Den Monopolen im Netz den Kampf ansagen

Thomas Wagner, Soziologe und freier Journalist in Berlin Foto: privat

In seinem aktuellen Buch „Das Netz in unsere Hand“ schreibt der Soziologe und freie Journalist Thomas Wagner aus Berlin über die Folgen des Datenkapitalismus, die großen Monopolkonzerne im Internet und wie man ihnen begegnen könnte. Helge Buttkereit hat mit ihm über die Thesen seines Buches gesprochen.

M | Das Internet hat sich nach Ihrer Analyse zu einem Netz der Konzerne entwickelt, die mit ihren Plattformen alles dominieren. Wie ist es dazu gekommen?

Thomas Wagner | Das Geschäftsmodell der Konzerne beruht darauf, möglichst viele Nutzer auf ihre Plattformen zu locken. Sie bieten Dienstleistungen an wie beispielsweise die Google-Suche oder das soziale Netzwerk Facebook. Damit schöpfen sie Nutzerdaten ab. Die Nutzer werden in eine Umsonstfalle gelockt, so der Philosoph Wolfgang Fritz Haug, in der sie alle möglichen Daten eingeben sowie unbewusste Verhaltensdaten liefern, aus denen ein Datenprodukt erzeugt wird. Je mehr Menschen etwa bei Facebook mitmachen und ihre Daten eingeben, indem sie glauben, einer Freizeitbeschäftigung nachzugehen, umso passgenauer können Nutzerprofile erstellt werden. Der Social-Media-Wissenschaftler Christian Fuchs spricht davon, dass die Nutzer auf solchen Plattformen unbezahlte Arbeit leisten. Wir haben es mit einer neuen Form von Ausbeutung zu tun. Sie geschieht, ohne dass die Nutzer sich ausgebeutet fühlen.

Sie schreiben, Google, Amazon, Facebook gefährden die Freiheit. Warum ist das Ihrer Ansicht nach so und was wäre dem entgegenzusetzen?

Die großen Konzerne sind als Wirtschaftsunternehmen in dramatisch kurzer Zeit zu Supermonopolen gewachsen. Sie tendieren dazu, große Teile der demokratischen Gemeinwesen zu unterwandern und ihre Interessen massiv in das einzubringen, was man Zivilgesellschaft nennt. Um ein Beispiel zu nennen: Es ist für ein demokratisches Gemeinwesen sehr wichtig, dass Bildungs- und Forschungseinrichtungen über bestimmte Zukunftsfragen wie solche der digitalen Entwicklung arbeiten können. Wenn die Forschung zum Verhältnis von Internet und Gesellschaft nur noch privat finanziert wird, etwa wie das Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft, das am Anfang komplett und jetzt nahezu komplett von Google finanziert wird und auf der anderen Seite die bis dahin vorhandenen Lehrstühle für Informatik und Gesellschaft abgewickelt worden sind, dann ist das ein Ungleichgewicht, das ich für demokratiegefährdend halte.

Ist das nicht ein Grundproblem der Wissenschaft im Kapitalismus?

Sicher, aber es ist ja auch eine Frage der Dimension und des Umfangs. In dem Zusammenhang spielt die enorme Geschwindigkeit eine Rolle, mit der diese Monopole innerhalb von zehn bis zwölf Jahren fast weltumspannend gewachsen sind. Die politischen Parteien, die Gewerkschaften, die Parlamentarier konnten gar nicht so schnell im Lexikon nachgucken, was Internet eigentlich ist, so kann man das dramatisch auf den Punkt bringen, und dann waren sie schon fast völlig entmachtet. Sie haben dann in ihrer Hilfslosigkeit nach Expertenwissen gesucht, das aber fast schon komplett von den Interessen dieser großen Konzerne dominiert war.

Welche Folgen hat die Entwicklung für die Medienwelt? Ist das Internet nicht vielleicht auch eine Chance, da die traditionellen Medien in der Hand großer Konzerne das Meinungsmonopol verloren haben?

Natürlich kann man mit den schon bestehenden Machtverhältnissen im Medienbereich als kritischer Journalist nicht zufrieden sein. Insofern schien es am Anfang so, als wenn durch das Internet und seine Möglichkeiten, etwa das Bloggertum, andere Stimmen zu Gehör kommen. Eine Gegenöffentlichkeit, ein Gegengewicht schien möglich. Das ist unbedingt notwendig und richtig. Allerdings hat sich das Ganze wieder relativiert. Kleine linke oder kritische, progressive, demokratische Internet-Öffentlichkeiten haben den Einfluss des Springer-Verlags zwar ein wenig korrigiert. Das ist positiv. Aber dann traten noch größere Riesen auf wie Yahoo und Google und haben auch noch einen Teil der besonders fortschrittsaffinen Bloggerszene mit eingekauft. In den USA stellte Google 2011 zum Beispiel die Cnet-Bloggerin Caroline McCarthy oder den Silicon Valley-Blogger Louis Gray ein. Die Entwicklung ist an einem Punkt ein kleines bisschen besser geworden, aber an hundert weiteren Punkten tausendmal schlimmer.

Google versucht, auch die Zeitungen für sich zu gewinnen und stellt im Rahmen der „Digital News Initiative“ einen Fördertopf mit 150 Millionen Euro für digitalen Journalismus bereit. Welche Folgen kann das für die Medien haben?

Das ist eine paradoxe Situation, dass die große Internetplattform in privater Hand den großen Zeitungen die Anzeigenkunden wegnehmen und dann ausgerechnet die gleichen großen Konzerne sich hinstellen und sagen: Leute, wir zeigen euch mal, wie es geht mit dem Internet. Google lädt alle Zeitungen ein, auch kleine linke Zeitungen, mitzumachen. Sie werden in eine Form der digitalen Medienwelt hineingezogen, in der sie selbst gar nicht mehr die Infrastrukturarbeit leisten – die nimmt Google ihnen ab. Es geht dem Konzern nicht darum, wie man einen Zeitungsmarkt so gestalten kann, dass er den klassischen Anforderungen an Information, demokratischen Austausch, Meinungsvielfalt gerecht wird. Die Verlage lassen sich die Strukturen des Informationsmarktes stattdessen von einem Monopolkonzern erklären. Große Zeitungen denken natürlich, sie sind schlau genug, rechtzeitig die Reißleine zu ziehen. Da jedoch im Endeffekt das Interesse am Profit im Vordergrund steht, könnten kurz- oder mittelfristig profitable Entscheidungen langfristig zu einer weiteren Aushöhlung der demokratischen Öffentlichkeit führen.

In dem Zusammenhang des Aufstiegs der sozialen Medien ist das Berufsbild des „Social Media-Redakteurs“ entstanden. Können Medien die Mechanismen von Google, Facebook und anderen großen Plattformen für sich nutzen?

Grundsätzlich würde ich sagen nein. Im Speziellen gibt es immer Schlupflöcher, mit denen sich ein einzelnes Unternehmen gegenüber dem Konkurrenten gewisse Vorteile durch Social Media erstreiten kann, beispielsweise Springer gegenüber Burda, je mehr man über die Mechanismen weiß. Allerdings würde das nichts am Verhältnis zu diesen Internet-Monopolisten ändern. Das wäre gewissermaßen ein Nullsummenspiel.

Wie könnten Gegenstrategien aussehen?

Das große Problem besteht darin, dass über Gegenstrategien momentan noch unzureichend diskutiert wird. Alles schaut auf die Welt der großen Konzerne wie das Kaninchen auf die Schlange. Alle sind gebannt von der Furcht, den Anschluss zu verpassen. Sie passen sich an eine scheinbar naturwüchsig verlaufene technologische Entwicklung an. Ich selbst stelle am Ende meines Buches nur einen Ausblick dar, in welche Richtungen solch eine Entwicklung gehen könnte. Mehr kann ich als einzelner Autor kaum machen. Man sollte zum Beispiel ernsthaft darüber nachdenken, wichtige Dienstleitungen, die von den großen privaten Internet-Konzernen angeboten werden, in eine öffentlich-rechtliche Form zu bringen. Es müsste darüber diskutiert werden, ob man bestehende Konzerne vergesellschaftet/verstaatlicht oder ob man attraktive Alternativangebote schafft. Ebenso wäre zu klären, ob man neue öffentlich-rechtliche Anstalten aufbaut oder die bestehenden Anstalten ergänzt.

Das geht sicher nicht so einfach?

Es müssten zum Beispiel eine Reihe von neoliberalen Bestimmungen, die in der Europäischen Union installiert worden sind, verändert oder abgeschafft werden. Es gibt beispielsweise einen gesetzlichen Rahmen, der vorsieht, dass staatliche Anbieter privatwirtschaftlichen Unternehmen keine Konkurrenz machen dürfen. Aber die genannten Konzerne sind keine unscheinbaren kleinen oder mittleren Unternehmen, sondern große Monopole mit Markt- und Meinungsmacht. Dem müssen wir entgegenwirken.

Sie haben auf die öffentlich-rechtlichen Anstalten hingewiesen. Die sind ja bereits im Internet, bei YouTube oder Facebook zu finden. Was ist das konkret Andere, das Ihnen vorschwebt?

Es geht nicht darum, dass ARD und ZDF auch auf YouTube sind, sondern es geht darum, dass ARD und ZDF selbst eine Art YouTube betreiben sollten. Falls aber eine Anstalt solch eine Plattform anbieten würde, auf der Nutzer Videos teilten, wäre das heute in der EU gar nicht möglich.

Was wäre der konkrete Unterschied einer solchen Plattform zu den Bestehenden?

 Der wesentliche Unterschied wäre, dass es nicht um Profite geht. Es ginge nicht um eine kommerzielle Ausbeutung von Nutzerbewegungen auf dieser Plattform. Aus den Verhaltensdaten der Nutzer würde nicht die Macht eines privaten Unternehmens gestärkt. Es wäre ein unkommerzielles Angebot, das man über Gebühren finanzieren könnte, aber nicht notwendigerweise nur über Nutzergebühren, sondern auch darüber, dass man die großen Konzerne zur Kasse bittet. Dieses Angebot würde gesellschaftlich-demokratisch kontrolliert, wobei auch über die Frage, wie das laufen kann, eine Debatte geführt werden müsste. Es müsste zudem ein Rahmen geschaffen werden, der nicht nur auf Unterhaltung und Zeitvertreib aus ist, sondern in dem auch politische und gesellschaftliche Bildungsformate und Foren entstehen.

Gegen solche Alternativen würden die Konzerne mit allen Mitteln ins Feld ziehen, vor allem mit ihren Anwälten und Lobbyisten. Zudem würden sie noch mehr als bisher inhaltlich versuchen, mit Unterhaltungsangeboten zu punkten?

Schon in der Bibel kämpft David gegen Goliath und der Kleine gewinnt. Der Schriftsteller und Journalist Dietmar Dath hat einmal gesagt, auch die Mächtigen schliefen einmal und deren Schlaf müsse man nutzen. Die Konzerne können nicht alles jederzeit überblicken und alle möglichen Interventionen vorwegnehmen. Man muss nach den Lücken Ausschau halten, die sich bieten.


„Das Netz in unsere Hand! Vom digitalen Kapitalismus zur Datendemokratie“, PapyRossa Verlag, Neue Kleine Bibliothek 243,166 Seiten, ISBN 978-3-89438-635-1

 

 

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