Naziouting rief Polizei auf den Plan

Zivilcourage und demokratisches Engagement gegen rechte Gewalt werden gerne beschworen. Doch das brachte den hessischen SPD-Bildungspolitiker und Rechtsextremismusexperten Manfred Büttner Anfang August Ärger mit der Polizei.

Die Staatsanwaltschaft ließ die Computer von Büttner und seiner Frau beschlagnahmen. Der Grund: Der Publizist hatte im vergangenen Jahr unter Pseudonym einen Hintergrundartikel über die rechte Szene Nordhessens in der Kasseler Obdachlosenzeitung „Tagessatz“ veröffentlicht. Dort wurde auch über die jahrelangen Aktivitäten des Geschäftsmanns Werner Kahl in der rechten Szene berichtet. Der erstattete gezielt gegen Büttner Anzeige wegen Beleidigung, um so mit Hilfe der Justiz das Pseudonym zu knacken. Die Staatsanwaltschaft erhob Anklage vor dem Kasseler Amtsgericht, was dann mit fast einjähriger Verzögerung die Polizei auf den Plan rief.

Schon seit Jahren hat sich Büttner publizistisch mit der rechten Szene Nordhessens beschäftigt. Deswegen ist sein Name und seine Adresse schon auf der Schwarzen Liste einer Anti-Antifa-Gruppierung aufgetaucht. Besonderen Zorn im rechten Lager hat er sich schon deshalb zugezogen, weil er im Rahmen des Neonazi-Aussteigerprogramms Exit einen Jugendlichen betreut, der die rechte Szene verlassen hat.

Büttner sieht in der Computerbeschlagnahme einen Angriff auf die Pressefreiheit, die weit über seinen konkreten Fall hinaus von Bedeutung ist. Er hat mittlerweile seinen Computer zurück bekommen, nachdem er sein Pseudonym gelüftet hat. Sollte das hessische Vorgehen von Polizei und Staatsanwaltschaft Schule machen, könnte eine kritische Berichterstattung über die rechte Szene stark erschwert werden, befürchten denn auch im Bereich Rechtsextremismus aktive Journalisten und Publizisten. Schon zum Selbstschutz ist es dort üblich, Beiträge unter Pseudonym zu schreiben. In der rechten Presse gibt es seit Jahren immer wieder Bemühungen, kritische Journalisten zu enttarnen. Wenn jetzt die Anzeige eines Rechten reicht, um an die Namen von Autoren antifaschistischer Beiträge zu gelangen, werden sich manche Journalisten genau überlegen, ob sie bereit sind, das Risiko zu tragen. Zumal die Gefahren sehr real sind. Das zeigt sich auch an dem von Büttner geouteten Werner Kahl. Der stand schon Anfang der 80er Jahre wegen Beteiligung an Bombenanschlägen auf Autos türkischer Bürger vor Gericht. Erst kürzlich wurde er wegen Körperverletzung verurteilt, weil er nach einer Großdemonstration gegen einen neonazistischen Aufmarsch im vergangenen Oktober vor seinem „Outdoor-Freizeit“-Laden in Kassel einen Nazi-Gegner geschlagen und verletzt hat.

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Demo für eine starke Welle

Unter dem Motto: „Deutsche Welle stärken! Für Dialog und Medienfreiheit – weltweit!“ demonstrierte die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) zusammen mit einem gewerkschaftlichen Aktionsbündnis heute in Berlin. Grund sind die drohenden Entlassungen von Beschäftigten der Deutschen Welle.
mehr »

Haltestelle verpasst

Der digitale Omnibus der EU droht Grundrechte zu verwässern. Er enthalte eine Reihe technischer Änderungen an digitalen Rechtsvorschriften, die ausgewählt worden seien, um „Unternehmen, öffentlichen Verwaltungen und Bürgern gleichermaßen Soforthilfe zu bieten und die Wettbewerbsfähigkeit zu fördern,“ schrieb die EU- Kommission im Dezember vergangenen Jahres.
mehr »

Serien gegen Diktatur und Faschismus

Die Series Mania in Lille ist wohl eines der wichtigsten Serienfestivals weltweit. In diesem Jahr fiel auf: Viele der der neuesten Produktionen befassten sich mit den Themen Totalitarismus und Unterdrückung – vermutlich auch eine Reaktion auf das, was viele Menschen im Moment bewegt.
mehr »

Neues Mediengesetz für MV tritt in Kraft

Privates Lokal- und Regionalfernsehen steht unter hohem wirtschaftlichen Druck. Sinkende Werbeerlöse, steigende Kosten, fortschreitende Digitalisierung und veränderte Mediennutzung machen ihnen zu schaffen. In mehreren Bundesländern wird bereits seit längerem kommerzielles Lokal-TV mit Steuergeldern gefördert, um Medienvielfalt zu sichern. Auf diesen Weg setzt jetzt auch Mecklenburg-Vorpommern.
mehr »