Krisengeschüttelt

Abbau von weiteren 155 Stellen bei ProSiebenSat.1 in Berlin und München

Auf dem Privat-TV-Kanal ProSieben läuft seit einiger Zeit das neue Casting-Format „Deine Chance! 3 Bewerber – 1 Job“. Wie in Krisenzeiten zu erwarten, ist der Bewerberandrang auf einen Arbeitsplatz beachtlich. Weniger begehrt erscheint dagegen derzeit der Chefposten beim Konzern selbst.

Vorstandschef Guillaume de Posch hatte Mitte Juni überraschend seinen Rücktritt zum Jahresende bekannt gegeben. Mit Peter Christmann, Vorstandsmitglied für Sales und Marketing sowie Finanzvorstand Lothar Lanz verließen fast zeitgleich zwei weitere Führungskräfte die ProSiebenSat.1 Media AG. Während Lanz durch den früheren O2-Manager Axel Salzmann ersetzt wurde, sind die anderen Vorstandsposten noch vakant.
Bei der Verkündung der Halbjahresbilanz Anfang August wartete Salzmann mit neuen Hiobsnachrichten aus dem krisengeschüttelten Konzern auf. Für das laufende Jahr erwartet man allenfalls einen bei 780 Millionen Euro stagnierenden Gewinn – vorausgesetzt, das unwägbare Werbegeschäft bricht nicht weiter ein. Nach einem Veto des Kartellamts wegen illegaler Preisabsprachen musste der Konzern ebenso wie Wettbewerber RTL ein neues Modell der Vermarktung von Werbespots etablieren. Offenbar wird das Konzept der RTL Group am Markt besser akzeptiert. Während die Kölner ihren Nettoanteil am deutschen TV-Werbemarkt im ersten Halbjahr 2008 auf den historischen Rekord von knapp 46 Prozent schraubten, sank der Anteil von ProSiebenSat.1 am Werbekuchen auf den Tiefstand von 39,6 Prozent. Sportgroßereignisse wie die Fußball-EM im Juni und die Olympischen Spiele im August, beide übertragen von ARD und ZDF, vermasselten ProSiebenSat.1 zusätzlich das Geschäft.
Entsprechend katastrophal wirkte sich diese Entwicklung auf den Börsenkurs des Konzerns aus. Mitte Juli notierte die Aktie beim historischen Zwischentief von 5,10 Euro. Für annähernd den sechsfachen Wert – 28,71 Euro je Aktie – hatten im Dezember 2006 die beiden Finanzinvestoren Permira und KKR die Senderfamilie von Haim Saban übernommen. Nur ein halbes Jahr später verleibten sich die neuen Eigner die europäische Senderkette SBS ein. Finanziert durch Kredite in Höhe von 3,3 Milliarden Euro, die man dem Mutterkonzern ProSiebenSat.1 aufbürdete. Seitdem ging es bergab mit dem Münchner TV-Imperium. „Seit der SBS-Übernahme sind mehr als fünf Milliarden Euro Börsenwert bei Stamm- und Vorzugsaktien vernichtet worden“, bilanzierten Anfang Juli die Betriebsräte der Standorte München und Berlin in einem Offenen Brief an die Geschäftsführung. „Das Urteil des Finanzmarkts hätte nicht härter ausfallen können – gemessen am Aktienkurs erleidet die ProSiebenSat.1 Group ihre größte Krise seit dem Kollaps der Kirch-Gruppe“, so die alarmierten Betriebsräte. In ihrem Brief listen sie weitere Horror-Zahlen über die wirtschaftliche Situation auf. Der Konzern ächze unter Darlehens- und Kreditverbindlichkeiten in Höhe von rund 3,7 Milliarden Euro, was unter dem Strich auf jährliche Zinsbelastungen von 260 Millionen Euro hinauslaufe.

Betriebsräte: Sparmaßnahmen sind die falsche Strategie

Besorgt zeigen sich die Betriebsräte auch über die „neue Sparrunde“ und den Personalabbau von etwa 155 Stellen in München und Berlin. „Hinter den häufig bemühten Schlagworten Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit, Kernstrategie und Restrukturierung verbirgt sich in Wahrheit ein Erosionsprozess, in dessen Schlepptau Man-Power, Know-how, Identifikation und Leistungsbereitschaft dauerhaft ausgehöhlt werden“, heißt es im Offenen Brief.
Allein der demnächst anstehende Umzug des Berliner Info-Kanals N 24 in das ehemalige Debis-Gebäude am Potsdamer Platz bei gleichzeitiger Zusammenlegung der TV- und Multimediaredaktion dürfte zum Wegfall von rund 60 Stellen führen. Eine etwa gleich hohe Stellenzahl kostet der für das kommende Jahr geplante Aufbau des neuen Playout-Centers am Standort München-Unterföhring. Weitere 25 Stellen stehen in Berlin und München im Bereich Creative Solutions/Grafik-Design zur Disposition. Nach Auskunft des Betriebsrats bemüht sich die Geschäftsführung um eine „soziale Abfederung“ der Personalmaßnahmen. Ein Gespräch der Betriebsräte beider Standorte mit Vertretern der Geschäftsführung über die längerfristigen Perspektiven des Unternehmens habe jedoch außer unverbindlichen Floskeln wenig gebracht.
Für die Betriebsräte sind Sparmaßnahmen eindeutig die „falsche Strategie – sie führen in die Sackgasse und verstellen den Blick auf das Entscheidende: bessere Formate, höhere Quoten, mehr Werbeeinnahmen“. Bislang sieht es nicht danach aus, als wollten die Gesellschafter diesem Erfolgsrezept folgen. Das gilt besonders für den „Familienkanal“ Sat.1. Der kürzlich gestarteten neuen hauseigenen Telenovela „Anna und die Liebe“ ist der Charakter eines industriell gefertigten Billigprodukts deutlich anzumerken – senderintern ist von „wenig berauschenden Einschaltquoten“ die Rede. Und in der ebenfalls Ende August gestarteten Serie „Gnadenlos gerecht – Sozialfahnder ermitteln“ gefällt sich Sat.1 in populistischer Stimmungsmache gegen sozial Schwache. Der Arbeitslosenverband bezichtigte den Sender der „öffentlichen Hetzjagd auf Hartz-IV-Empfänger sowie der „Verunglimpfung und Kriminalisierung von Arbeitslosen“. Dass sich mit derart denunziatorischer Programmware Quote und Gewinne machen lassen, erscheint denn doch eher zweifelhaft.

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