Bertelsmann wächst bei gebremstem Schaum

Ausschließlich strahlende Gesichter bei der Bilanzpressekonferenz Ende März 2018
Foto:Thomas Ecke

Bertelsmann wächst wieder, wenngleich mit gebremstem Schaum. 2017 steigerte Deutschlands größter Medienkonzern seinen Umsatz um 1,4 Prozent auf 17,2 Milliarden Euro (Vorjahr: 17,1 Mrd.) Positiv sieht es auch auf der Ertragsseite aus. Mit einem Ebitda von 2,64 Mrd. Euro (2016: 2,57 Mrd.) erzielte der Konzern neuerlich ein Rekordergebnis – mit der RTL Group in der Rolle der Cash Cow. „2017 war ein erfolgreiches Jahr für Bertelsmann“, sagte Vorstandschef Thomas Rabe am 27. März auf der Bilanzpressekonferenz in Berlin.

Alle vier strategischen Ziele seien erfolgreich weiterverfolgt worden. „Unser Haus wird wachstumsstärker, digitaler, internationaler und diversifizierter“, so Rabe. Fast die Hälfte des Umsatzes stamme mittlerweile aus digitalen Geschäften, genauer: 46 Prozent. Zum Vergleich: Beim Konkurrenten Axel Springer liegt dieser Anteil inzwischen bei 71 Prozent.

Der Hauptwachstumsimpuls ging erneut von der RTL Group aus, mit 53 Fernseh- und 28 Radiosendern Europas größter Privatfunkbetreiber. Der Umsatz der Gruppe – sie befindet sich zu 75 Prozent im Besitz der Gütersloher – stieg erneut um 2,2 Prozent auf 6,4 Mrd. Euro (VJ: 6,2 Mrd.). RTL gelang es 2017, attraktive Live-Sportangebote auszubauen. Neben den Qualifikationsspielen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft wird die Sendergruppe künftig auch die Live-Spiele der Euro League übertragen. Strategisch habe man sich verstärkt auf lokale Eigenproduktionen konzentriert, berichtete RTL-Chefin Anke Schäferkordt. Mit fast 90 Prozent bei RTL und über 70 Prozent bei Vox sei dieser Anteil inzwischen sehr hoch und weiter steigend. So mache man die großen Kanäle „zunehmend unabhängig von US-Produktionen“ und schaffe sich „einen klaren Wettbewerbsvorteil gegenüber unseren privaten Wettbewerbern im linearen Fernsehen und den amerikanischen Video-Plattformen“.

Durchwachsen bei Büchern und Zeitschriften

Der Umsatz im Buchgeschäft blieb mit 3,4 Mrd. Euro (VJ: 3,7 Mrd.) hinter den Erwartungen zurück. Erst im Oktober 2017 hatte der Konzern seinen Anteil an Penguin Random House von 53 auf 75 Prozent aufgestockt. Die restlichen Anteile hält die britische Verlagsgruppe Pearson. Der im Vorstand für das Buchgeschäft zuständige Markus Dohle gab sich dennoch optimistisch. Seine Zuversicht für 2018 gründet sich unter anderem auf den Erwerb der Weltrechte für Michelle Obamas Memoiren „Becoming“, die am 13. November „global“ erscheinen sollen.

Leicht rückläufig fielen erneut auch die Umsätze von Gruner + Jahr aus, um 4,2 Prozent auf 1,5 Mrd. Euro (VJ: 1,6 Mrd.). Laut Vorstandschef Rabe machten sich hier die Verkäufe von Verlagen in Spanien und Österreich bemerkbar. Dagegen verbesserte sich das Ebitda um 6,2 Prozent auf 145 Mio. Euro (VJ: 137 Mio.) Geringe Rückgänge im Printanzeigengeschäft konnten durch stark wachsende Digitalerlöse ausgeglichen werden. Erfolgreich waren nicht nur die G+J-Flaggschiffe „Stern“, „Gala“ und „Brigitte“. Zum guten Ergebnis trugen auch Magazinneugründungen wie „Ideat“, „Hygge“ und „Cord“ bei. Jüngste Kreation ist das am 23. März erstmals erschienene Heft „JWD“ (für: „Joko Winterscheidts Druckerzeugnis“ oder auch „Janz weit draußen“) Offenbar ein Versuch, die Erfolgsgeschichte von „Barbara“ – ein um die Moderatorin Barbara Schöneberger arrangiertes Magazin – zu kopieren.

Erfreuliches meldet die Musiksparte: Mit einem Umsatzplus von satten 21,8 Prozent konnte das Musikunternehmen BMG erstmals die 500-Mio.-Euro-Grenze überspringen (507 Mio., VJ: 416 Mio.). Das gelang vor allem durch eine Reihe von Akquisitionen und Katalogzukäufen. Zum BMG-Imperium gehört seit kurzem etwa der Songkatalog von Chrissie Hynde, Gründerin und Stimme der britischen Band The Pretenders.

Call-Center-Bereich wird abgestoßen

Größere Veränderungen stehen indes bei der Dienstleistungstochter Arvato an. Anfang dieses Jahres entschied die Konzernspitze, den unter dem Namen „Arvato CRM“ firmierenden Call-Center-Bereich zu verkaufen. In diesem Segment arbeitet nahezu jede_r Dritte der aktuell insgesamt 119.000 bei Bertelsmann Beschäftigen. Dies ist nach der Trennung von den Buchclubs 2015 der zweite große Einschnitt in der Rabe-Ära.

Für 2018 rechnet der Vorstandschef mit einem neuerlichen Umsatzwachstum. Zugleich strebe man ein operatives Ergebnis von drei Milliarden Euro sowie einen Gewinn von mehr als einer Mrd. Euro an. „Mittelfristig“ hält Thomas Rabe am Ziel einer Umsatzmarke von 20 Mrd. Euro fest. Wann die überschritten wird, darauf mag er sich allerdings nicht festlegen: „Ob das ein Jahr früher oder später geschieht, ist nicht so entscheidend.“

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

ver.di übt Kritik an ZDF-Intendant

Der Vorgang der Ausladung der Musiker Igor Levit und Danger Dan aus der 100. Ausgabe des Satire-Magazins „Die Anstalt“ (Sendetermin am 21. Juli 2026) wirft große Wellen. Der Auftritt wurde durch eine kurzfristige Entscheidung des ZDF-Intendanten Norbert Himmler verhindert. Daran übt auch der ver.di-Bundesvorstand starke Kritik.
mehr »

Politische Ausladung: ZDF sagt Auftritt ab

Ein neues Lied von Igor Levit und Danger Dan heißt "Keine Angst" und erscheint zum 17. Juli 2026. Es handelt vom möglichen Widerstand gegen eine zunehmende politische und gesellschaftliche Faschisisierung, wie sie weltweit und auch in Deutschland zu beobachten ist. Ein Auftritt der Künstler mit dem Song sollte ebenfalls für die 100. Sendung von "Die Anstalt" aufgezeichnet werden, die am 21. Juli 2026 erscheint. Dann lud das ZDF Danger Dan und Igor Levit kurzfristig aus.
mehr »

RSF: Kritik an Reform der Nachrichtendienste

Die Bundesregierung möchte dem Bundesnachrichtendienst (BND) und dem Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) deutlich mehr Befugnisse einräumen, das hat sie am 14. Juli 2026 in einer 700-seitigen Stellungnahme dargelegt. Der Schutz von Journalist*innen und ihren Quellen wird darin systematisch abgebaut, kritisiert Reporter ohne Grenzen (RSF). Und das ist nur ein Kritikpunkt an der Reform, die an anderer Stelle als "unanständig" kritisiert wurde.
mehr »

Österreichs „Standard“ in Deutschland

Kann eine österreichische Tageszeitung im zehnmal größeren deutschen Markt bestehen? Während viele Medienhäuser bei Expansionsversuchen viel Geld investierten und scheiterten, verfolgt der Wiener „Standard“ seit Jahren einen anderen Weg. Die deutsche Website derstandard.de ist weniger Angriff auf etablierte Anbieter als vielmehr ein strategisches Versuchslabor. Dort testet der Verlag Technologien, Geschäftsmodelle und digitale Strategien – mit erstaunlichen Erkenntnissen.
mehr »