Die effektive Arbeit eines kommissarischen Vorstands

… und die Neuwahl

Aus einer vergleichsweise hilflosen Lage heraus mauserte sich innerhalb kürzester Frist ein kommissarischer Bundesvorstand zu einer schlagkräftigen Truppe.

Wie in «M» 12/97 berichtet, hatte die Bundesdelegiertenkonferenz der Fachgruppe Journalismus im Herbst 1997 darauf verzichtet, einen neuen Vorstand zu wählen. Personelle Auszehrung und eine überfällige Neuorientierung der Fachgruppenarbeit nannte die bis dahin amtierende Bundesfachgruppenvositzende Mechthild Kock als Gründe. Eine schlechte Mitgliederbetreuung, die mangelnde Präsenz in der Öffentlichkeit und eine unflexible Organisationsstruktur waren die Folgen. So wählten die Delegierten einen kommissarischen Bundesvorstand aus dem später Franziska Hundseder aus Karlsruhe als Sprecherin gewählt wurde; ihre Stellvertreter waren Malte Hinz und Gundula Lasch. Sie nahmen wenig Rücksicht auf Organisationsstrukturen, sondern meldeten sich in der Öffentlichkeit genauso zu Wort wie in mancher Ortsfachgruppe. Dies geschah nicht unbedingt systematisch („ums Haar hätten wir den Lauschangriff verpaßt“), aber effektiv. Innerhalb von neun Monaten war die IG Medien wieder ein selbstverständlicher Gespächspartner in den Medien. So jedenfalls liest sich der Rechenschaftsbericht des kommissarischen Bundesvorstandes, vorgetragen Anfang Oktober im Telekom-Bildungszentrum in Stuttgart bei der Bundesdelegiertenkonferenz der Fachgruppe Journalismus.

„Es war kein großer politischer Erfolg“, räumt Hundseder ein, denn das Abhören zu präventiven Zwecken habe man nicht verhindern können. Aber in den Bezirken und sogar in den Ortsvereinen sei es sehr wohl ein Erfolg gewesen. Es sei gelungen, an zahlreichen Orten unvermutet Demokraten mobilisieren zu können, die zusammen mit der IG Medien als Rechtsanwälte, Schriftsteller, Ärzte, Psychologen und Seelsorger ihren Protest kund taten.

An diesem Beispiel erläuterte Hundseder das Erfolgsrezept des kommissarischen Bundesvorstandes. Ideen von „oben“ werden „unten“ aufgegriffen, weil man dort die Leute kennt. In der Provinz gab es zahlreiche Anti-Lauschangriff-Aktionen. Umgekehrt werden Anfragen von der Basis beim Bundesvorstand sofort in eine Aktion umgesetzt: „Ich freute mich über Faxe von Euch mit der Bitte um Stellungnahme“, strahlte Hundseder in Stuttgart. Um Stellungnahmen war sie nicht verlegen, wie eine Liste von Pressemitteilungen belegte.

Alle Bundesvorstandssitzungen begannen mit einer Berichtsrunde aus den Landesfachgruppen, um sich einen Überblick über die Lage an der Basis zu verschaffen. Zur Mitgliederwerbung wurde ein „Service-Scheckheft“ gedruckt, das über die Leistungen der IG Medien für die Mitglieder der Fachgruppe informiert. Die Mitgliederzahl stieg von 18700 auf 19129, ein Drittel davon sind Frauen. Die Zahl der Redakteure ging leicht zurück, Teilzeitbeschäftigte und Volos stiegen etwas an. Die Zahl der Freien aber stieg um rund 450, womit diese Berufsgruppe (8712) die relative Mehrheit in der Fachgruppe stellt. Im neuen Vorstand wird die neue Vorsitzende, Franziska Hundseder, von Manfred Protze aus Oldenburg (Redakteur bei DPA) und Udo Milbret aus Oberhausen (Fotograf und Bildredakteur bei der WAZ) vertreten. Die Beisitzer aus den Landesbezirken sind Holger Wenk (Berlin-Brandenburg), Frank Wiebrock (Niedersachsen/Bremen), Franz-Josef Hanke (Hessen), Malte Hinz (Nordrhein-Westfalen) (der leider vor dem Gruppenfoto abreisen mußte), Gundula Lasch (Südost), Susanne Stracke-Neumann (Bayern), Günter Frech (Nord), Herbert Steins (Rheinland-Pfalz/Saar) und Jutta Thoma (Baden-Württemberg).

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