Verleger Ippen stoppt Bericht über Bild-Chef

Wer kritisch berichtet, ist Regierenden oder anderen Machthabern und oft ein Dorn im Auge. Immer mehr Journalist*innen müssen deshalb weltweit fliehen. Foto: dpa/Oliver Berg

Seit gestern steht der Vorwurf des Machtmissbrauchs bei Springer durch Bild-Chefredakteur Julian Reichelt erneut im Licht der Öffentlichkeit. Journalist*innen des Ippen-Verlages wollten nach wochenlanger Recherche über neue Erkenntnisse berichten. Verleger Dirk Ippen stoppte die Veröffentlichung. Das Team „Ippen Investigativ“ protestiert, da dies „allen Regeln der unabhängigen Berichterstattung“ widerspreche. Auch die dju in ver.di sieht Ippens Vorgehen kritisch. Reichelt wurde inzwischen von allen Aufgaben als Bild-Chef entbunden.

„Ein solches Vorgehen ist unerhört und stellt einen schwerwiegenden Eingriff in die Pressefreiheit dar“, erklärte die Bundesvorsitzende der dju in ver.di, Tina Groll. Die Journalist*innen-Gewerkschaft stelle sich solidarisch an die Seite der betroffenen Kolleginnen und Kollegen des Ippen-Investigativteams, das dieses Vorgehen in einem internen Brief an Dirk Ippen als Mehrheitsgesellschafter anprangert, heißt es in einer dju-Medieninformation. Unterzeichnet wurde der Brief von Investigativchef Daniel Drepper, seinem Stellvertreter sowie zwei Reporterinnen.

Wie aus Berichten in der „New York Times“ sowie „Übermedien“ über die Axel Springer SE hervorgeht, hatte der 81-jährige Verleger die Veröffentlichung des Investigativteams aus persönlichen Geschmacksgründen gestoppt. „Es darf absolut nicht sein, dass Ängste, Sorgen, Zweifel und persönliche Vorlieben statt redaktioneller oder juristischer Gründe Investigativ-Recherchen verhindern“, so Groll. Große Medienhäuser wie der Ippen-Verlag hätten eine publizistische Verantwortung. Dazu gehöre auch die Einhaltung des Grundsatzes, dass Verlag und Redaktion getrennt arbeiten müssten.

Groll warnte zudem davor, dass durch Entscheidungen wie diese der strukturelle Sexismus im Journalismus aufrechterhalten bliebe. „Auf diese Weise entsteht ein Kartell des Schweigens, das jegliche Veränderung für mehr Toleranz, Gleichberechtigung und Vielfalt in den Redaktionen verhindert.“

Unter dem Titel „Vorwürfe über Sex, Lügen und eine heimliche Zahlung“ berichtete die „New York Times“ am Montag über interne Dokumente, die offenbar auch dem Ippen-Team vorgelegen hatten, sowie über eigene Recherchen zu den Zuständen bei Springer. Laut „Spiegel“ habe ein Ippen-Sprecher gegenüber der US-Zeitung bestätigt, dass der Verleger die Veröffentlichung gestoppt habe. Begründung: Man habe vermeiden wollen, durch eine Veröffentlichung die wirtschaftlichen Interessen eines Wettbewerbers zu schädigen.

Vorwürfe gegen Reichelt wegen möglichen Machtmissbrauchs, Mobbing und Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen waren bereits im Frühjahr öffentlich erhoben worden. Es kam zu einer internen Untersuchung bei Springer. Der Bild-Chef wurde einige Zeit freigestellt, durfte dann aber wieder an seinen Arbeitsplatz zurückkehren. Der Verlag teilte mit: Es hätte „keine Anhaltspunkte für sexuelle Belästigung oder Nötigung“ gegeben.


Update 20.15 Uhr

Bild-Chef von allen Aufgaben entbunden

Die Axel Springer SE hat „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben entbunden. Als Folge von Presserecherchen hatte das Unternehmen in den letzten Tagen neue Erkenntnisse über das aktuelle Verhalten von Julian Reichelt gewonnen. Diesen Informationen ist das Unternehmen nachgegangen. Dabei hat der Vorstand erfahren, dass Julian Reichelt auch nach Abschluss des Compliance-Verfahrens im Frühjahr 2021 Privates und Berufliches nicht klar getrennt und dem Vorstand darüber die Unwahrheit gesagt hat, heißt es in einer Springer-Presseinformation. Neuer Vorsitzender der dreiköpfigen Chefredaktion und Mitglied des Bild-Boards wird Johannes Boie, 37, derzeit Chefredakteur „Welt am Sonntag“.

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