Gute Nachrichten in schlechten Zeiten?

Unterschiedliche Blickwinkel auf die Bilanzen von Springer und Bertelsmann

Wie fast alle deutschen Medienkonzerne ächzten auch der Axel Springer Verlag und die Bertelsmann AG im vergangenen Jahr unter der Rezession in der Medienbranche. Bei der Vorstellung ihrer Bilanzen wurde sichtbar, dass die eingeschlagenen Sanierungsstrategien sich durchaus in Nuancen unterscheiden.

Im Axel Springer Verlag werden neuerdings kleinere Brötchen gebacken. Die Krise macht die Manager in Europas größtem Zeitungshaus bescheiden. „Es ist nicht die Zeit für hochfliegende Visionen, sondern für bodenständige Zukunftssicherung“, so Vorstandschef Mathias Döpfner am 13. März auf der Bilanz-Pressekonferenz für 2002. Nach dem schwarzen Jahr 2001, dem ersten in der Verlagsgeschichte mit negativem Abschluss, dürfen die Aktionäre wieder eine bescheidene Dividende kassieren – trotz eines dreiprozentigen Umsatzrückgangs.

Negative Leserantwort

61 Millionen Euro Gewinn erwirtschaftete Springer im vergangenen Jahr – kein schlechtes Ergebnis inmitten der schweren Branchenkrise, deren Ende noch längst nicht in Sicht ist. Immerhin waren bei Springer im Vorjahr Verluste von fast 200 Millionen Euro aufgelaufen Für Springer-Vorstandschef Matthias Döpfner ist die Rückkehr in die Gewinnzone Grund zum Jubel.

Axel Springer, so frohlockte er, sei als eines der ersten Unternehmen von der Medienkrise mit roten Zahlen betroffen gewesen und jetzt als erstes Medienunternehmen wieder mit positiven Zahlen aus der Situation hervorgegangen: „Früh rein, früh raus aus der Krise“. Die vergleichsweise schnelle Erholung ist allerdings nicht unbedingt auf besonders hohe unternehmerische Kreativität zurückzuführen. Vielmehr hat sich Springer in der Branche als knochenharter Sanierer profiliert. Was nicht zum Kerngeschäft gehört, wurde und wird verkauft. Was keine oder zu geringe Rendite abwirft, kurzerhand eingestellt. Zuletzt verscherbelte der Konzern seine Buchverlagsgruppe Ullstein Heyne List an die Bertelsmann-Tochter Random House.

Für die Konzernmitarbeiter dagegen war 2002 unter dem Strich eher ein schlechtes Jahr. Allein im Jahr 2002 wurden 1038 Jobs bei Springer abgebaut, „in konstruktiver Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat“ (Döpfner). Jeder vierte davon fiel der redaktionellen und verlegerischen Zwangsfusion der Tageszeitungen „Welt“ und „Berliner Morgenpost“ zum Opfer. „Wir sind mit der Zusammenführung der Redaktionen, auch was die negativen Effekte auf die Blätter selbst betrifft, absolut positiv überrascht worden, es ist ausgesprochen pragmatisch und sehr, sehr gut umgesetzt worden“, verkündetet Döpfner.

Und auch unter publizistischen Gesichtspunkten erscheint die Fusion zweier bislang selbständiger Redaktionen nicht überzeugend. Zuletzt suchte sich der neue Doppelchefredakteur Jan-Eric Peters in peinlichster Manier als bedingungsloser Vasall der US-amerikanischen Militäraktion gegen den Irak zu profilieren. Auf die Frage: „Mit den Amerikanern oder gegen sie?“ fand er in den beiden von ihm verantworteten Blättern die identische Antwort: „Die Entscheidung der Welt steht fest.“ – „Die Entscheidung der Berliner Morgenpost steht fest“. Die Leser mögen diese Art von konzerninternem „Pluralismus“ offenbar nicht. Die „Morgenpost“ hat seit der Fusion trotz aufwendigem Relaunch weiter leicht an Auflage verloren. Bei der „Welt“ nimmt die Auflagentalfahrt inzwischen dramatische Züge an: Innerhalb eines Jahres sank die Zahl der verkauften Exemplare um 40.000 auf Ende 2002 nur noch 211.000.

Lukratives „Pop Idol“

Auch bei Bertelsmann wird aufgeräumt. Nach dem spektakulären Rauswurf von Thielen-Vorgänger Thomas Middelhoff im vergangenen Sommer besinnen sich die Gütersloher verstärkt auf ihr sogenanntes Kerngeschäft: Verlage, Fernsehen, Musik. Das Internet-Engagement wurde drastisch reduziert, spielt allenfalls noch eine Rolle als Vertriebs- und Marketingplattform für die einzelnen Geschäftsbereiche. Bis auf die in der Direct Group organisierten Buch-Clubs schreiben alle Sparten wieder schwarze Zahlen. Das gilt vor allem für die RTL Group. „Europas Nummer Eins in TV, Radio und Fernsehproduktion“ erwirtschaftet mit knapp elf Prozent die höchste Rendite und steuert fast ein Viertel des Konzernumsatzes bei. Besonders viel Freude machte den Bertelsmännern das internationale Format „Pop Idol“, hierzulande besser bekannt unter dem Titel „Deutschland sucht den Superstar“. Vorstandschef Gunter Thielen reihte geradezu schwärmerisch die Perlen der imposanten Verwertungskette auf: „Von der Produktion des Konzepts durch die Firma Freemantle über die Ausstrahlung bei RTL bis hin zur Musikproduktion durch BMG und zum Vertrieb begleitender Produkte durch Arvato und die Direct Group waren fünf Unternehmensbereiche an diesem Format und seinem Erfolg beteiligt.“ Eine Erfolgsstory, die zudem weitergeschrieben wird. Nach Angaben Thielens verhandelt die Produktionsfirma mit 50 Ländern über den Verkauf der Lizenz für das Format.

Durch den Erwerb von mehr als 47,5 Prozent bei n-tv bekam die grosse RTL-Fernsehfamilie weiteren Zuwachs. Auch das bisherige Sorgenkind, die Musiktochter BMG, ist durch einen rigorosen Sparkurs wieder im Aufwind. Allerdings drückt der bereits vor Jahren eingefädelte milliardenschwere Kauf der Plattenfirma Zomba auf die Bilanz.

Zum konzerninternen Zwist über die Rolle der Eignerfamilie Mohn bei Bertelsmann versicherte Thielen, Firmenpatriarch Reinhard Mohn und seine Frau Liz hätten keineswegs vor, die Geschäftspolitik an sich zu ziehen. Allein die unternehmerische Kompetenz entscheide über den Erfolg eines Unternehmers.

Die Rolle der Familie Mohn, so Thielen, bestehe vor allem darin, die Unternehmenskultur zu wahren und weiterzuentwickeln. Als Beispiel für eine intakte Unternehmenskultur nannte der Vorstandschef eine konzerninterne Umfrage. Bei der „ersten weltweiten Mitarbeiterbefragung“ im vergangenen Jahr hätten mehr als 50.000 Bertelsmann-Mitarbeiter ihre Ansichten über Betriebsklima, Berufszufriedenheit und Konzernleitung geäußert. Eine „sehr grosse Mehrheit“ der Mitarbeiter sei demnach mit ihrer Arbeit bei Bertelsmann zufrieden. Viele hätten aber auch „kritisch angemerkt, dass sie sich manchmal wünschen würden, noch stärker in die Entscheidungsprozesse einbezogen zu werden, noch öfter gehört zu werden“. Entgegen den Massenentlassungen oder „sozialverträglichen“ Arbeitsplatzabbau in anderen Medienbetrieben stieg die Zahl der Bertelsmann-Mitarbeiter im Laufe des Jahres 2002 sogar leicht an: von 80.296 auf 80.632 Beschäftigte. Im laufenden Geschäftsjahr rechnet der Bertelsmann-Boss mit höheren Gewinnen, allerdings bei stagnierenden Umsätzen.

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