Umfassendes Deutschlandbild oder „einbeiniger Schuhplattler“?

Zum Start von German TV der Deutschen Welle

Unter dem Slogan „Sehen, was Deutschland sieht“ wurde soeben das neue Auslandsfernsehen „German TV“ der Deutschen Welle offiziell gestartet. Der Pay-TV-Kanal soll als rein deutschsprachiges Vollprogramm die mediale Außendarstellung Deutschlands verbessern.

Wer jemals im Ausland im Hotelzimmer saß und aus Langeweile die Satellitenprogramme durchzappte, wird ihm irgendwann begegnet sein: Dem Kanal von Deutsche Welle tv. Und er mag sich darüber gewundert haben, wie das Land der Dichter und Denker seine mediale Außenrepräsentation gestaltet, und dann auch noch in drei Sprachen: jeweils elf Stunden auf deutsch und englisch, stündlich alternierend, dazu noch zwei Stunden auf spanisch. Nicht gerade ein Schema, das die potentielle Klientel dazu motivieren könnte, einem solchen Kanal längere Zeit treu zu bleiben. Ein „relativ unattraktives Programmschema“, findet Julian Nida-Rümelin, der als Staatsminister für Medien und Kultur die Rechtsaufsicht über den aus Bundesmitteln finanzierten Sender wahrnimmt.

Test in den USA

Hauptsächlich Nachrichten sendet die Deutsche Welle, unterbrochen von zahlreichen Jingles. Deutschland, so monierten Kritiker, erscheine als ein Land, in dem ununterbrochen Pressekonferenzen stattfinden. Unterhaltung und Kultur werde kleingeschrieben, und wenn, dann auf dem Niveau des „einbeinigen Schuhplattlers“, wie der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck unlängst spottete. Kritik hatte es auch früher schon gegeben. Ein im Auftrag des Auswärtigen Amtes erstelltes Gutachten disqualifizierte vor drei Jahren den Asien-Dienst von Deutsche Welle tv als „langweilig“ und „unprofessionell“.

Das soll sich jetzt ändern. Soeben startete German TV, ein als Bezahl-Fernsehen angelegter zusätzlicher TV-Kanal, der zunächst auf dem US-amerikanischen Markt getestet wird. In Zusammenarbeit mit ARD und ZDF soll German TV – ungeachtet seines Titels – ein rein deutschsprachiges Vollprogramm mit dem Schwerpunkt auf Information und Unterhaltung werden. Intendant Erik Bettermann, seit dem 1. Oktober vergangenen Jahres im Amt, sieht German TV als „Einstieg in eine längerfristige Kooperation“ mit ARD und ZDF.

Wesentlicher Schritt zu einer Gesamtreform

Jeweils 40 Prozent der Programme liefern beide öffentlich-rechtliche Systeme aus ihrem reichhaltigen Fundus zu. Gedacht ist an die Hauptnachrichtensendungen „Tagesschau“ und „heute journal“, Polit-Talks wie „Christiansen“ und „Berlin Mitte“, Fiktionales wie „Tatort“ und ZDF-Fernsehspiele. Eben „The Best of“, wie es in vollmundigen Bekanntmachungen heißt. Als die Pläne vor knapp drei Jahren erstmals ruchbar wurden, setzte es heftige Kritik vom Bundesrechungshof. Das Projekt sei unwirtschaftlich und überflüssig, urteilte er. Im größten Teil Europas seien deutsche Sender ohnehin über Satellit zu empfangen. Und in Übersee verstünden allenfalls zehn Millionen Menschen mehr oder minder gut Deutsch. DW-Intendant Bettermann ficht diese Kritik nicht an. Zielgruppen von German TV sind nach seiner Auffassung deutsche Touristen, im Ausland lebende Bundesbürger und die Deutsch sprechenden „Eliten aus Politik, Kultur und Wirtschaft“.

Als Anschubfinanzierung steuert der Bund bis zum Jahr 2004 mehr als 20 Millionen Euro bei. Tendenziell soll sich der Kanal allerdings selbst tragen. Das funktioniert aber nur, wenn mindestens 70.000 der insgesamt 900.000 deutschsprachigen Haushalte in den USA sich im Laufe der kommenden sieben Jahre für ein Abo entscheiden. Das Interesse, so verkünden die Welle-Verantwortlichen, sei beachtlich. Bereits in der ersten Woche nach Ankündigung des Projekts habe es an die 1.500 Anfragen gegeben, zehn Prozent der Interessenten hätten bereits eine Satellitenschüssel bestellt.

Die Bundesregierung begreift das neue Auslandsfernsehen als ersten wesentlichen Schritt zu einer Gesamtreform der Deutschen Welle. ARD-Intendant Fritz Pleitgen äußerte Zufriedenheit über das Gelingen des Projekts, „von dem ich schon lange überzeugt war“. Immer wieder sei er im Ausland auf die mangelnde Außendarstellung der Bundesrepublik angesprochen worden. Im Vergleich zur überzeugenden Präsenz von Sendern wie der BBC oder CNN hätten die Deutschen „nicht in angemessener Weise“ ihre Stimme erhoben. Zur Globalisierung gehöre aber der Dialog. Das Interesse in den USA sei „riesengroß, das Potenzial viel versprechend“ und das angebotene Produkt „erstklassig“. Pleitgen: „Ich kenne kein besseres Vollprogramm in den USA.“ Die USA seien nur der erste Teilmarkt, danach würden Kanada und Lateinamerika ins Visier genommen. Zielvorstellung sei es, German TV „im free TV auf allen wichtigen Plätzen dieser Welt zu verbreiten“, etwa in Fernost, Australien und Russland. Die finanzielle Ausstattung sei „etwas knapp bemessen“. Es gebe aber keine Alternative, da Gebührengelder „nicht eingesetzt werden können“. Dadurch werde die Verbreitung etwas problematisch. „Wir werden einfach ganz altdeutsch fleißig Klinken putzen müssen“, sagte Pleitgen.

Gestriges in Channel D

Eine private Billigvariante von German TV tummelt sich übrigens bereits seit September vergangenen Jahres auf dem US-Markt. Der Kanal heißt „Channel D“ und erfreut die deutschsprachige Welt überwiegend mit angejahrten öffentlich-rechtlichen TV-Klassikern. Etwa mit alten „Tatorten“, „Liebling Kreuzberg“ und Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen des ZDF. Spottname des privaten Konkurrenten der Deutschen Welle: „Das Beste von gestern“.

nach oben

weiterlesen

Dreh- und Angelpunkt ist die Staatsferne

Nach dem Scheitern der Bundes-Presseförderung: Wie lassen sich künftig Medienvielfalt erhalten und Qualitätsjournalismus unterstützen? Ein Gutachten von Wissenschaftlern der Universität Mainz liefert interessante Vorschläge zur Hilfe für die Medienbranche. Dreh- und Angelpunkt der Überlegungen ist dabei die gebotene Staatsferne.
mehr »

WDR: Kein Platz für Rückwärtsgewandte

Seit Jahren erlebe ich den WDR als einen Arbeitgeber, in dem Vielfalt als Stärke gesehen wird. Als schwuler Mitarbeiter musste ich mir nie Sorgen machen, in irgendeiner Form diskriminiert zu werden. So geht es vielen Mitarbeiter*innen beim WDR. Deswegen bin ich sehr besorgt, wenn der „Verein kinderreicher Familien Deutschland“ in den künftigen Rundfunkrat einzieht, vorgeschlagen vom Kabinett Laschet in NRW.
mehr »

Fußball und Fangesänge im Sportradio

Der Zeitpunkt erschien günstig. Kurz vor der Fußball-EM und einen Monat vor Beginn der Olympischen Spiele in Tokio ging das bundesweite Sportradio Deutschland (SRD) auf Sendung. Trotz fehlender Live-Rechte soll es sich als Spartensender beweisen. Unter dem Motto: „Sport ist alles. Alles ist Sport“, wird seit Ende Mai rund um die Uhr gesendet. Ob der Slogan beim potentiellen Publikum des neuen Privatsenders ankommt ist zweifelhaft.
mehr »

Lokaler Rundfunk als Mutmacher

Die lokalen Radio- und Fernsehsender Bayerns haben sich trotz wirtschaftlicher Einbußen infolge der Corona-Pandemie behauptet. Tatsächlich führte die Krise in vielen Häusern zu einem regelrechten Innovationsschub. Dies ist eine der Haupterkenntnisse auf dem Lokalrundfunktag 2021, bei dem Programmmacher*innen und Medienpolitiker*innen Bilanz zogen. Pandemiebedingt fand der Rundfunktag in hybrider Form statt, also mit begrenzter Teilnehmerzahl im Saal und per Live-Stream.
mehr »