Münstersche Zeitung: Das traurige Ende

Ehemaliges Pressehaus der "Münsterschen Zeitung". Heute Sitz u.a. der Gruppe "Gratiszeitungen im Münsterland"
Foto: Frank Biermann

Wie sich aus großen und innovativen Verlegerplänen eine traurige, fast schon tragische Geschichte entwickeln kann, das hat in den Jahren 2007 bis 2014 der Dortmunder Zeitungsverleger Lambert Lensing-Wolff mit seiner „Münsterschen Zeitung“ (MZ) gnadenlos vorgeführt. Er gab den bad guy der Verlegergilde – und hatte am Ende nichts davon. Nur einen ruinierten Ruf. Eine Geschichte mit Verlierern auf allen Seiten.

Wenn Verleger im Handstreich in einer Nacht-und Nebel-Aktion eine fast komplette Lokalredaktion schassen und gegen eine andere austauschen, dann ist das an sich schon schlimm genug. Wer die entlassenen Beschäftigten dann auch persönlich diffamiert und herabwürdigt, sie als  „reformunfähig und renitent“ hinstellt und ihrer Arbeit „unterirdisches Niveau“ bescheinigt, der offenbart wenig Fingerspitzengefühl. Der Dortmunder Zeitungsverleger Lambert Lensing-Wolff hat dies am 19. Januar vor zehn Jahren auf genau diese Weise mit der Lokalredaktion der „Münsterschen Zeitung“ gemacht. Und sein Blatt damit gründlich vor die Wand gefahren. „Mehr Service, mehr Leserfreundlichkeit, eine deutlich verbesserte Blattstruktur“, all das sollte das „bundesweit innovativste Redaktionsteam“ leisten, wie die neue Redaktion in einer Stellenanzeige betitelt wurde. Junge, ehrgeizige, multimedial ausgebildete Berufsanfänger sollten unter der Leitung von Chefredakteur Stefan Bergmann „das journalistische Profil schärfen“, für eine zeitgemäße Optik  und eine „multimediale Verschränkung der Inhalte“ sorgen.

Die Zeitungsproduktion wurde zunächst auf jeden Fall billiger. Auf einen Schlag konnte sich das Unternehmen von einer Redaktion trennen, die ihm zu teuer erschien, mit der angeblich die Zukunft seiner Zeitung nicht gesichert werden konnte. Irgendwann nahmen die Redakteur_innen die aufgrund des unvorstellbaren öffentlichen Wirbels nicht gerade niedrigen Abfindungen an und machten Lensing-Wolff sogar noch online mit dem Transfer-Projekt echo-muenster.de Konkurrenz.

Die „großen Töne“, die der vermeintliche Reformator des deutschen Zeitungswesens anschlug, setzte die neue Redaktion unter einen immensen Leistungsdruck. Der massive Imageverlust des Blattes sorgte auch durch optische und inhaltliche Reformen für keinen turn around bei der Auflage. Sogar eine Agentur für Krisenkommunikation beschäftigte der Verlag. Abowerber_innen wurden hinter ihren Ständen beschimpft, selbst „für lau“ wollten die Münsteraner_innen die „kleine Blaue“, so hieß sie im Volksmund, nicht mehr haben. Da konnten die Beilagen über den neuen modernen Newsdesk noch so schön daherkommen und die schöne neue Zeitungswelt verkünden. Die Qualität der Videobotschaften blieb auf dem Niveau von Bürgerfernsehen stecken, die Kooperation mit dem Lokalsender Center TV kam zu spät.

Das neue 17 köpfige MZ-Team war jünger und damit billiger als die erfahrene Lokalredakteurstruppe. So etwas wie Arbeitszeitregelungen soll es gegen Ende nicht mehr gegeben haben. Um noch zu retten, was nicht mehr zu retten war, gab es bizarre interne Diskussionen um freiwillige Bereitschaftsdienste am Samstag ohne Bezahlung. Wer da nicht mitzog, der musste mit der Unterstellung leben, die Digitalisierung und damit die Zukunft der Zeitung zu gefährden. Und wer eine Bezahlung dafür forderte, galt zumindest als „unkollegial“.

Bekannte Autoren wie Ralf Heimann verließen das sinkende Schiff. Die Auflage ging immer weiter in den Keller. In den letzten Jahren wurde eine eigenständige IVW-Auflage der MZ Münster Stadt gar nicht mehr ausgewiesen, lag de facto wohl nur noch im vierstelligen Bereich. Die Dominanz des Mitbewerbers, der „Westfälischen Nachrichten“ (WN) aus dem Verlag Aschendorff, wurde erdrückend. Das Ende vom Lied: Die „Münstersche Zeitung“ wird im November 2014 im Rahmen einer vom Kartellamt genehmigten Sanierungsfusion vom Verlag Aschendorff übernommen und existiert seitdem ohne eigene Lokalredaktion. In der  2007 zusammengestellten MZ-Redaktion verloren alle ihren Job.

Den Zeitungstitel gibt es noch. Er wird jedoch mit dem Dortmunder Mantel der „RuhrNachrichten“ und lokalem Material des neuen Eigentümers, der WN verbreitet. Auflage: Unbekannt. Die „Münstersche Zeitung“ wird bundesweit in Erinnerung bleiben als ein deutliches Zeichen für den Verfall des deutschen Journalismus. Ein Symbol, das viele Journalist_innen die massiven Umbrüche in der deutschen Medien-Landschaft schon 2007 spüren ließ. Lokale Pressevielfalt findet seitdem in Münster nicht mehr statt. Redakteur_innen, die nach Tarifverträgen bezahlt werden, gibt es nicht mehr. Die „Westfälischen Nachrichten“ sind ohne Tarifbindung in allen Unternehmensbereichen.

Lambert Lensing-Wolff hat sich im Juli 2014 aus dem operativen Zeitungsgeschäft zurückgezogen. Er kümmert sich vornehmlich um die Immobilien seiner Familie und hat damit offenbar genug zu tun.

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