Lokale Sternstunden

Benjamin Piel (links) und Jens Feuerriegel sind gleichberechtigte Chefredakteure der "EJZ". Foto: Günter Herkel

Manche nennen sie die „Stärkste” der Republik: Die Elbe-Jeetzel-Zeitung

Wenn es ein Argument für die gedruckte Zeitung gibt, ist es der Lokalteil. Die Elbe-Jeetzel Zeitung aus Lüchow-Dannenberg im nordöstlichen Niedersachsen liefert täglich den Beweis dafür, dass Lokaljournalismus nicht provinziell und öde sein muss. Auch wenn die bewegten Zeiten von Anti-AKW-Kampf und Castor-Transporten ins benachbarte Gorleben längst vorbei sind. Der Branchendienst Meedia ernannte die EJZ unlängst erneut zur „stärksten Heimatzeitung der Republik”.

Wer sich aus östlicher Richtung ins Wendland bewegt, muss irgendwann übers Wasser. Bei Gartow führt eine Fähre über die Elbe, dann sind es nur noch wenige ­Kilometer nach Lüchow. Dort arbeitet die Redaktion der Elbe-Jeetzel-Zeitung. Verkaufsauflage 11.660 Exemplare (IVW 2/16), davon 90 Prozent im Abo. Jeder vierte deutsche Einwohner im Landkreis Lüchow-Dannenberg bezieht das Blatt.

„In so einer Insel-Situation ist natürlich die Identi­fikation mit einer Marke wie der Lokalzeitung viel ­höher, weil die Leute auch darauf angewiesen sind”, sagt Benjamin Piel, einer der beiden Chefredakteure. Herausgeber ist der Köhring Verlag, unter dessen Regie jeden Mittwoch zudem das Gratisblatt „Kiebitz” erscheint. Der Landkreis ist strukturschwach und stark agrarisch geprägt. Zu den wenigen Industriefirmen zählen die Kugellagerfabrik SKF in Lüchow und die Conti-Tech-AG in Dannenberg. Ansonsten überwiegen Landwirtschaft und Tourismus. Nachteile, die nach Einschätzung von Co-Chefredakteur Jens Feuerriegel für das lokale Printmedium aber auch positive Aspekte haben. „Der Anteil der älteren Leser, die mit Zeitungspapier groß geworden sind, ist relativ hoch”, sagt er. Als zweiten Faktor nennt er die „geringe Internetauslastung”.

Die Mantelseiten bezieht das Blatt von der Landeszeitung für die Lüneburger Heide. Für die 12köpfige Redaktion in Lüchow gilt die Devise „Lokales First”. Große Themen aufs Lokale runter brechen nennen das die Zeitungsleute. Eine kleine Sternstunde schlug kürzlich für die EJZ, als Torhüterin Almut Schult mit der deutschen Frauenfußball-Nationalmannschaft im olympischen Finale von Rio siegte. „Die erste Goldmedaillengewinnerin aus Lüchow-Dannenberg – das war schon ein großes Thema”, bestätigt Benjamin Piel. „Die haben wir nachts oder morgens – je nach Zeitverschiebung – aus dem Bett geholt und breit darüber berichtet.”

Dabei ist die EJZ alles andere als ein analog-verschnarchtes Kreisblättchen. Das Online-Portal wurde unlängst überarbeitet. Eine eigene App ist in Vorbereitung. Seit einiger Zeit werden auch Videos eingestellt. Auch bei Facebook und Twitter ist die Redaktion aktiv. Anders als die meisten Blätter setzt die EJZ auf eine harte Bezahlschranke. Piel: „Bei uns gibt es nix geschenkt – außer die Polizeimeldungen, weil wir da sagen: Das verbreitet die Polizei selbst, dafür können wir kein Geld verlangen. Aber alles, was wir selbst ­recherchiert haben, selbst geschrieben haben, selbst fotografiert haben, das kostet Geld. Da kriegt man fünf Sätze, und danach geht’s ans Bezahlen.” Einstweilen hält sich der digitale Umsatz in Grenzen. Gerade Mal sieben oder acht Mal täglich werde die EJZ online gekauft. Immerhin rund 200 ­Leser_innen beziehen das Blatt mittlerweile als e-Paper. Um eine ausführliche Vereinsberichterstattung kommt auch die EJZ nicht herum. Klassische Vereinsjahreshauptversammlungen sind immer noch klassische Termine. Feuerwehr und Schützenverein – das sei schließlich der soziale Kitt, der viele Gemeinden zusammenhalte. Jens Feuerriegel hat damit kein Problem. „Der Landfrauen-Verein x, die Feuerwehr y und der Schützenverein z, – warum sollen die sich nicht wenigsten einmal im Jahr ausführlich in der Lokalzeitung wiederfinden?”

Dabei kommt die eigene Recherche nicht zur kurz. Wenn ein Bürgermeistersohn aufgrund von Vitamin B eine von der Gemeinde subventionierte Arztpraxis zugeschanzt bekommt, ist die EJZ mit kritischen Fragen zur Stelle. Auch ein Schwimmbad, dessen Luxussanierung ein Riesenloch im kommunalen Haushalt reißt, ist Thema. Bei allzu investigativen Nachfragen stieß die Redaktion auch schon mal auf einen Informationsboykott. Etwa, als sie das in der Rüstungs­industrie engagierte Unternehmen Harder Digital porträtieren wollte. Terminjournalismus? Wie langweilig! Die EJZ setzt lieber eigene Themen, wandert zum Beispiel mit Ex-DDR-Bürgern ihre ehemalige Flucht­route ab. Oder sie begleitet einen Schützenkönig, der trockener Alkoholiker ist, durch einen feucht-fröh­lichen Festabend. Journalistische Lorbeeren blieben nicht aus. So sammelten Redaktionsmitglieder diverse Auszeichnungen: vom Theodor-Wolff-Preis bis zum Wächterpreis der deutschen Tagespresse.

 

 

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