Vergeblicher Planungsvorlauf

Geflüchtete Ostverleger planten 1955 Rückkehr mit Gebietsschutz und Lohnstopp

35 Jahre lang wartete ein im westdeutschen Exil entstandener Verein geflüchteter ostdeutscher Presseunternehmer auf die Wiedervereinigung. Bereits Mitte der 50-er Jahre formulierte dieser Exilverlegerverband vertrauliche Planungen für diesen“Tag X“. Neben vielen skurrilen Überlegungen enthielten die Konzepte einige Vorhersagen, die sich 1990 als weitsichtig erweisen sollten.

Als in der DDR die politische Wende erfolgte, handelten bundesdeutsche Verlage schnell: Schon im Januar 1990 erschienen die ersten Westblätter, bis Mitte 1990 insgesamt über 70. Doch alle Westverlage, darunter die potenten Käufer der marktbeherrschenden SED-Bezirkspresse, stießen auf unerwartete Schwierigkeiten. Der neue Pressemarkt erwies sich als „so fern wie China“ („Der Spiegel“) und die Westverlage als nicht ausreichend vorbereitet.

Mit auf den Pfennig genauen Planungen sehr weitgehend vorbereitet war dagegen seit Mitte der 50-er Jahre der im Wiesbadener Exil gegründete Verband der Mittel- und Ostdeutscher Zeitungsverleger (VMOZV): Der Exilantenverband wollte damit gut fünf Jahre nach der Gründung beider deutscher Staaten die Basis für eine Rückkehr in die alten Verlagsgebiete legen. Die von persönlicher Verbitterung und dem Kalten Krieg geprägte Vereinigung beteiligte sich damit – 1990 längst wieder vergessen – an einer breiten Vereinigungsdebatte, die in den 50-er Jahren Fachministerien und Wirtschaftsverbände erfasste.

Presse als heikles Werkzeug der Einheit

Die in den Westen geflüchteten Altverleger gingen in den 50-er Jahren davon aus, dass es vor einer Vereinigung zu freien Wahlen kommen wird, mit der über die Zukunft entschiede würde. Vor einer solchen Abstimmung sollte die sofort aus dem Westen zurück gekehrte Altverlegerpresse als Gegengewicht zu den SED-Zeitungen „für den Westanschluss“ werben, damit die DDR-Bürger „sich vom kommunistischen System abwenden und bürgerliche Parteien wählen“.

Doch sei Euphorie bei der Rückkehr auf den ostdeutschen Pressemarkt nicht angebracht, warnten die Exilverleger. Bereits fünf Jahre nach Gründung beider deutscher Staaten seien die Leseerwartungen stark auseinander gedriftet. Die westdeutsche Presse sei dem Osten fremd geworden und spreche „den mitteldeutschen Menschen aus seiner Mentalität nicht an.“ Käme es zu einer Vereinigung, seien deshalb schnelle Vertriebserfolge nur vorübergehend und ein langer Atem nötig. Die DDR-Bürger würden anfangs „zwar begierig nach jeder westdeutschen Zeitung greifen, aber zugleich scheinbar die vom Bolschewismus gegen die freie Westpresse erhobenen Vorwürfe, etwa der Amerikanisierung, bestätigt finden und einen nicht wieder gut zu machenden Schock erhalten, wenn sie so manche westdeutsche Zeitung in ihrer heutigen Aufmachung in die Hand bekämen“.

Nach der Wende folgte auf die anfängliche Euphorie in den Vertriebsabteilungen tatsächlich bald flächendeckende Ernüchterung. Nach einer kurzen Phase mit neugierigen Lesern und schnellen Vertriebserfolgen brach etwa die Auflage der „Bild“-Zeitung noch im Jahr 1990 wieder um 25 Prozent ein. Die Westverleger erkannten, dass die Ostleser an ihren gewohnten Blättern hingen. Zeitungen, die nach Meinung des Geschäftsführers der „Westdeutschen Allgemeinen“, Günther Grotkamp, „allenfalls als besseres Toilettenpapier“ getaugt hatten, behaupteten sich. Und was 1955 schon die ostdeutschen Exilverleger vermutet hatten, erfuhr Jahrzehnte später nicht nur Grotkamp: „Die Annahmen mancher Verlage aus dem Westen der Bundesrepublik, die Bevölkerung werde den Bezirkszeitungen den Rücken kehren, war von vornherein unbegründet.“

Als Problem hatten die Exilverleger 1955 auch hohe Kosten durch Vertriebsprobleme und das Währungsgefälle im Vorfeld einer Wirtschaftsunion prophezeit. Entscheidend für den Erfolg neuer Verlage werde wegen des unzuverlässigen Postzeitungsvertriebs ein rascher Aufbau eines eigenen Vertriebsnetzes sein, was jedoch den Einsatz erheblicher Finanzmittel erforderlich mache. Um nicht auch noch durch Personalkosten gehemmt zu werden, schlugen die Altverleger kurzerhand einen Lohnstopp und die Erhöhung der täglichen Arbeitszeit auf zehn Stunden vor.

Probleme beim Zeitungsvertrieb sollten die Westverlage nach 1990 dann tatsächlich in die Krise treiben. „Beim Thema Zeitungsgrosso könnten die Westmanager verzweifeln: Es gibt viel zu wenig Verkaufsstellen und kaum geschultes Personal. Die Post, noch immer Hauptvertreiber der großen regionalen Abonnementzeitungen, ist mit dem neuen Remissionssystem völlig überfordert“, beobachtete die „tageszeitung“. Und noch heute arbeiten die Beschäftigten im Osten länger für weniger Geld.

Auf ,Drittem Weg‘ Spaltung überwinden

Für die Altverleger aus Ostdeutschland war 1955 klar, dass eine reine Übertragung des westdeutschen Systems auf den Osten die innere Spaltung Deutschlands vertiefen würde. Sie zogen daraus den für einen Unternehmerverband außergewöhnlichen Schluss, dass die Marktwirtschaft zugunsten eines Mittelweges zwischen den Systemen aufgegeben werden müsse. Alle Exilverleger wurden deshalb aufgefordert, nach der Wiedervereinigung „für eine Synthese von Kapitalismus und Sozialismus einzutreten und durch eine publizistische Mittlerrolle die Ost-West-Gegensätze auszugleichen“. Der „mitteldeutsche Arbeiter erwartet, dass eine Reihe sozialer Errungenschaften der SBZ erhalten bleiben.“ Mit den „sozialen Errungenschaften“ trafen die Altverleger dabei in den 50-er Jahren jene Begrifflichkeit, die auch 35 Jahre später zu einer zentralen Vokabel beim Bestreben werden sollte, mehr als nur grüne Pfeile und Ampelmännchen in die Vereinigung zu retten.

Von der Wirtschaft forderten die Altverleger 1955 ein zurückhaltendes Engagement. Denn würden „die verbliebenen kärglichen Reste mittelständischen Besitzes auch noch durch westdeutsche Kapitalüberfremdung zerschlagen“, laufe man Gefahr, dass die Bevölkerung „ihren Glauben an eine gerechte soziale Wirtschaftsordnung verlieren“ und sich von der Demokratie abwenden könnte.

Altverleger gegen Pressefreiheit

Die Altverleger-Forderung nach einer ökonomischen Zurückhaltung des Westens zielte jedoch nicht allein auf den Schutz der DDR-Bevölkerung, sondern sollte vor allem westdeutsche Großverlage fern halten. Nach einer Vereinigung wollten die aus dem Osten geflohenen Exilverleger den wiedergewonnenen Markt exklusiv erobern dürfen. Ihren Vorsitzenden Fritz Faber trieb die Furcht, dass sich statt seiner Exilkollegen „ungeeignete Kräfte oder gar Konjunkturritter“ aus Westdeutschland der ostdeutschen Druckereien und Verlage bemächtigen – „nach der Enteignung durch die Nazis und die Russen die dritte von Westen her“.

Nach der Wende sollte sich zeigen, dass diese Altverleger-Angst vor der Konkurrenz der kapitalstärkeren Westverlage nicht unbegründet war: „Westdeutsche Medienunternehmen drückten mit brutaler Gewalt in den überaus attraktiven DDR-Markt. Sie alle, Glücksritter wie vorgeblich seriöse Unternehmer, versuchten hektisch, ihren Teil vom Kuchen abzubekommen. Sie nahmen dabei auch Einschränkungen der gerade gewonnenen Medienfreiheit und die Kollaboration mit dem alten Machtapparat in Kauf,“ resümierte etwa nach der Wende der medienpolitischer Sprecher des Runden Tisches, Konrad Weiß.

Jeder DDR-Verlag wurde bei der Ausschreibung durch die Treuhandanstalt im Durchschnitt von fünf Westunternehmen bedrängt, attraktive Zeitungshäuser kamen gar auf ein Mehrfaches an Interessenten. So erhielt die Treuhand für die im früheren Magdeburger Pressehaus von Fritz Faber residierende „Volksstimme“ gleich 13 Gebote.

Weil die ostdeutschen Altverleger dieses überwältigende Interesse an ihren ehemaligen Verlagsgebieten geahnt hatten, forderten sie 1955 in ihren Vereinigungsplänen nichts geringeres als die Aussetzung der Presse- und Presse-Gewerbefreiheit für ihre westdeutschen Konkurrenten. Fünf Jahre lang sollten im Osten allein die wieder gegründeten Zeitungen von Exilverlegerverband, SPD, Gewerkschaften und Kirchen sowie die Blätter von SED und Blockparteien verlegt werden dürfen. Zusätzlich verlangte der Exilverlegerverband ein Vertriebsverbot für neue Ostausgaben westdeutscher Blätter.

Die Einschränkung der Presse-Gewerbefreiheit sollte den Altverlegern Zeit geben, ihr enteignetes Vermögen zurück zu erhalten und sich erneut zu etablieren. Vor allem die Druckhäuser von SED und Kommunen, die mit dem Eigentum der Altverleger errichtet worden waren, sollten dabei wieder zerschlagen werden. Dies solle, so regte der Exilverlegerverband 1955 an, durch eine Treuhandschaft erfolgen. Damit war allerdings nicht wie 1990 eine zentrale staatliche Reprivatisierungsbehörde gemeint, sondern als Treuhänder waren schlicht die Exilverleger vorgesehen.

Ostverlegerverband 1990 längst chancenlos

Ungeachtet aller präziser Planungen sollte eine breite Rückkehr des Altverlegerstandes nach 1989 nicht mehr Realität werden. Die meisten Unternehmer waren mittlerweile gestorben oder seit Jahrzehnten branchenfremd beschäftigt. Trotzdem bemühte sich der VMOZV sofort nach der Wende, die mittlerweile eingeschlafene Arbeit als ostdeutscher Verlegerverband wieder aufzunehmen und bot dem Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) eine Zusammenarbeit an – als dessen neuer ostdeutscher Landesverband. Vergeblich, mühten sich dessen Mitgliedszeitungen doch gerade um die Übernahme jener ostdeutschen Großverlage, auf die auch die Altverleger bereits 35 Jahre zuvor Restitutionsansprüche angemeldet hatten.

Als bei der Aufteilung der DDR-Presse die verbliebenen Alteigentümer leer ausgingen, hatte sich der VMOZV endgültig überlebt. Mitte 1991 beauftragten die letzten 32 Mitglieder ihre Kollegen Joachim P. Falk („Mühlhäuser Anzeiger“) und Johann Ludwig Neuenhahn („Jenaische Zeitung“) mit der Liquidation. Der Altverlegerverband erlosch 1993 in aller Stille.


Stefan Matysiak freier Autor aus Göttingen, arbeitet zurzeit an seiner Promotion zur DDR-Pressegeschichte. Im Rahmen seiner Forschungen stieß er auf den hier beschriebenen Altverlegerverband VMOZV.

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