Multikulti-Welle kaum noch zu empfangen

Radio Bremen: Das crossmediale Angebot "Bremen NEXT" ging am 17. August 2016 online und on air. Foto: RB/Pascal Mühlhausen

In einer Art Nacht- und Nebelaktion hat Radio Bremen (RB) die Frequenzen zweier Hörfunkwellen getauscht und damit Proteste bei überrumpelten Hörer_innen, aber auch in der eigenen Belegschaft ausgelöst. „Tauschpartner“ sind das multikulturelle Radioprogramm „Cosmo“ (ehemals „Funkhaus Europa“) und das neue RB-Jugendprogramm „Bremen Next“. Der scheinbar nur regionale Konflikt birgt auch rundfunkpolitische Brisanz.

„Ein solches Radio gibt es bisher in ganz Europa nicht“, hatte der WDR geschwärmt, als er 1999 das „Funkhaus Europa“ als neues Vollprogramm für Zuwanderer und weltoffene Urdeutsche präsentierte. Radio Bremen lieferte die Nachrichten und andere Sendungen zu, 2009 stieg der RBB als weiterer Kooperationspartner ein.

Im Großraum Bremen eroberte sich die Minderheitenwelle eine gar nicht mal so kleine Hörerschaft: Laut Media-Analyse von Mitte 2016 schalteten 57.000 Personen mindestens einmal innerhalb von zwei Wochen das „Funkhaus Europa“ ein. Anfang 2017 dürften viele von ihnen irritiert gewesen sein, denn der WDR taufte die Welle plötzlich in „Cosmo“ um. Fünf Wochen später die nächste Verwirrung: Von einem Tag auf den anderen schien der Sender ganz verschwunden zu sein. Auf den beiden „Cosmo“-Frequenzen in Bremen und Bremerhaven lief stattdessen „Bremen Next“. Doch in Wirklichkeit war die Multikulti-Welle nicht verstummt, sondern sie hatte lediglich die Frequenzen mit „Bremen Next“ getauscht.

Mitgeteilt wurde das den Hörer_innen erst am Tag der Umschaltung. Die Lokalpresse erfuhr davon genauso spät: durch eine Presseerklärung, in der es vor allem darum ging, dass die vier eigenen RB-Programme „ab heute“ auch in Bremerhaven per Digitalradio DAB+ zu empfangen seien. Nur der Schlusssatz erwähnte kurz, wo künftig „Cosmo“ auf der UKW-Skala zu finden ist. Was RB in seiner Mitteilung völlig verschwieg: Die neuen „Cosmo“-Frequenzen sind so sendeschwach, dass sie nicht mehr im niedersächsischen Umland, sondern nur noch in Bremen und Bremerhaven zu empfangen sind – und selbst dort zum Teil ganz schlecht. Kein Wunder bei einem Wechsel von 50 auf 0,2 Kilowatt in Bremen und von 25 auf 0,5 KW in Bremerhaven.

Die überrumpelten Stammhörer_innen reagierten wütend. „Wieso verprellt man so die Hörer?“, fragte einer auf Facebook. „Ich möchte Cosmo wieder haben!“ Auch der „Bremer Rat für Integration“ (BRI), der den Senat und die Bürgerschaft berät, wünscht sich die alte Sendestärke zurück und erinnert in einer Protesterklärung an den Aufstieg des Populismus: „Gerade hier und jetzt hat Cosmo mit seinem vielfältigen, werthaltigen Programm eine wichtige Funktion.“ Der BRI kann auch nicht nachvollziehen, dass Radio Bremen den abgehängten „Cosmo“-Hörern empfiehlt, sie könnten das Programm ja via DAB+ oder Internet empfangen. Mit diesen Verbreitungswegen sei doch wohl eher das Zielpublikum von „Bremen Next“ vertraut.

Das neue Jugendprogramm, das die 15- bis 25-Jährigen für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk erwärmen soll, wurde vor allem für die Verbreitung per Internet konzipiert. Diesen Eindruck erweckte die kleinste ARD-Anstalt jedenfalls beim Start vor einem halben Jahr. Doch inzwischen sagt RB-Pressesprecher Michael Glöckner im Gespräch mit M: „Für einen höheren Bekanntheitsgrad braucht man auch eine gute UKW-Ausstrahlung.“ Nach dem Frequenztausch gebe es inzwischen erstaunlich viele Rückmeldungen von jungen UKW-Hörern aus dem Bremer Umland, „die ganz happy sind, dass sie Bremen Next jetzt auch auf dem Weg zum Job oder in die Uni hören können“. Ist das Kooperationsprogramm „Cosmo“ jetzt nur noch ein ungeliebtes Kind? Nein, sagt RB-Sprecher Glöckner. „Aber wir bitten um Verständnis, dass die eigenen Programme Vorrang haben.“

Glöckner verteidigt auch die späte Information der Hörerschaft: Sinnvollerweise kündige man einen Frequenzwechsel erst dann an, wenn das Programm am neuen Platz sofort hörbar sei. Außerdem hätten viele Menschen doch inzwischen Geräte, die dank „Radio Data System“ (RDS) automatisch auf neue Frequenzen umschalten.

Aber nicht nur die Hörerschaft, sondern auch die Redaktion wurde auf den letzten Drücker informiert: einen Tag vor dem Wechsel. Manche im Funkhaus empfinden das als „handstreichartig“. Auch den Rundfunkrat soll das RB-Direktorium „nur kurzfristig und eher nebenbei“ unterrichtet haben. Die Verärgerung im Hause ist so groß, dass für den 20. Februar extra eine Personalversammlung zum Kommunikationsstil der Anstaltsleitung angesetzt wurde..

Nach Informationen von M dürfte die lange Geheimhaltung des Frequenztauschs einen rundfunkpolitischen Hintergrund haben: Das vom Intendanten Jan Metzger geleitete RB-Direktorium hatte wohl Sorge, dass die Privatfunklobby dazwischenfunken könnte, wie sie es bereits in ähnlichen Fällen bei anderen ARD-Anstalten versucht hat. Denn je besser öffentlich-rechtliche Programme wie „Bremen Next“ zu empfangen sind, desto mehr machen sie den Privatsendern Konkurrenz. RB-Sprecher Glöckner versichert aber: „Wir haben vollkommen legal gehandelt.“ In der Tat steht im Radio-Bremen-Gesetz: „Terrestrisch verbreitete Hörfunkprogramme dürfen gegen andere terrestrisch verbreitete Hörfunkprogramme der Anstalt ausgetauscht werden“, solange sich dadurch die Gesamtzahl der Wellen nicht erhöht.

Der Unmut im Funkhaus hängt wohl auch damit zusammen, dass die Migranten-Welle schon wiederholt Federn lassen musste. Erst Mitte 2016 hatte der WDR aus Kostengründen die Programmstruktur geändert und den Bremern die Zulieferung der Nachrichten entzogen. Dafür ist RB jetzt für das Wochenendprogramm zuständig – mit Folgen für das Privatleben der überwiegend freien Programmgestalter_innen. Das Abschieben auf die schwachen UKW-Frequenzen erscheint dem einen oder der anderen jetzt wie ein Sterben auf Raten, ein Sterben zumindest der Bremer Beteiligung am einst hoch gelobten Multikulti-Programm.

Weitere M Berichte zum Funkhaus Europa:

Funkhaus Europa: Fehlentscheidung des WDR

Funkhaus Europa bald nur noch auf Sparflamme?

nach oben

weiterlesen

Exilmagazin „Özgürüz“ von Can Dündar online

„Özgürüz“, auf Deutsch "Wir sind frei", ist online. Das Exilmagazin des ehemaligen Chefredakteurs der türkischen Tageszeitung „Cumhuriyet" Can Dündar und des Journalisten Hayko Bağdat will in Deutsch und Türkisch „jene Nachrichten, die vor dem Volk geheim gehalten, zensiert oder verboten werden, veröffentlichen“. Es soll vor allem Menschen in der Türkei und Leser_innen in Deutschland mit türkischen und kurdischen Wurzeln erreichen.
mehr »

Buchtipp: Eine Grabrede auf die gedruckte Zeitung

Der frühere FAZ-Autor Schulz intoniert einen Grabgesang auf die gedruckte Zeitung, im Grunde auf das Medium Tageszeitung insgesamt. Den Verlegern und Journalisten attestiert er Blindheit und Unverständnis der technologischen Entwicklung, die seiner Ansicht nach den Untergang des Mediums unweigerlich nach sich ziehen: „Statt dass Zeitungsverlage in gut funktionierende technische Verfahren des digitalen Zeitungsvertriebs investieren, durch die sie wieder in eine Beziehung zu ihren Lesern treten, setzen sie auf die Laufkundschaft der sozialen Netzwerke und Werbeerlöse im Massenmarkt.“
mehr »

Constantin Medien: Seifenoper oder Intrigantenstadl?

Bei der Constantin Medien AG in Ismaning bei München ist nach der Hauptversammlung am 10. November weniger denn je klar, wohin die Reise geht. Zwei Gesellschaftergruppen mit gegensätzlicher Unternehmensstrategie blockieren sich gegenseitig. Mitten in die Auseinandersetzungen platzte jetzt auch noch die Nachricht von massiven Entlassungen bei der Tochterfirma Plazamedia. Keine guten Zukunftsaussichten für die kriselnde Constantin.
mehr »

Re:publica: Ein Plädoyer für den Rundfunkbeitrag

Auf der re:publica TEN hielt Lorenz Lorenz-Meyer, Professor für Onlinejournalismus und Medienentwicklung an der Hochschule Darmstadt, eine „kleine Verteidigungsrede“ für den Rundfunkbeitrag. Nicht in seiner Funktion als Wissenschaftler, sondern als interessierter und engagierter Staatsbürger appellierte er an die Zivilgesellschaft, den Versorgungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nicht nur anzuerkennen, sondern auch dessen Weiterentwicklung als gemeinschaftliche Aufgabe wahrzunehmen. Die Forderungen nach Reformen empfindet er dennoch als berechtigt.
mehr »