Das Spiel in der anderen Liga

Das rund 1000 Quadratmeter große Bürovon T-Online in der Berliner Torstraße.
Foto: ströer/Benjamin Pritzkuleit

Ströer-Plattform T-Online mit neuem Berliner Büro vor Rundumerneuerung

Nach dem Umzug an die Spree will T-Online „digitales Leitmedium“ werden. Im September startet das Newsportal unter der Leitung von Ex-Spiegel-Mann Florian Harms neu durch. Unter dem Schlagwort „Publishing 3.0“ exekutiert der Marktführer eine technische und inhaltliche Rundumerneuerung. Eine Modernisierung, die trotz des enormen Reichweitenerfolges von T-Online überfällig erscheint.

Die Plattform gehört zum Kölner Werbevermarkter Ströer. Der hatte das Web-Angebot im August 2015 für rund 300 Millionen von der Deutschen Telekom übernommen. Unmittelbar danach hatte Ströer die Schließung des bisherigen Redaktionsstandortes Darmstadt und den baldigen Umzug nach Berlin angekündigt. Ein Schritt, den die Belegschaft auch mit phantasievollen Protestaktionen nicht verhindern konnte. Betriebsrat und ver.di gelang es immerhin, für die 108 Redakteur_innen einen Sozialplan und Interessenausgleich sowie die Bildung einer Transfergesellschaft auszuhandeln. Wie aus Betriebsratskreisen verlautet, erhielten nur zwei oder drei der Mitglieder der Altredaktion Jobs am neuen Standort. „Die meisten Kollegen haben sich für Abfindungen und den Übergang in die Transfergesellschaft entschieden“, bilanziert Thomas Müller, ver.di-Landesfachbereichsleiter Telekommunikation und Informationstechnologie in Hessen. Ein gutes Dutzend hätten Kündigungsschutzklagen eingereicht, von denen einige noch nicht entschieden seien. Andere hätten mittlerweile Ersatzbeschäftigungen gefunden.

Mit der Berufung von Florian Harms zum Chefredakteur gelang Ströer ein echter Coup. Erst im Dezember 2016 hatte Harms in gleicher Funktion nach heftigen verlagsinternen Querelen bei Spiegel Online abgedankt. Kritiker argwöhnten von Beginn an, hinter dem Umzug an die Spree stecke auch die Absicht, die Redaktion am neuen Standort wesentlich kleiner und materiell abgespeckter zu betreiben. Tatsächlich waren bis Mitte August in Berlin erst 53 von maximal 70 vorgesehenen Redaktionsstellen besetzt.

An vollmundigen Absichtserklärungen fehlt es nicht. Bei der Eröffnung des neuen Newsroom in Berlin stichelte Harms lustvoll gegen seinen alten Arbeitgeber: „Wir spielen in einer anderen Liga – Spiegel Online ist ein bisschen kleiner als wir.“ Bei flüchtiger Betrachtung ist da was dran. Mit mehr als 27 Millionen monatlichen Nutzern ist das Ströer-­Portal die reichweitenstärkste Seite Deutschlands. Firmengründer Udo ­Müller glorifizierte denn auch den neuen Newsroom flugs zum „Herzstück unserer Publishing-Sparte“. Dazu addierte er die 30 Millionen Nutzer, die über digitale Außenwerbeflächen wie Public-Video-Stationen in Bahnhöfen und anderswo in der Öffentlichkeit adressiert würden.

Eine Ansage, die nicht ohne Replik blieb. „Wir, die Darmstädter T-Online Redaktion, haben T-Online großgemacht und nicht Ihre hippe Berliner Truppe“, meldete sich Jan Eger, ehemaliger Nachrichten-Ressortleiter im Branchendienst turi2 zu Wort. Man könne natürlich die Reichweite auch künstlich nach oben treiben, „indem man einfach alle Menschen zählt, die an den störenden grauen Stelen in den Bahnhöfen vorbeilaufen müssen“.

Nach dem faktischen Austausch der Belegschaft geht eine völlig neue Redaktion in Berlin an den Start. Offiziell ist Harms seit dem 1. September Chefredakteur. Sein künftiger Stellvertreter Jan Hollitzer wechselt am 1. Oktober aus der Chefredaktion des Funke-Blatts Berliner Morgenpost zu Ströer. Der Auftrag an die neue Führungscrew ist klar: Trotz der starken Reichweite soll T-Online vor allem technisch nachrüsten. Suchmaschinenoptimierung und Dynamisierung der Social-Media-Auftritte stehen ganz oben auf der Agenda. Gearbeitet wird auch an einem neuen Layout. Gleichzeitig sollen Vertriebskanäle wie App- und Newsletter-Angebot erneuert werden.

Auch in Sachen Content steht ein umfassendes Facelifting an. Als interessantes Nachrichtenmedium wurde T-Online bislang nicht so recht ernst genommen. Neben Agenturinhalten sollen künftig mehr selbst recherchierte Geschichten her, unter anderem durch frisch eingestellte US- und Parlamentskorrespondenten. Die Rubrik „Nachrichten“ soll durch „Politik“ und „Panorama“ ersetzt werden, um eine größere Trennschärfe zwischen harter Politik und Blaulicht-Stücken zu erreichen. Ihrer ersten ernsthaften Bewährungsprobe muss sich die Redaktion bei der Bundestagswahl stellen. Geplant sind Interviews mit den Hauptprotagonist_innen, datenjournalis­tische Projekte und Berichte von den Wahlpartys.

Die Ströer-Gruppe betreibt und vermarktet Tausende von Webseiten im deutschsprachigen Raum. Sie beschäftigt rund 4.600 Mitarbeiter_innen an mehr als 70 Standorten. Im Geschäftsjahr 2016 erzielte die Gruppe einen Umsatz von 1,12 Milliarden Euro. Schon jetzt beschäftigt die Abteilung Ströer Media Brands (ohne T-Online) an die 140 Mitarbeiter_innen. Produziert werden Inhalte für diverse Special-Interest-Plattformen von Ströer. Zum Portfolio gehören unter anderem das Frauenportal Erdbeerlounge, Kino.de, das Reiseportal Abado sowie Technologie-News für diverse Themenplattformen der Marke Giga.


Weiterführende Informationen:

 

Ströer: Mit t-online ohne Rücksichten nach Berlin

Ströer: Sozialplan für T-Online-Journalisten

 

 

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