet.

Entstanden war das Projekt auf Initiative der zwei israelischen Filmemacher Sagi Bornstein und Udi Nir, die vor etwa drei Jahren begonnen haben, zum Thema des Umgangs mit dem Holocaust in Israel zu recherchieren und dabei auf etwa 10.000 Stunden YouTube-Material israelischer Jugendlicher gestoßen sind. Also eine Geschichte erzählen, die eigentlich schon erzählt wurde, so der Ansatz der Regisseure. Nichts wird nachgedreht, alles soll unverfälscht bleiben. Doch diese Geschichte sollte nicht nur in Israel erzählt werden. Als Nir und Bornstein während der Cross Video Days in Paris den Bayerischen Rundfunk (BR) und den Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) trafen, interessierten sich beide Sender sofort für diesen Filmstoff. Sie gaben den Tipp, sich an die gebrueder beetz filmproduktion zu wenden, da dies eine ideale deutsche Produktionsfirma dafür sei. Daraufhin haben sie mich angesprochen und einen ersten Trailer des Dokumentarfilms gezeigt. „Einen Trailer, der extrem emotional war”,­ erinnert sich Schmoller, „der sofort ein Diskussionsthema eröffnete, einfach auch, weil man Einblicke in eine Kultur bekommt, die wir auf diese Weise überhaupt nicht leben.” Emotional war auch die Diskussion im gebrueder beetz-Team, an deren Ende die Entscheidung stand, das Projekt umzusetzen, auch um die landläufige These zu entkräften, dass Jugendliche mit dem Thema Holocaust und Auschwitz nichts mehr anfangen könnten. Neben RBB und BR sollte für den österreichischen Markt außerdem der ORF in das Projekt involviert werden.

Kein erhobener Zeigefinger

Doch wie bekommt man ein solches Konzept auf den deutsch-österreichischen Markt? Die Idee kam auf, ­eine Schulklasse nach Auschwitz zu schicken und sie dabei zu filmen. Doch hätte dies der ursprünglichen Idee des Films und seinem authentischen Charakter geschadet. Zudem war man sich im Team einig darüber, den erhobenen Zeigefinger vermeiden zu wollen. Die Jugendlichen sollten vielmehr zu einer Auseinandersetzung mit dem Thema und Reflexion über das eigene Erinnern, den eigenen Umgang mit dem Holocaust angeregt werden. Aufgrund der Zielgruppe schien zudem eine crossmediale Erweiterung des Filmprojekts sinnvoll. Ob eine Filmidee crossmedial oder transmedial umgesetzt oder lediglich ein Dokumentarfilm produziert wird, hänge von der Geschichte selbst ab, wie sie sich erzählen lässt und wo man seine Zielgruppe erreicht, erzählt Schmoller. Soll eine Dokumentation vor allem ein jüngeres Publikum erreichen, so wie es bei „#uploading_holocaust” der Fall ist, ist ein Dokumentarfilm im klassischen linearen Fernsehen wenig zielführend, sondern müssen diejenigen Kanäle eingesetzt werden, die von den Jugendlichen genutzt werden: „Die Jugendlichen sollen dort abgeholt werden, wo sie zu Hause sind, also im Internet. Zudem gibt es in den Neuen Medien inhaltlich nur wenig Auseinandersetzung mit dem Holocaust”, sagt Schmoller. Deshalb entschied man sich bei der gebrueder beetz filmproduktion für die Entwicklung eines interaktiven Web-Projekts, für dessen Konzeption und pädagogische Begleitung mit der Agentur für Bildung Geschichte, Politik und Medien e.V. und dem Verein „erinnern.at” (Nationalsozialismus und Holocaust: Gedächtnis und Gegenwart; Vermittlungsprojekt des Bundesministeriums für Bildung und Frauen für Lehrende an österreichischen Schulen) zusammengearbeitet wurde. Das interaktive Storytelling der Website hingegen wurde vom gebrueder beetz-Team entwickelt. Anhand eines Fragebogens, der um Sequenzen aus dem Dokumentarfilm ergänzt wird, soll es Aussagen darüber ermöglichen, wie die Jugend­lichen selbst mit Erinnerungskultur konfrontiert werden beziehungsweise umgehen wollen. Gemeinsam mit den Experten Birgit Marzinka und Nadja Grintzewitsch von der Agentur für Bildung und Dr. Werner Dreier von „erinnern.at” wurde das Projekt für den Einsatz im Unterricht optimiert. Dennoch funktioniert „#uploading_holocaust” Interactive ebenso für den Einzeluser wie für eine Schulklasse. Vorgestellt werden die Ergebnisse der Befragung auf der Website Ende Januar 2017, im Rahmen einer Abschlussveranstaltung. Aber auch danach wird die Website noch weitere fünf Jahre online bleiben.

Um „#uploading_holocaust” zu den Jugendlichen zu bekommen, arbeiten die gebrueder beetz filmproduktion und ihre Kooperationspartner mit einer mehrgliedrigen Kampagne. Neben der TV-Ausstrahlung, in deren Rahmen auch das interaktive Webprojekt visuell eingebunden wird, soll das Projekt im Radio, etwa auf Radio Fritz und Puls, und zahlreichen Social Media-Kanälen, besonders auch auf YouTube mit einem eigenen Channel, crossmedial begleitet werden. Um es noch besser bei der Zielgruppe platzieren zu können, hat das gebrueder beetz-Team außerdem recherchiert und ist dabei auf den Berliner YouTuber Jakob Gentsch gestoßen, der vor einigen Jahren selbst in Auschwitz war und dort gefilmt hat. Gentsch ist nun das Gesicht des interaktiven Webprojekts, promoted es auf seinem YouTube Channel und wird in seinen Videos auch immer wieder Fragen beantworten. Und wenn es sein muss, so sagt Schmoller, dann geht das Team auch mal auf die Straße und verteilt Flyer, um ein Projekt zu bewerben.

Finanziert wird die dreimonatige aktive Projektphase durch die Koproduktionspartner BR, ORF, RBB sowie eine Förderung des Medienboards Berlin-Brandenburg und des Nationalfonds Österreich. Für die darauf folgenden fünf Jahre wird eine Kooperation mit der Landesanstalt für politische Bildung angestrebt, um eine jährliche Auswertung der Ergebnisse zu erhalten. Aktuell arbeiten an der Umsetzung des Gesamtprojekts etwa 15 Personen, dabei greift die gebrueder beetz filmproduktion auch auf externe Mitarbeiter zurück oder arbeitet mit Agenturen. Bei den öffentlich-rechtlichen Kooperationspartnern beschäftigen sich die Dokumentarfilmredaktion und etwa beim BR die Neue Medien-Redaktion mit der Produktion. Da also auch senderintern mehrere Redaktionen ideell an der Umsetzung sowohl des Films als auch des Webprojekts beteiligt sind, sind gut organisierte Kommunikationswege und regelmäßige Treffen aller Mitarbei­ter_innen nötig. Trotzdem sei es nicht immer einfach, erzählt Schmoller. Natürlich gebe es bei unterschiedlichen Partnern auch unterschiedliche Auffassungen an die  technischen Anforderungen des Films, über Vorgaben wie Untertitel oder Voice Over, etc. Schließlich sprechen wir hier von YouTube-Material, von Pixelfehlern, verschwommenen Aufnahmen, Handkameras, schlechtem Ton … Aber am Ende hat man sich dann für das Beste für den Film entschieden.

Weltpremiere in Leipzig

Ausgestrahlt wird die TV-Dokumentation am 8. November 2016 im BR, am 13. November im ORF und am 15. November im RBB. Weltpremiere feiert „#uploading_holocaust” hingegen schon auf dem Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm, DOK Leipzig, Ende Oktober, wo der Film in der Kategorie „Next Masters” im Wettbewerb ist. Das interaktive Webprojekt geht ebenfalls online und wird auf der DOK Leipzig während eines Launch-Events veröffentlicht. Die israelische Version des Films, die sich von der deutschen Variante in der Länge und ganz wesentlich im Storytelling unterscheidet, wurde bereits am 4. Mai 2016 anlässlich des Holocaust Memorial Days auf dem israelischen Privatsender Keshet ausgestrahlt.


Crossmedial

Bei Crossmedia Filmen wird eine abgeschlossene Geschichte auf unterschiedlichen medialen Kanälen, also beispielsweise TV, Web und Social Media, erzählt. Als Beispiel dafür kann die mit dem Grimme-Preis geehrte Crossmedia Produktion „Lebt wohl, Genossen! Interactive” gelten, bei der die Zuschauer in einem dokumentarischen Webformat den Geschichten der Protagonisten der TV-Serie mittels Postkarten folgen können.

Transmedial

Transmediale Projekte ent­wickeln eine Geschichte auf unterschiedlichen Kanälen weiter. So etwa bei der beetz-Produktion „#kunstjagd”, einer transmedialen Spurensuche, bei der sich die Suche nach einem 80 Jahre lang verschollenen Gemälde ausgehend von einer TV-Dokumentation in Radio-Podcasts, Social Media und Print-Reportagen fortsetzt und die Zuschauer_innen, Zuhörer_innen und Leser_innen zum Teil der Recherche macht.

 

 

nach oben

weiterlesen

In Bezug auf Trump an die eigene Nase fassen

Wenn die Präsidentschaft von Donald Trump am 20. Januar beendet ist, bleiben für Journalist*innen, Medienunternehmen und Social-Media-Plattformen einige Fragen offen: Warum hat man Trump so lange nicht ernst genug genommen, die Wirkung seiner Anschuldigungen und Lügen unterschätzt und ihn ungestraft Regeln brechen lassen? „Bei Trump müssen wir uns an die eigene Nase fassen“, meinte Dorothea Hahn beim Mediensalon.
mehr »

Zweite Runde: ver.di vs. Prinz von Preußen

In einer juristischen Auseinandersetzung mit Georg Friedrich Prinz von Preußen hat die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft Berufung beim Kammergericht Berlin eingelegt. Damit wehrt sich ver.di gegen eine auf Antrag des Prinzen von Preußen erlassene Einstweilige Verfügung des Landgerichts Berlin. Gegenstand ist eine Äußerung in einem Artikel des ver.di-Medienmagazins „Menschen Machen Medien“ vom Juli 2020.
mehr »

Endlich Novemberhilfe, leider nicht für alle

Endlich: Seit 12. Januar, so informiert die Bundesregierung, seien die technischen Voraussetzungen für die reguläre Auszahlung der „außerordentlichen Wirtschaftshilfe“ für den Monat November geschaffen. Die Länder starten mit der Überweisung der seit 25. November beantragten Gelder. Soloselbstständige konnten bis zu 5000 Euro Hilfen direkt beantragen. Doch bislang wurden bestenfalls Abschläge ausgezahlt. Was das für sie bedeutet und warum viele ganz durch Raster fielen, beleuchtet ein Projekt von Selbstständigen bei ver.di Niedersachsen-Bremen.
mehr »

Gut ausgebildet, doch prekär beschäftigt

Das globale Forschungsprojekt „Media for Democracy Monitor 2020“ (MDM), das Kommunikationswissenschaftler*innen im ersten Halbjahr 2020 in 18 Ländern weltweit durchgeführt haben, zeigt: Gut ausgebildet, schlecht bezahlt, in unsicheren Arbeitsverhältnissen beschäftigt – der Berufsstand der Journalist*innen weist in vielen Ländern der Welt erhebliche strukturelle Defizite auf. Das globale Langzeitprojekt analysierte Entwicklungen in Folge des „Digitalisierungsjahrzehnts“.
mehr »