Ströer: Mit t-online ohne Rücksichten nach Berlin

Mit Riesenpostern seines Unternehmens BlowUp Media ist Ströer längst in Berlin angekommen. Nun soll eine komplette Redaktion folgen. Foto: stroeer.com/mediathek

Erst im vergangenen Jahr wurde t-online.de zur „Website des Jahres 2015“ in der Kategorie „Nachrichten und Information“ gewählt.  Zudem ist es mit rund 21,87 Millionen Nutzern im Monat das reichweitenstärkste Online-Medium Deutschlands. Genutzt hat es den für den Inhalt verantwortlichen 100 Redakteurinnen und Redakteuren nichts. Ihr Arbeitgeber, der Kölner Werbevermarkter Ströer, löst die gut funktionierende und hoch professionell arbeitende Redaktion in Darmstadt auf und verlegt sie nach Berlin. Wer mitziehen will in die Hauptstadt, darf sich auf 60 neue Stellen im Newsroom bewerben. Eine Jobgarantie gibt es jedoch nicht. Der Betriebsrat hat Widerstand angekündigt.

Die Redakteure waren ahnungslos, als sie jüngst auf der kurzfristig einberufenen Betriebsversammlung erfuhren, welche Pläne der Ströer-Vorstand ausgeheckt hat. Christian Schmalzl, Ströer-Vorstandsmitglied und Überbringer der Hiobsbotschaft, präsentierte nämlich einen Plan, der für alle Mitarbeiter einen radikalen Lebenseinschnitt vorsieht. Denn die Schließung der Redaktion in Darmstadt bedeutet für viele Journalisten schlichtweg das berufliche Aus: „Viele können nicht mit nach Berlin, weil sie hier Familie und ein Haus haben“, so ein betroffener Redakteur. Gerade für ältere Kollegen jenseits der 50 sei es schwer, noch woanders eine berufliche Perspektive zu entwickeln. Doch selbst wenn sich Redakteure, deren Arbeitsplätze bis zum 1. April 2017 gesichert sind, tatsächlich für den Umzug entscheiden sollten: Ströer gibt ihnen keine Jobgarantie.

Der Betriebsrat will die Pläne nicht einfach so hinnehmen: „Ich und meine Kollegen – nicht nur in der Redaktion, sondern in allen Bereichen – haben in den letzten Jahren eines der reichweitenstärksten Internet-Portale aufgebaut, dessen finanzieller Erfolg sich mehr als sehen lassen kann“, sagte T-Online-Betriebsrat Jens Bistritschan der hessenschau.de. „Andere Medienverantwortliche bekämen Pipi in die Augen, wenn sie auch nur annähernd unsere Zahlen schreiben würden.“ Die Entscheidung von Ströer könne man daher in keiner Weise nachvollziehen.

Verhandlungen für einen Interessenausgleich und einen Sozialplan haben noch nicht begonnen. Von Arbeitgeberseite ist nach Angaben des Betriebsrates jedoch der Wunsch geäußert worden, diese bis Ende des Jahres abgeschlossen zu haben. Über die genauen Ziele in den Verhandlungen liegen derzeit keine Angaben vor.

Höher hinaus mit Publishing-Hub

Doch warum schließt der Werberiese die T-Online-Redaktion in Darmstadt? Das Unternehmen schreibt in einer Presseerklärung: „Ströer fokussiert sich im Digital Publishing auf den Medienstandort Berlin und baut in der deutschen Hauptstadt einen zentralen, integrierten Publishing-Hub (sprich Newsroom) auf.“ Dort soll auf insgesamt 1000 Quadratmetern der „modernste Newsrooms Deutschlands“ entstehen – mit Fokus auf einer „multimedialen und effizienten Arbeitsweise“. In der neuen Nachrichtenzentrale will man in Zukunft die Produktionen digitaler Inhalte unter einem Dach bündeln. Sowohl Content für insgesamt zehn Ströer-Special-Interest-Plattformen wie kino.de, giga.de und erdbeerlounge.de als auch der allgemeine Newsbereich mit Themen wie Politik, Wirtschaft und Sport für t-online.de werden zukünftig in Berlin produziert. Die Redaktion am Standort Darmstadt entspricht offenkundig nicht den Erwartungen. Nur durch den Aufbau eines neuen Newsrooms in Berlin glaubt man, T-Online fortentwickeln zu können in Richtung Publishing 3.0 bzw. „multimediales Storytelling über alle Devices, Kanäle und Medien hinweg“.

Ströer hatte das Internetportal T-Online erst im November 2015 von der Deutschen Telekom gekauft. Angesichts der guten Resultate, die das Nachrichtenportal auch nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft Online Forschung (Stand Juni 2016) erzielt –meiste Unique User vor ebay.de und bild.de – war die Belegschaft vom einem „Weiter so“ ausgegangen. Und zwar in Darmstadt, wo alle anderen Bereiche des Portals wie Produktmanagement, Technik und Vermarktung angesiedelt sind und übrigens auch nach Schließung der Redaktion bleiben werden. Doch Ströer will dahin, wo die Musik spielt. Weg aus dem Rhein-Main-Gebiet – hin nach Berlin.

Offenbar traut man der vorhandenen Redaktion keine Veränderung zu, glaubt Dr. Thomas Müller von ver.di Hessen. Und: „Der Eindruck entsteht, dass hier vor einem Jahr ein funktionierendes Unternehmen gekauft wurde und sich nun der Teile entledigt wird, die dem Käufer nicht gefallen. Hier wird mit den Existenzen der Beschäftigten gespielt und die Umsetzung einer sozialen Verantwortung des Unternehmens ist erst einmal nicht ersichtlich.“ ver.di wird in den nächsten Wochen in Abstimmung mit dem Betriebsrat der Ströer-Geschäftsführung diese Fragen stellen und sich für die Absicherung der Beschäftigten einsetzen. „Für die Beschäftigten gilt ein Rationalisierungsschutz, aber leider kein Kündigungsschutz“, erläutert Müller den aktuellen Hintergrund der Verhandlungen.


Info: Die Ströer Gruppe mit Firmensitz in Köln vermarktet und betreibt mittlerweile mehrere tausend Webseiten vor allem im deutschsprachigen Raum sowie 300.000 Werbeträger im Bereich „Out of Home“. Nach eigenen Angaben zählt die Ströer SE & Co. KGaA mit einem Konzernumsatz von 824 Millionen Euro für 2015 zu den größten Vermarktern von Außen- und Onlinewerbung. Die Ursprünge des börsendotierten Unternehmens gehen auf die 1963 als Heinz W. Ströer GmbH gegründete Firma zurück, die in Köln Plakatwände bestückte.

nach oben

weiterlesen

„green motion“ in der Film- und TV-Branche

Ein breites Bündnis wesentlicher Branchenvertreter*innen des deutschen Film-, TV- und VoD-Marktes hat sich entschlossen, einen großen Teil ihrer Inhalte zukünftig klima- und ressourcenschonend herzustellen. Damit sollen in relevantem Maße CO2-Emmissionen vermieden werden. Im Arbeitskreis „Green Shooting“ wurden hierzu erstmals einheitliche ökologische Mindeststandards für nachhaltige Produktionen entwickelt und sich in einer Nachhaltigkeitsinitiative ab 1. Januar 2022 zu deren Einhaltung verpflichtet.
mehr »

Begegnung mit dem Datenschatten

Die Berliner Künstler*innen-Gruppe Laokoon hat mit #madetomeasure ein investigativ-künstlerisches Datenexperiment realisiert. Sie hat Szenen aus dem Leben einer realen Person rekonstruiert, indem sie deren Google-Suchen ausgewertet hat. Das Projektergebnis ist als Film und Website zu besichtigen. Bilanzierend erkennen die Macher, „welches mächtige Werkzeug“ es auch für Manipulatoren sein kann, mit IT massenhaft psychologische Profile zu erstellen.
mehr »

ARD stellt Weichen für ein neues Programm

Die ARD geht in die Offensive und beginnt Anfang des nächsten Jahres mit dem digitalen Umbau ihres Programms. Im Fokus stehen das Erste und die ARD Mediathek, beide sollen künftig mit einem attraktiven Angebot für Jung und Alt aufwarten. Mehr Dokumentationen, eine neue Wissensendung, neue vertiefenden Gesprächsformate, mehr Reportagen und mehr Comedy. Dazu kommen eigenproduzierte und internationale fiktionalen Serien-Highlights – mindestens 25 im Jahr.
mehr »

Glaubwürdiger durch Klimaneutralität

„Es ist gut fürs Geschäft und fürs Klima“, resümiert Andreas Gustavsson, Chefredakteur der schwedischen Tageszeitung "Dagens ETC", die zwei Jahre lang auf fossile Werbeanzeigen verzichtete. Auf der Online-Fachtagung „Medienhäuser auf dem Weg zur Klimaneutralität“, zu der die dju in ver.di und die Initiative #fossilfreieMedien am 11. Oktober eingeladen hatten, diskutierten Medienvertreter*innen und Klimafachleute, was die Branche zur Bewältigung der Klimakrise beitragen kann.
mehr »