Erzähl’s mir!

„Medien sollen Kinder fair informieren.“ So hat die UNICEF den Artikel 17 der internationalen Kinderrechtskonvention auf den Punkt gebracht. Vor 20 Jahren wurde dieses Übereinkommen der Vereinten Nationen von Deutschland unterzeichnet. Das deutsche Medienangebot für Kinder ist vielfältig – und wächst weiter.

Die Bandbreite ist groß bei den Medien für Kinder: Spartensender im öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehen (KIKA, Nickelodeon, Super RTL), reine Kinderprogramme im Radio (Radio Teddy, Radijojo, Lilipuz vom WDR), regelmäßige Kindersendungen wie beim Deutschlandradio Kultur mit seinem „Kakadu“, der unter anderem „Rauskriegetage“ oder „Quasseltage“ für seine kleinen Hörerinnen und Hörer bietet. Dazu gibt es Kinderseiten, Kinderzeitschriften, Kinder-Webangebote und inzwischen auch Kindersuchmaschinen wie die „Blinde Kuh“.
Bei den Printmedien fängt es schon im Kindergartenalter an, mit „Bummi“, dem bärigen Überlebenskünstler mit den großen Glubschaugen, der 1991 vom Verlag „Junge Welt“ zu „Pabel-Moewig“, einem Teil der Bauer-Gruppe, wechselte und 2007 seinen 50. Geburtstag mit einer Auflage von 130.000 Exemplaren feierte. Ob „Bussi-Bär“ oder „Lissy“ (beide auch Pabel-Moewig Verlag, Rastatt), „Benjamin Blümchen“ oder „Bibi Blocksberg“ (Egmont Ehapa Verlag, Berlin), „Frag doch mal die Maus“ oder „Playmobil“ (Blue Ocean Entertainment, Stuttgart), „Biene Maja“ oder „Pokémon“ (Panini Verlag, Stuttgart), „Bimbo“ oder „Olli und Molli“ (Johann Michael Sailer Verlag, Nürnberg), das Angebot für Vorschulkinder und Leselerner ist groß. Nicht selten sind die Hefte noch stapelunfreundlich mit Spielzeug garniert, von der Plastikgitarre bis zur Wabbelspinne ist alles vertreten.
Das ist bei „GEOmini“, der zehnten eigenen „GEO“-Reihe, anders. „GEO“-Chef Peter-Matthias Gaede bezeichnete es in Meedia.de sogar als einen Pluspunkt, nicht auf die „Pawlowschen Reflexe“ der Kinder zu spekulieren: „Dass wir auf die Plastikbeigaben verzichten, beschert uns einen besseren Status bei den Eltern.“
Doch Gaede kann sich nicht nur über die Markteinführung von „GEOmini“ freuen, sondern auch über den anhaltenden Erfolg von „GEOlino“, das seit 1996 erscheint, seit 2001 monatlich. „Geolino ist für uns die reine, unverschattete Sonne“, erklärt Gaede über das mit 230.000 Exemplaren Auflage größte deutsche Kindermagazin.
Insgesamt verzeichnen allein die Kinderzeitschriften, die im Quartal 1/2010 bei der Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (ivw) gemeldet sind, samt „Bummi“ eine gemeinsame Auflage von fast drei Millionen.
Kein Wunder, dass auch der Spiegel in diesem Segment der Zeitschriften, das sich an Kinder bis etwa 12/13 Jahren richtet, mit „Dein Spiegel“ im vergangenen Jahr einen eigenen Versuch gestartet hat. Dabei sei es weniger die Absicht, Kinder an das Produkt „Spiegel“, als überhaupt zum (Zeitschriften)Lesen zu bringen, erklärte der verantwortliche Redakteur Ansbert Kneip der Berliner Zeitung. Denn „Dein Spiegel“ verkaufe sich vor allem in Haushalten, in denen der Spiegel“ schon vorhanden ist.
Dass die Kinderorientierung in Printmedien aber auch zu eher unerwartetem Protest führen kann, hat gerade die Wochenzeitung „Die Zeit“ erfahren. Als sie ankündigte, Kinderliteratur künftig im Umkreis ihrer zweiseitigen „Kinder-Zeit“ zu platzieren, erhielt sie im April einen offenen Brief von fast 50 entrüsteten Kinder- und Jugendbuchverlegern, darunter von Klett, Oetinger und Ravensburger, publiziert in „boersenblatt.net“. Es ginge ihnen zwar nicht vordergründig um das Geschäft, aber „etwa 95 Prozent aller Kinder- und Jugendbücher werden von Erwachsenen gekauft“. Deshalb müssten die Rezensionen im Feuilleton bleiben. Die „Kinder-Zeit“ ist übrigens direkt zwischen „Wissen“ und dem „Feuilleton“ angesiedelt.

Lesen mit Pfiffikus

Natürlich ist die Leser-Blatt-Bindung ein Motiv für Zeitschriften- und Zeitungsverlage, mit der Lesernachwuchswerbung schon in Kindergarten oder Grundschule zu beginnen. Eine im Januar 2010 veröffentliche Langzeitstudie der Hochschule Heilbronn bestätigt, dass frühes Zeitungslesen in der Grundschule über Jahre hinaus die Leselust der Kinder fördert. Als Gründe für diese Investition der Tageszeitungen in Kinderseiten, Kindermagazine, Kinder-Internet-Ecken und Projekte wie „Zeitung in der Schule“, häufig als „ZiSch“ abgekürzt, heißt es oft: „Die Kinder sind die Leser von Morgen“. Peter Krones, leitender Redakteur bei der „Mainpost“ in Würzburg und zuständig für die Kinderzeitung „Pfiffikus“, die sich als Heft wie als eigener Internet-Auftritt schon an die Vorschulkinder wendet, sowie für die „Klasse!“-Projekte von der Einschulung bis zum Abitur, begründet den Aufwand wie die tägliche Printseite mit „daily-X“ und Pfiffikus, die samstägliche Doppelseite und die Kinder- und Jugendnachrichten im Webauftritt der Zeitung noch direkter. Zwei Maximen gelten für die „Mainpost“, erklärt der engagierte Zeitungsmacher: „Nimm die Kinder ernst!“ und „Mach die Kinder zu Lesern von heute!“. Dabei hält er nichts von werbefreien Seiten für Kinder, allerdings müssten Anzeigen klar erkennbar sein und dürften nicht im Vordergrund stehen. Dazu hat der Deutsche Werberat Verhaltensgrundsätze entwickelt, zum Beispiel 2009 für die Werbung für Lebensmittel im Kinderumfeld, die nicht einer Erziehung zu gesunder Ernährung entgegenwirken sollen.
Einen eigenen, abgetrennten Internet-Autritt für Kinder wie „Pfiffikus“ hat auch das „Westfalenblatt“ in Bielefeld, nämlich baerenblatt.de. Dieses ist bewusst werbefrei gehalten, sagt der für die Kindernachrichten verantwortliche Chef vom Dienst Carsten Jonas. Redakteurin Michaela Bodeck sorgt jeden Samstag für eine große lokale Geschichte auf der gedruckten Kinderseite. Neben weiteren lokalen Kindermeldungen füllt das „Bärenblatt“ des „Westfalenblatts“ seine Internetseiten mit den Meldungen des dpa-Kinderdienstes, ebenso wie die „Mainpost“.
Im April 2007 hatte dpa diesen Dienst für Kindernachrichten eingeführt, im September 2007 folgte die Agentur ddp, die sich dafür mit der Bremer Agentur für Kindermedien zusammenschloss. Von der European Alliance for News Agencies erhielt die Redaktionsleiterin „dpa-Nachrichten für Kinder“, Petra Kaminsky, im Mai 2008 einen „Award for Excellence“. Anja Pasquay vom Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) bestätigt, dass es seit 2006 einen stärkeren Trend zum Angebot gerade auch für sehr junge Leserinnen und Leser in den deutschen Tageszeitungen gibt. Auf der Internetseite des BDZV sind über 120 Tageszeitungen mit Kinderseiten, Kinder-Internet oder Kinderbeilagen zu finden, dabei noch nicht mal alle hier genannten. Wegen der gegenwärtigen Wirtschaftskrise, so Pasquay, seien aber einige Verlagsvorhaben erst mal verschoben worden.

Wochenlang „geZiScht“

Bei der „Badischen Zeitung“ in Freiburg liegt die Koordination der Veröffentlichungen für Kinder und die Arbeit für „Zeitung in der Schule“ (ZiSch) in der Hand von Yvonne Weik. Mit den Maskottchen B. Zetti und Betti Z. wird für die Arbeit in den Grundschulen mit jeweils drei Projekteinheiten zu acht Wochen geworben: „Das halbe Jahr wird ‚geZiScht’“, sagt die Redakteurin lachend. Die Maskottchen schmücken auch den Internet-Auftritt bzetti.de, das moderierte Kinderforum, die samstägliche Projektseite von „Zeitung in der Schule“ und die täglich durch alle Ressorts wechselnde Kolumne „Erklär’s mir“, die zu einem Artikel für Erwachsene dazugestellt und von den Redakteuren selbst geschrieben wird.
Ein guter Wirtschaftsredakteur muss eben auch kindertauglich erklären können, was so auf dem Börsenparkett abläuft. Laut Weik nutzt die „Badische Zeitung“ dpa auch für seine Meldungen in bzetti.de. Die Redakteurin und Auszubildende formulieren die Nachrichten dann kindgerecht. Die Verlagsazubis landen bei ihrer Tour durch die verschiedenen Abteilungen des Hauses alle bei B. Zetti. Volontäre, die bei anderen Zeitungen gern für Kinderartikel herangezogen werden, dagegen nicht. Eingebettet in das Internetangebot für Kinder sind, ähnlich wie beispielsweise beim westfälischen „Bärenblatt“, die öffentlich geförderten Internet-Tools für Kinder, der Suchdienst blinde-kuh.de und die Links von klick-tipps.net.
Diese Seiten gehören zu den von jugendschutz.net und dem Familienministerium empfohlenen Internet-Sites für Kinder. Eigene Internetangebote für Kinder haben viele Kinderzeitschriften wie „Geolino“, öffentlich-rechtliche Sender wie SWR (kindernetz.de), ZDF (tivi.de), KIKA (kika.de), BR (br-kinderinsel,de) oder der WDR mit seinem lilipuz.de, der ja auch ein eigenes Radioprogramm für Kinder macht. Dazu gibt es etliche Angebote von staatlichen Institutionen wie der Bundeszentrale für Politische Bildung (bpb), gemeinnützigen Vereinen wie cyberzwerge.de, der Kinderklinik Heidelberg (medizity.de), der grundschulpost.de zum Mailen und Chatten, moderiert von Eltern und Lehrern, oder der Verbaucherzentrale Nordrhein-Westfalen (checked4you.de). Etliche Internet-Angebote, wie das erwähnte „Bärenblatt“, sind Mitglieder der „Arbeitsgemeinschaft vernetzter Kinderseiten“, die sich an medienpädagogischen Zielen orientiert, zu finden unter seitenstark.de.
Einen anderen Weg zum Print-Leseangebot für Kinder als die Beispiele bisher gehen elf regionale Zeitungen mit rund 277.000 Exemplaren Auflage: „Nordwest-Zeitung“, „Ostfriesische Nachrichten“, „Gäubote“, „Sindelfinger-Böblinger Zeitung“ und andere beziehen ein monatliches Kindermagazin als Datei von der Medienfabrik Gütersloh, einem Unternehmen der zu Bertelsmann gehörenden Arvato AG mit rund 150 Mitarbeitern. Vermittelt wird dieser Dienst vom Verband Deutscher Lokalzeitungen (VDL), der in seiner Broschüre „Erklär mir die Welt“ zusätzlich einen interessanten Überblick über 30 ausgewählte Kinderseiten aus lokalen und regionalen Tageszeitungen bietet.
Bei diesem vorproduzierten Kinder-Magazin, das 2006 als Angebot des VDL entstand, kann die jeweilige lokale Zeitung vier der 16 Seiten, die alle in der eigenen Zeitungsdruckerei produziert werden, selbst gestalten, mit oder ohne Werbung. Langfristig sei die Entwicklung einer nationalen Anzeigenvermarktung für die Gesamtauflage dieses Monatsmagazins aber beabsichtigt, steht in der Infobroschüre des VDL.
Betrachtet man dieses Leseangebot am Beispiel des Nordbayerischen Kuriers in Bayreuth, der bis vor drei Jahren stattdessen eine selbst produzierte samstägliche Kinderseite druckte, so ist in diesem halbformatigen Magazin aus überwiegend zugelieferten Seiten der Platz für Lokales halbiert, das Gesamtangebot für die Kinder hat sich mit dem VDL-Magazin allerdings verdoppelt. Zusätzlich, so Redakteurin Ulrike Sommerer, gibt es täglich auf der lokalen Zwei einen Streifen für Kinder mit Terminen und ähnlichem sowie Berichte im Internet-Kinder-Kurier. Artikel aus dem Projekt „Kurier in der Schule“, von einer Kollegin betreut, kommen noch dazu.
Viele Wege führen zu den kindlichen Lesern von heute und morgen.

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