Digitale Reform im Kulturradio

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Der Hessische Rundfunk (hr) hat sein Radio-Programm von „hr2 kultur“ umgestaltet. Die Reform ist jedoch weniger umfangreich als von einigen Feuilletons befürchtet. Altbewährte Magazinformate sind erhalten geblieben und das digitale Angebot wurde erweitert. Neu ist der Entstehungsprozess des Programms: Die verkleinerte Redaktion fragt die Beiträge nun an einem Desk in der zentralen crossmedialen „Kultur-Unit“ an.

Monatelang überwachte insbesondere die Frankfurter Allgemeine Zeitung den Umbauprozess des „Radiojuwels hr2 kultur“ und witterte beständig seinen Ausverkauf. Nachdem sich vergangenes Jahr verbreitete, der Kultursender solle zu einer durchhörbaren Klassikwelle schrumpfen, führte dies zu einem veritablen Hörer-Aufstand. Der öffentliche Widerstand richtete sich vor allem gegen die Einstellung altbewährter Formate wie „Der Tag“. Täglich greift das nun erhalten gebliebene Magazin ein anspruchsvolles gesellschaftpolitisches Thema auf, so jüngst das nicht nur medial omnipräsente „Winner-Loser-Denken“ mit dem Titel „Verloren! Die Rhetorik von Sieg und Niederlage“. Ebenso verbleibt das werktägliche Magazin „Doppelkopf – Gespräche mit Menschen, die etwas zu sagen haben“. Kulturschaffende, Held*innen des Alltags und Menschen aus der Wissenschaft sprechen darin über ihr Wirken. Das morgens um sechs Uhr startende „Kulturfrühstück“ heißt jetzt „Am Morgen“ und musste nur eine Feder lassen, die Kulturpresseschau.

Aber was ist denn nun wirklich anders im linearen Programm? Die Hörer*innen dürfen am Nachmittag nun drei Stunden lang der klassischen Musik ohne große Unterbrechungen lauschen. Kein reines Klassikgedudel, denn Moderator*innen führen mit „aktuellen Kulturgesprächen“ durchs Programm. Waren die Musikgenres im früheren Tagesprogramm werktags breiter gestreut, hört man Jazz und Weltmusik nun primär am Abend. Neu hinzugekommen ist ein Sendeplatz für Krimihörspiele und ein sonntägliches Gesprächsformat für Prominente, die unter dem Titel „2 bis 4“ ihre Wunschmusik vorstellen. Darunter etwa Größen wie Ton Koopman, Präsident des Bach-Archivs oder der Jazz-Pianist Michael Wollny. Die neue Reihe „Archivschätze“ spielt Musikaufnahmen, Lesungen und Hörspiele aus dem reichen Fundus des Hauses.

Rolle der Moderation gestärkt

Es scheint so, als sei die vom hr groß angekündigte Reform des Kulturradios nur ein Reförmchen. Hört man jedoch genauer hin, sind Mini-Features und Kurzreportagen nahezu verschwunden, dafür wurde die Rolle der Moderator*innen auf allen Sendeplätzen gestärkt. Sie sollen die in der TV- und Radiowellen übergreifenden „Kultur-Unit“ entstandenen Beiträge nun inhaltlich miteinander verbinden. Klingt nach einer Sparmaßnahme zulasten der freien Autor*innen, die das frühere Programm mit Wortbeiträgen füllten. Auch die Redaktion der Kulturwelle wurde verkleinert. Deren Pressereferentin Janina Schmid betont dagegen, die Beziehung zwischen Kultur-Unit und hr2 kultur sei keine Einbahnstraße. „Es wurden zwar Ressourcen von hr2 zur Kultur-Unit umgeschichtet. Die von der Unit beauftragten Beiträge werden hr2 kultur aber auch frei zum Ausspielen bereitgestellt“, so Schmid. Jesko von Schwichow, verantwortlich für Musik und Management der Welle, erläutert dies anhand des Magazins „Der Tag“: „Sowohl administrativ als auch finanziell lag die Verantwortung früher bei „hr2 kultur“. Die liegt jetzt bei der Kultur-Unit. Die Sendung läuft aber weiter bei uns im linearen Programm. Sie ist auch so ausgestattet wie zuvor.“

Mehrfachbelastung im Rundfunk

Seit der Umstrukturierung, so hört man, sei die Arbeitsverdichtung für die Mitarbeitenden stark angestiegen. Der Kultursender werde jenseits der beiden Magazine durchmoderiert wie die Popwellen. Für die Moderator*innen gäbe es keine begleitende Redaktion mehr; auch die Redaktionsassistenzen wurden weitgehend gestrichen. Das hr2-Team sei zwar hochmotiviert, aber kräftemäßig wegen einer Mehrfachbelastung am Limit. „Umstrukturierungen sind immer anstrengend“, sagt von Schwichow, „bis zum Ende des Jahres werden sich die Arbeitsabläufe sicher eingespielt haben, wir haben derzeit verständlicherweise noch Schulungsbedarf.“ Allerdings sei noch unklar, welche Aufwände der Corona-Situation geschuldet sind und welche der Arbeit in einer veränderten Struktur, die noch nicht abgeschlossen ist.

Eine kleine Gruppe von freien Mitarbeiter*innen um den hr2-Programmchef Hans Sarkowicz und Jesko von Schwichow hat in einem kurzen Zeitraum ein weiterhin niveauvolles Programm entwickelt. Zum Team gehören, so Schwichow, die „alten Säcke vom Radio“ und die „Jungen Wilden Digitalen“. Letztere sind beileibe auch nötig, wie anders als digital kann man Menschen unter 35 Jahren heute noch mit Kulturinhalten erreichen? Auch deshalb hat das Team den Ausbau von digitalen Anwendungen initiiert, so gibt es jetzt ein Kinderprogramm mit neuem Podcast sowie die neue „hr2 kultur-App“, mit der man auf Nachrichten und Wortbeiträge nun flexibel zurückspringen kann. Von Schwichow unterstreicht, dass der hr weiterhin die digitalen Ausspielwege stärken müsse und ergänzt: „Wichtig ist, wie wir als öffentlich-rechtlicher Absender sichtbar werden und bleiben. Linear und digital.“

Die 2019 vom hr verkündete Strategie „Digital First“ hat sich also hin zu einer gemilderten linearen sowie digitalen Doppelstrategie bewegt. Silvia Kuck, Vorsitzende des Örtlichen Personalrats des hr in Frankfurt, hat großes Verständnis für die Notwendigkeit einer Digitaloffensive. „Nur dass die Programm-Macher*innen bei ihrem Transformationsprozess so wenig begleitet werden, stimmt mich traurig.“

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