Verpflichtung zur Aufklärung

Zeit nehmen für unabhängige und hintergründige Berichte über braunen Terror

„Unterwegs im rechtsradikalen Spektrum” bist Du als Journalistin oft und deshalb als Gesprächspartnerin gefragt. Was kann das dju-Seminar den Kollegen an die Hand geben?

ANDREA RÖPKE | Auf jeden Fall, dass es lohnt, sich tiefer mit diesem Thema zu beschäftigen und nicht nur Pressemitteilungen von Polizei und Verfassungsschutz zur Kenntnis zu nehmen.

Die Politologin und Journalistin Andrea Röpke publiziert seit Anfang der 1990er Jahre zum Neonazismus und ist insbesondere durch ihre Insider-Reportagen dazu bekannt. Ihre Reportagen sind Teil des Angebots der Bundeszentrale für politische Bildung. Sie schreibt außerdem für die Zeitschrift Der Rechte Rand. Foto: Eckhard Stengel
Die Politologin und Journalistin Andrea Röpke publiziert seit Anfang der 1990er Jahre zum Neonazismus und ist insbesondere durch ihre Insider-Reportagen dazu bekannt.
Ihre Reportagen sind Teil des Angebots der Bundeszentrale für politische Bildung. Sie schreibt außerdem für die Zeitschrift Der Rechte Rand.
Foto: Eckhard Stengel

Rassismus geht uns alle an. Menschenverachtende Ressentiments gehen heute von der sogenannten Mitte der Gesellschaft aus, wir können nicht mehr nur von Subkulturen am Rand reden. Gerade wir Medienvertreter haben nach der zufälligen Aufdeckung der Verbrechen des NSU eine ethische und aufklärerische Verpflichtung. Wir müssen noch kritischer sein und den Behörden genauer auf die Finger schauen. Investigative Recherche darf nicht nur eine Floskel sein. Wir müssen uns wieder Zeit nehmen können, um uns ein Bild zu machen und wirklich unabhängig und hintergründig zu berichten. Wir können einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag zur nachhaltigen Prävention gegen rechte Gewalt und Rassismus leisten. Journalistisch. Über 180 Tote rechter Gewalt verpflichten uns dazu.

Du wirst über Deine Erfahrungen bei der Berichterstattung in der Neonazi-Szene berichten. Vielleicht schon ein Beispiel im Vorgriff?

Es war eine aufwendige, jahrelange Recherche notwendig um endlich über die Heimattreue Deutsche Jugend (HDJ) berichten zu können. Inlandsgeheimdienste halfen nicht, sondern blockierten eher. Die gefährliche Neonazi-Erziehertruppe interessierte kaum Behörden. Engagierte Polizisten wurden mitten in den Ermittlungen versetzt. Wir wurden verfolgt, angegriffen, angezeigt. Ein kleines Büchlein war der erste Versuch, ausreichend über die HDJ zu berichten. Damit fing es an. Unsere Fotos, die wir zumeist heimlich gemacht haben, trieben das Thema voran. Ein wichtiges antifaschistisches Archiv in Berlin bekam interne Materialien, die wir alle akribisch auswerteten. Es dauerte bis 2009, bis die HDJ endlich verboten wurde. Leider schaut heute niemand mehr hin, wenn Neonazis weiterhin ihre Kinder in kleineren Lagern erziehen und drillen. Das ist die Crux: Wir haben so viel für Aufmerksamkeit und ein Verbot der HDJ getan. Aber ich habe wohl selbst indirekt dafür mit gesorgt, dass das Thema für viele heute erledigt scheint.
Ansonsten werde ich ein paar Recherche-Beispiele vorstellen: Eine Woche unter SS-Angehörigen, verdeckte Recherchen, Rausschmisse, Drohungen, Gewalt in der Szene sowie subversive Strategien, Frauen oder Neonazi-SiedlerInnnen. Eine breite Bandbreite – immer auch angelehnt an unsere Bücher „Stille Hilfe”, „Mädelsache”, „Neonazis in Nadelstreifen” und „Blut und Ehre” und andere.

Warum ist es so wichtig, nicht blauäugig an dieses Thema heranzugehen?

Weil wir in der Bundesrepublik ja sowieso kein Problem mit rechts haben – ironisch gesehen. Die Jahresberichte der Inlandsgeheimdienste verschleiern viel. Während der dreijährigen Recherchen zum rechten Terror ist mir klar geworden, dass hinter institutionellem Rassismus und der „Einzeltätertheorie” von rechts durchaus System steckt. Opfer rechter Gewalt werden nicht anerkannt. Polizei und Justiz decken nicht die ganzen braunen Netzwerke auf. Rassistische Hintergründe werden viel zu oft ausgeblendet. Wir hinterfragen Wehrsport und Waffenfunde viel zu wenig. Auch die Verbürgerlichungsstrategien von NPD und Kameradschaften gehen in vielen Regionen längst auf: Sie verankern sich, sind die Kümmerer und finden Akzeptanz. Allein die NPD finanzierte sich in den letzten 10 Jahren mit rund 10 Millionen Euro aus Steuergeldern. Makaber! Ausgerechnet das Geld des Staates, den diese Partei abschaffen möchte. Es gibt mittlerweile viele Orte, an denen die NPD keine Protestpartei mehr ist, sondern Stammpartei. Wir berichten viel zu selten über Hintergrundorganisationen und Netzwerke der Neonazis. Sie haben Brauchtumsvereine, Sportvereine, Kulturorganisationen und sind viel weiter verstreut in unserer Gesellschaft als viele ahnen. Doch wir als Journalisten müssen selbst recherchieren und uns nicht nur auf staatliche Aussagen und öffentliche Statements beschränken.

    Gespräch: Karin Wenk

nach oben

weiterlesen

Kunst darf an die Grenzen gehen

In einer am 26. Juli 2021 veröffentlichten Stellungnahme für das Bundesverfassungsgericht hat die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft einen als "Schmähgedicht" überschriebenen Vortrag von Jan Böhmermann 2016 im ZDF als "von der Kunstfreiheit gedeckt" bezeichnet. "Eine demokratische Gesellschaft muss aushalten können, dass Künstlerinnen oder Künstler in künstlerischer Form an Grenzen gehen, bis es schmerzt", erklärte ver.di-Bundesvorstandsmitglied Christoph Schmitz.
mehr »

Schnelle und konkrete Hilfe für Kollegen

Journalisten helfen Journalisten e. V. setzt sich für in Not geratene, an ihrer Arbeit gehinderte, misshandelte Kolleg*innen und die Hinterbliebenen getöteter Journalist*innen ein. Der gemeinnützige Verein wurde 1993 von Christiane Schlötzer-Scotland gegründet, deren Ehemann Egon Scotland während seiner Recherchen für die „Süddeutsche Zeitung“ im damaligen kroatischen Krisengebiet von einem Heckenschützen am 26. Juli 1991 ermordet wurde. M sprach mit dem Geschäftsführer des Vereins Carl Wilhelm Macke.
mehr »

Mehr Sicherheit für Medienschaffende

Die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di appelliert an die sächsische Staatsregierung, Maßnahmen zum Schutz von Journalistinnen und Journalisten insbesondere bei Demonstrationen zu ergreifen. Anlass ist die morgige (22. Juli) Debatte im Landtag über eine Große Anfrage der Linksfraktion. Demnach habe die Zahl der Angriffe gegen Medienschaffende in Sachsen im Jahr 2020 mit 29 registrierten Straftaten einen Höchststand erreicht. In mehr als der Hälfte der Fälle seien die Ermittlungen zudem eingestellt worden, heißt es in einer Pressemitteilung.
mehr »

Pensionskasse Rundfunk für Freie

Die Pensionskasse Rundfunk (PKR) feiert Geburtstag. Von den Gewerkschaften und den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten 1971 als Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit gegründet, hat die Pensionskasse für Freie in Film, Funk und Fernsehen heute mehr als 23.550 Mitglieder, davon rund 3.550 Rentner*innen. Mit 1,6 Milliarden Euro Bilanzsumme, einem Betragsaufkommen von 57,8 Millionen Euro jährlich und einer Brutto-Verzinsung von 2,1 Prozent hat die paritätisch verwaltete Kasse selbstbewusst „die Zukunft im Blick“.
mehr »