Marokko: Equipe Media durchbricht Blockade

Marokkanische Sicherheitskräfte räumten am 8. November 2010 das Protestcamp „Gdaim Izik“, am Stadtrand von El Aaiún, Hauptstadt der Westsahara. Medienberichten zufolge kam es an diesem Tag auch zu Zusammenstößen der Sicherheitskräfte mit Demonstranten, bei denen mehrere Menschen getötet wurden. Das Handy-Foto wurde von der Maghreb Arab Press Agency (MAP), der offiziellen marokkanischen Nachrichtenagentur, zur Verfügung gestellt. Foto: picture alliance

„Es geht uns darum, die Informationsblockade zu durchbrechen. Wir zeigen, was Marokko verheimlichen will“, erklärt Ahmed Ettanji, Journalist und Aktivist in El Aaiún, der Hauptstadt, der von Marokko seit 1976 besetzten ehemaligen spanischen Kolonie Westsahara. Ettanji ist Chef von Equipe Media. Die unabhängige, sahrauische Agentur verbreitet vor allem Berichte über Menschenrechtsverletzungen unter der Besatzung. Das Gespräch fand per Videokonferenz statt.

Equipe Media gehören 25 Journalisten an. Hinzu kommt ein breites Netzwerk von Beobachtern überall in den besetzten Gebieten, die mehr als zwei Drittel der Westsahara ausmachen. Der Rest ist in den Händen der Befreiungsbewegung Polisario und der Exilregierung der Demokratischen Arabischen Republik Sahara (DARS) in den Flüchtlingslagern in Algerien. Die Westsahara ist etwas größer als die alte Bundesrepublik. Sie liegt an Afrikas Westküste, direkt gegenüber den Kanarischen Inseln.

„Hier in den besetzten Gebieten gibt es keine unabhängige Presse, keine Korrespondenten. Internationale Beobachter werden auch so gut wie nie hereingelassen.“ Deshalb habe der 32-jährige Ettanji 2009 mit anderen die unabhängige Agentur Equipe Media gegründet. Die Idee für die Agentur entstand bereits nach 2005. „Damals begann die sahrauische Intifada, die völlig gewaltfrei war“, berichtet Ettanji. Dennoch war die Repression gegen die Bewegung äußerst brutal. Aber: „Es gab kaum Bilder, kaum Videos, von dem, was hier geschah“, erinnert sich der Journalist.

Equipe Media nahm sich zum Ziel, genau diese Menschenrechtsverletzungen und auch die wirtschaftliche Plünderung der Westsahara durch Marokko – vor allem Fischerei und Phosphatabbau – zu dokumentieren. „Bürgerjournalismus“ nennen sie das. Die Arbeit der Journalisten von Equipe Media ist nicht ungefährlich. So ist es zum Beispiel ein Delikt, Polizei bei der Arbeit aufzunehmen oder Demonstrationen zu filmen. Sechs Mitglieder der Agentur sitzen unterschiedlich lange Haftstrafen ab. Auch Ettanji wurde von den marokkanischen Besatzungskräften bereits 15 Mal verhaftet, verhört und misshandelt. „Wir arbeiten unter höchsten Vorsichtsmaßnahmen, fast völlig klandestin“, erklärt Ettanji. Dennoch war Equipe Media dabei, als 2010 in Gdeim Izik ein sahrauisches Protestcamp von der marokkanischen Polizei geräumt wurde. Vier der 19 Teilnehmer des „Camps der Würde“, die deshalb Haftstrafen zwischen 20 Jahren und lebenslänglich absitzen, gehören zu Equipe Media.

Obwohl die Journalisten immer wieder festgenommen und ihre Kameras und Computer beschlagnahmt oder gar zerstört werden, arbeitet Equipe Media weiter. Bilder, Videos und Texte werden über die sozialen Netzwerke und Videoplattformen im Internet verbreitet. „Wir haben nach und nach den Ruf erworben, eine zuverlässige Quelle zu sein“, erklärt Ettanji nicht ohne Stolz. Die Agentur erhielt für ihre Arbeit mehrere internationale Journalistenpreise, meist in der spanischsprachigen Welt. Und 2017 wurde der 17-minütige Dokumentarfilm „3 Stolen Cameras“ beim Dokumentarfilmfestival DOK-Leipzig prämiert.

Seit am 13. November, nach einem Bruch des 1991 von den Vereinten Nationen vermittelten Waffenstillstandes durch Marokko, die Polisario den Kriegszustand ausrief, sind die Informationen des Equipe Media, so wichtig wie schon lange nicht mehr. Vor allem die spanische Presse und internationale Menschenrechtsorganisationen gehören zu denen, die Equipe Media kontaktieren.

Denn seit dem Kriegsausbruch im November nimmt die Überwachung und Repression in den besetzten Gebieten wieder zu. Demonstrationen werden brutal aufgelöst, Hausdurchsuchungen gehören zur Tagesordnung, Aktivisten werden überwacht. „Immer mehr Truppen und Polizeieinheiten werden in die Städte der Westsahara verlegt. Die Städte wurden regelrecht eingenommen. Überall sind Kontrollpunkte errichtet worden. Entlang der großen Straßen stehen Mannschaftswagen mit Sondereinheiten“, erklärt Ettanji. Die wenigen Bilder, die es davon gibt, stammen von Equipe Media.

Von der mehr als eine halbe Million Einwohner der besetzten Gebiete sind weniger als 100.000 Sahrauis, der Rest sind Marokkaner, die seit den 1970er Jahren übersiedelten. Rund 170.000 Sahrauis leben in den algerischen Flüchtlingslagern. Das Referendum, das die UNO 1991 versprach, hat bis heute nicht stattgefunden. Die dazu nötige Erstellung von Listen der Wahlberechtigten scheiterte an Marokko.

„Die Polizei hält immer wieder vor allem junge Sahrauis an. Sie konfiszieren die Telefone. Wer zum Beispiel ein Foto von der Fahne der Exilregierung auf dem Handy hat oder Aufnahmen von Protesten, wird sofort festgenommen“, erklärt Ettanji. Häuser von bekannten Aktivisten werden besonders scharf überwacht, natürlich auch das von Ettanji selbst. Das führt mitunter zu skurrilen Szenen. Ettanjis Hochzeit war schon seit langem auf den 21. November angesetzt. „Mein Haus und das meiner Verlobten, die ebenfalls Journalistin ist, wurde umstellt. Niemand durfte rein oder raus“, erzählt Ettanji. Mitten in der Nacht konnten sich die beiden doch noch sehen und vermählen. „Völlig geheim, ohne Familie und ohne Gäste“, erklärt Ettanji und lächelt dabei.

 

 

 

 

nach oben

weiterlesen

Hoffnungsschimmer in Tansania

Bei seinem Amtsantritt 2015 galt John Pombe Magufuli als Hoffnungsträger. Tansanias Präsident sagte der Korruption den Kampf an, inspizierte höchstselbst marode Krankenhäuser und entließ medienwirksam Leitungspersonal. Doch bald schon schoss sich der Mann mit dem Spitznamen „Bulldozer" auf die Presse ein und ließ Medienhäuser schließen. Nach seinem Tod Ende März kündigte Nachfolgerin Samia Suluhu Hassan nun Lockerungen an. Noch aber ist die Hoffnung ein zartes Pflänzchen.
mehr »

Antisemitismus im Netz mit KI bekämpfen

In den letzten Jahren ist in Chats, Foren und sozialen Medien ein dichtes Geflecht aus populistischen Blogs, fiesen Trollen und organisierten rechten Gruppen entstanden. Sie verbreiten antisemitische Verschwörungsphantasien und streuen gezielt Desinformationen. Nicht immer zeigt sich ihr Antisemitismus dabei offen. Zunehmend werden verklausulierte Formulierungen und Bilder verwendet. Eine Künstliche Intelligenz soll diese nun aufdecken und Redaktionen eine Hilfe sein, wenn sie Kommentarspalten moderieren
mehr »

Prekäre Beschäftigung in Medien nimmt zu

Nachrichtenmedien bleiben auch im Zeitalter von Digitalisierung und Internet unverzichtbar. Sie werden vor dem Hintergrund von Fake News und Manipulation für demokratische Länder sogar immer wichtiger. Zugleich nehmen prekäre Beschäftigungsverhältnisse überall zu. Das geht aus den nun veröffentlichten Ergebnissen des Forschungsprojektes „Media for Democracy Monitor 2021 (MDM)" hervor. Die Studie signalisiert zudem Handlungsbedarf bei der Gleichstellung der Geschlechter, nicht zuletzt in Deutschland.
mehr »

Türkischer Journalist nach fünf Jahren frei

Der türkische Journalist Ahmet Altan ist am Mittwoch nach fast fünf Jahren aus der Haft entlassen worden. Die Entscheidung fällte ein Berufungsgericht, wie die Journalistenvereinigung Reporter ohne Grenzen auf Twitter mitteilte. Die Freilassung des 71-Jährigen erfolgte einen Tag, nachdem der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) die Türkei wegen der langen Untersuchungshaft für Altan und seinen Kollegen Murat Aksoy verurteilt hatte.
mehr »