Brücke zur neuen Heimat

Die muttersprachlichen Radio-Angebote der ARD

Es sollte eine Antwort des öffentlichen Hörfunks sein auf die steigende Ausländerfeindlichkeit der 90er Jahre: die bundesweite Multikulti-Welle der ARD. Doch eine Einigung über Form und Inhalt dieser Welle ist bisher nicht zustande gekommen. Nachdem die gemeinsamen Bemühungen zweimal gescheitert sind, haben die einzelnen ARD-Rundfunkanstalten jetzt getrennte Wege eingeschlagen. Parallel dazu wird noch immer versucht, zumindest einen Minimalkonsens zu finden. Die jüngsten Vorschläge sehen ein gemeinsames Rahmenprogramm mit regionalen Fenstern vor.

Den Stein ins Wasser geworfen hat Fritz Pleitgen, damals WDR-Hörfunkdirektor, als er auf einer Tagung des Adolf-Grimme-Instituts in Köln 1993 eine muttersprachliche Radiowelle für die gesamte Bundesrepublik vorschlug. Solingen und Mölln waren noch frisch in Erinnerung, und die Medien schienen die Verantwortung für das ausländerfeindliche Klima in Deutschland mit übernehmen zu wollen. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten machten sich die aktive Förderung der Integration zur Aufgabe. Der Dialog zwischen Ausländern und Deutschen sollte durch spezifische Sendungen gefördert werden. Die muttersprachlichen Abendsendungen in den Sprachen italienisch, türkisch, griechisch, spanisch und serbo-croatisch, die jeden Tag ab 19 Uhr im gesamten Bundesgebiet ausgestrahlt werden, boten sich als Basis für das Projekt an. In Form und Inhalt sollten sie jedoch überarbeitet werden. Als Ergänzung schlug der WDR Sendungen vor, die von Ausländern und Deutschen gemeinsam gestaltet werden. Die Sprache dafür sollte deutsch sein.

Die muttersprachlichen Sendungen gehen auf das Jahr 1964 zurück, und sollten ursprünglich eine Brücke zur Heimat der „Gastarbeiter“ bilden. Man ging damals davon aus, daß die Migranten früher oder später in ihre Heimat zurückkehren würden. So gesehen schien es notwendig, die Menschen in ihrer Muttersprache über die politische, kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung in ihren Herkunftsländern zu informieren.

30 Jahre später hatte sich die Situation erheblich gewandelt. Die Mehrzahl der Migranten hatte Deutschland zu ihrem Lebensmittelpunkt gewählt. Damit standen auch die Sendungen vor einer neuen Aufgabe: sie sollten den ausländischen Mitbürgern neben den Nachrichten aus ihrem Herkunftsland auch Informationen über Deutschland anbieten. Darüber hinaus mußten sie sich einer neuen Konkurrenz stellen: in den 80er Jahren entstand die Möglichkeit, per Satellitenschüssel, ganztägig die Programme der Herkunftsländer zu empfangen.

Über Satellit die Programme der Heimatländer

Doch das birgt auch Gefahren in sich: die Nachrichten entsprechen nicht immer einer demokratischen Gesinnung und entziehen sich vollkommen der deutschen Medienpolitik. Außerdem beklagen viele Sozialarbeiter eine zunehmende Entfremdung der Ausländer. Denn diejenigen, die sich nur noch die Fernsehsendungen ihrer Heimatländer ansehen, sind weniger denn je über das politische und kulturelle Leben in Deutschland informiert.

Dennoch ist die Konkurrenz nicht als Herausforderung verstanden worden. Im Gegenteil. Die muttersprachlichen Abendsendungen sind fast überall auf die Mittelwellen-Frequenz verdrängt worden. Die Entscheidung wurde unter anderem auch damit begründet, daß diese Sendungen nicht mehr zum Profil der Sender paßten. Es sei unvorstellbar – so wurde argumentiert – daß auf einem Sender mit regionalen Informationen und volkstümlicher Musik um 19 Uhr plötzlich türkische oder italienische Beiträge zu hören sind.

Auf der Mittelwelle verloren die Sendungen jedoch weiter Zuhörer, und in der ARD wurden die Stimmen derjenigen immer lauter, die eine deutliche Verkürzung der Sendezeit verlangten. Die Zeit war reif für eine Reform. Die Sendungen sollten sich nicht mehr nur an die „Gastarbeiter“ wenden, sondern auch an deren in Deutschland geborene Kinder und ihre Familien. Sie sollten aber auch deutschen Hörern geöffnet werden. Außerdem galt es, die neuen Migrationsströme aus dem Osten zu berücksichtigen.

Projekt Funkhaus Europa

Unterschiedliche Ansichten gab es jedoch über Form und Inhalt der Reform. Einige plädierten für rein deutsche Sendungen, andere waren eher für mehrsprachige. Schließlich wurde eine Arbeitsgruppe gebildet, die einen Vorschlag für ein „Funkhaus Europa“ erarbeiten sollte. Nach zähen Verhandlungen wurde ein Kompromißvorschlag vorgelegt: Im Programm sollten sich die Erfahrungen der verschiedenen Ausländerredaktionen niederschlagen. Das hätte in etwa so ausgesehen: Am Vormittag deutsche Moderation und Beiträge in Fremdsprachen, nachmittags dann deutsche Sendungen von, mit und über Ausländer und am Abend in gekürzter Form die muttersprachlichen Sendungen.

Doch als das Projekt im Februar 1996 den ARD-Rundfunkdirektoren vorgestellt wurde, wurde es abgelehnt. Das „Nein“ der Direktoren war aber nicht inhaltlich begründet. Als Gründe wurde vielmehr angeführt, die Finanzierung und die Frequenz seien nicht gesichert. Auch ein zweiter Verschlag, der vorsah, die Abendsendungen von 40 auf 20 Minuten zu kürzen, um Platz für ein „Forum Europa“ und ein „Forum Deutschland“ zu machen, fiel durch. Das Projekt wurde auf Eis gelegt.

Ganz aufgeben wollte der WDR das „Funkhaus Europa“ jedoch nicht. Da ein dritter Anlauf auf Bundesebene nicht sehr erfolgversprechend schien, gründete der WDR im September vergangenen Jahres ein „kleines Funkhaus Europa“, ein 12-Stunden-Programm jeden Tag von 18 bis 6 Uhr. Von 18 bis 19 Uhr wird das Multikulti-Magazin „Cosmo“, ausgestrahlt. Nach den muttersprachlichen Abendsendungen bis sechs Uhr morgens werden Sendungen anderer deutscher und europäischer Rundfunkanstallten übernommen. Im Januar wurden die muttersprachlichen Sendungen um 10 Minuten gekürzt, um Sendungen auf polnisch und russisch Platz zu machen. Ab dem 5. Mai soll das Funkhaus Europa auf 24 Stunden erweitert werden. Uber die Inhalte der Sendung hat der WDR jedoch noch keine Angaben gemacht. Auch über die Kosten hüllt der Sender sich in Schweigen. Für die neue Welle ist eine Frequenz frei geschaltet worden, die allerdings in Nordrhein-Westfalen nicht flächendeckend ist.

Multikulti-Programme bei SWR und SFB

Parallel dazu ist auch der SWR mit einem neuen Multikulti-Magazin auf Sendung gegangen. Das Programm wird gleichzeitig in verschiedenen Sprachen gesendet. Das ist mit Hilfe der neuen DAB-Technik (Digitales Radio) möglich, bei der der SWR eine führende Rolle spielt. Die digitale Technik bietet zwar viele Möglickeiten, hat aber einen entscheidenden Nachteil: DAB- Empfangsgeräte sind kaum verbreitet. Die Sendung wird aber auch über Astra Digital Radio, Internet und Mittelwelle ausgestrahlt. Wieviele Hörer mit dem Programm, das am Wochenende von 18 bis 19 Uhr ausgestrahlt wird, erreicht werden, ist bisher noch nicht untersucht worden.

Der SFB hat sein Programm SFB-Multikulti seit der Gründung im Jahr 1994 kontinuierlich ausgebaut und vor allem finanziell gesichert. Das damalige Modellprojekt hat sich nun etabliert. Von 6 bis 17 Uhr wird ein auf deutsch moderiertes Programm mit Nachrichten auch in französisch und englisch gesendet. Die besondere Musikfarbe mit Klängen aus aller Welt ist eines der stärksten Merkmale des Senders. Ab 17 Uhr folgen muttersprachliche Sendungen: neben den klassischen „Gastarbeitersprachen“ wird albanisch, arabisch, persisch, polnisch, russisch und vietnamesisch angeboten. Auch der SFB Multikulti übernimmt zahlreiche Sendungen von anderen Rundfunkanstallten, unter anderem auch „Rendezvous in Deutschland“, eine vom Hessischen Rundfunk produzierte Sendung, die in ihrer Form einmalig in Deutschland ist: In einer Studiodiskussion von 35 Minuten wird sonntags ab 12 Uhr mit deutschen und nichtdeutschen Experten über ein Schwerpunktthema gesprochen. Hinzu kommen zweisprachige Programmteile. Der Hessische Rundfunk sendet außerdem ein wöchentliches „Gesellschaftsforum“ und eine regionale Sendung in den Sprachen der früheren Anwerbeländer.

Auch der Saarländische Rundfunk behielt, trotz finanzieller Schwierigkeiten, die „mezz’ora italiana“, eine regionale Sendung für italienische Hörer, bei. Die muttersprachlichen Sendungen wird der SR demnächst am Vormittag ausstrahlen: allerdings mit Nachrichten und Berichten vom Tag zuvor! Ein bundesweites „Funkhaus Europa“ scheint zur Zeit in weite Ferne gerückt zu sein. Als größter Gegner des Projektes gilt der Bayerische Rundfunk. Er ist nicht nur gegen eine Reform der muttersprachlichen Abendsendungen, sondern auch gegen deutschsprachige Sendungen, die sich speziell mit Integrationsproblemen befassen. Denn diese Problemen könnten, so der Leiter der bayerischen Ausländerredaktion, Wagner-Grey, besser „im normalen Programm“ erörtert werden.

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