„Grenzenloser Appetit“

Freie Produzenten wehren sich gegen Verflechtungen öffentlich-rechtlicher Konkurrenten mit Fernsehsendern

Lola lief gut – bis nach Hollywood. Der Film „Lola rennt“, produziert von der Berliner „X Filme Creative Pool“, gilt als Qualitätsbeispiel unabhängiger deutscher Produktionen. Aber die könnten bald Mangelware sein, befürchtet die Branche in Zeiten drastischer Sparmaßnahmen der Sender. Ein Drittel aller Filmproduktionen soll eingespart werden. Deshalb reagieren die freien Produzenten besonders argwöhnisch auf die Kooperationen der öffentlich-rechtlichen Produktionsfirma Bavaria mit Tochtergesellschaften öffentlich-rechtlicher Sender.

„Die Öffentlich-Rechtlichen pumpen ihr Geld, das von den Gebührenzahlern kommt, in ihre Tochterunternehmen. Und das in einer Zeit, in der die Mittel knapp sind und die Produzenten am Boden liegen“, sagt Stefan Arndt, geschäftsführender Gesellschafter von X-Filme. Er steht nicht allein: „Die ARD hat, was die Neugründung weiterer Tochterfirmen angeht, kein Schamgefühl“, sagt Gerhard Schmidt, Gründer von Cologne Gemini und Vorstandsmitglied im Verband deutscher Fernsehproduzenten. „Und der Bavaria fehlt bei ihrem grenzenlosen Appetit auf weitere Expansion eine natürliche Fressbremse.“

Die Wut kocht hoch, weil nun auch noch der MDR bei der Bavaria einsteigt, an der schon WDR, BR und SWR beteiligt sind. Der NDR besitzt Studio Hamburg, und das ZDF hat Network Movie. Die Vielfalt der Programme stehe auf dem Spiel, befürchtet der Vorsitzende des Bundesverbands deutscher Fernsehproduzenten, Bernd Burgemeister. Von einem „Fall ARD“ spricht Georgia Tornow. Die Generalsekretärin von „film 20“ fordert nun eine Privatisierung der Tochterunternehmen.

„Der Kuchen für die freien Produzenten wird kleiner“, sagt Schmidt, „aber die Kreativität ist in den kleinen Firmen größer.“ Besonders Serien, die früher das Überleben vieler unabhängiger Produzenten gewährleistet hätten, würden nun von den „Dinosauriern“ weggeschnappt. Kritiker sehen darin einen möglichen Verstoß gegen den Rundfunkstaatsvertrag: Dürfen Öffentlich-Rechtliche eine vertikale Konzentration aufbauen? In den sonst so liberalen USA hatte bereits 1948 das Oberste Gericht mit den Fin-Syn Rules (Financial Interest and Syndication Rules) entschieden, dass Sender und Produzenten nicht miteinander verflochten sein dürfen.

„Auch wenn das Gesetz seit einigen Jahren in den USA aufgeweicht wird, hat es dazu geführt, dass die US-Filmindustrie führend auf der Welt wurde“, sagt Produzent Arndt. Die deutsche Produzentenlandschaft dagegen sei „so klein und mickrig, weil die Situation hier umgekehrt ist – die Sender diktieren die Preise“. Diese Situation sei während des Internet-Hypes und des Booms am Neuen Mark verschleiert worden. Arndt schätzt, dass von den freien Produzenten, die im letzten Jahr Filme machten, nur zehn Prozent Ende nächsten Jahres noch existieren werden.

Kaum Eigenkapital

Das wäre dann auch eine Folge der Kreditvergaberegeln (Basel II): Banken werden künftig höhere Sicherheiten verlangen. Bei den meisten Produzenten ist Eigenkapital kaum vorhanden, sie sind auf Kredite angewiesen. „Ein beachtlicher Teil kleinerer und mittlerer Unternehmen wird daher kaum noch in der Lage sein, zu produzieren“, sagt der Justiziar des Bundesverbandes deutscher Fernsehproduzenten voraus, Johannes Kreile.

Bei der Bavaria will man sich nicht zu den Vorwürfen äußern, wundert sich aber über die Aufregung. Schließlich bestünden die Beteiligungen von WDR und SDR bereits seit 1959. Achim Rohnke, Chef von ARD Sales & Service und WWF wiegelt ab. Die Firma First Entertainment, ein Zusammenschluss von WWF und Bavaria, werde keinen einzigen Arbeitsplatz gefährden.

Rohnke: „First Entertainment wird Formate entwickeln, wir sparen so Lizenzgebühren ein.“ Rohnke betont, dass besonders im Spielfilmbereich die Sender bei der Auftragsvergabe vollkommen unabhängig entscheiden würden. Von den generellen Umsatzrückgängen seien auch Unternehmen wie Bavaria, Studio Hamburg oder Grundy betroffen. Die ARD orientiere sich am Angebot, sagt auch Jörg Klamroth, Chef der ARD-Filmhandelstochter Degeto. Alle Firmen hätten eine reale Chance. Aber er sagt auch: „Natürlich hat man auch das Schicksal der Töchter im Blick.“

Bavaria-Geschäftsführer Thilo Kleine hatte nicht gerade zur Beruhigung der Gemüter beigetragen, als er vor einiger Zeit sinngemäß erklärte, für die unabhängigen Produzenten sei kein Raum mehr in der Branche, da sie ihre Erlöse in Autos oder Häuser investierten. Die Erlöse der Bavaria dagegen würden direkt wieder an die Sender ausgeschüttet und damit „im Kreislauf“ bleiben. Schmidt von Cologne Gemini bezeichnet die öffentlich-rechtlichen Tochtergesellschaften dagegen als „Geldvernichtungsfabriken“. Das Geld fließe „vor allem in eine aufgeblähte Verwaltung.“

Die Berliner Produzentin Regina Ziegler schlägt eine prozentuale Festlegung der Vergabe von Senderaufträgen an Tochterunternehmen vor. „Dann weiß wenigstens jeder, woran er ist.“ Immer lauter wird der Ruf nach einer politischen Lösung. In einem Brief an die Intendanten erinnert Burgemeister an den Rundfunkfinanzierungsstaatsvertrag. Dort heißt es, dass „ARD und ZDF bei der Wahrnehmung ihres Programmauftrags Produktionen unabhängiger Film- und Fernsehproduzenten angemessen berücksichtigen“. Miriam Meckel, in Nordrhein-Westfalen als Staatssekretärin für Medienwirtschaft zuständig, sagt: „Aus meiner Sicht ist die Pflege der unabhängigen Produzentenlandschaft wichtig, und alle Konstruktionen, die diese gefährden, müssen wir kritisch betrachten.“

 

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