Schlingerkurs bei Constantin Medien

Die Startseite der Website der Constantin Medien AG muss offenbar bald überarbeitet werden. Sollte urprünglich noch das Filmgeschäft abgestoßen werden, steht nun die Sportsparte des Unternehmens zum Verkauf
Foto: Screenshot www.constantin-medien.de

Kabale und Hiebe: Neben diversen juristischen Scharmützeln der beiden verfeindeten Hauptgesellschafter der Constantin Medien AG steht nun die Sportsparte des Unternehmens zum Verkauf. Ursprünglich hatte der Münchner Medienkonzern das Filmgeschäft abstoßen wollen. Ein Ende des Konflikts scheint weniger denn je in Sicht.

Die letzte Hauptversammlung vor acht Monaten endete im Tumult. Damals hatte Dieter Hahn, Aufsichtsratschef der Constantin Medien AG seinen Widersacher und zweiten Hauptaktionär Bernhard Burgener mit Geschäftsordnungstricks kaltgestellt. Aus dem von der Aktionärsversammlung beschlossenen Verkauf der Constantin Film wurde jedoch nichts. Hinter dem Konflikt stehen unterschiedliche strategische Interessen. Die Filmfirma gehört über die Schweizer Highlight Communications zur Holding Constantin Medien AG. Lange Zeit strebten Hahn und sein Adlatus, der Vorstandsvorsitzende Fred Kogel, an, Constantin Film abzustoßen und sich perspektivisch auf Sport und Eventmarketing zu konzentrieren. Ein Plan, den Kogel-Vorgänger Burgener unbedingt verhindern will. Beide Parteien halten jeweils knapp 30 Prozent an Constantin Medien und blockieren sich gegenseitig. Nach Auffassung von Hahn und Kogel ist das Sportgeschäft zukunftsträchtiger – im Gegensatz zum risikoreicheren Bereich Film.

Mitte Juni sickerte die Nachricht von einem überraschenden strategischen Schwenk der Hahn-Gruppe durch. Laut Recherchen der FAZ steht nunmehr mit dem TV-Sender Sport 1 das Herzstück der Sportsparte zum Verkauf. Nach anfänglichem Schweigen bestätigte die Constantin Medien die Existenz eines „strukturierten, kompetitiven Bieterverfahrens mit mehreren Kaufinteressenten“. War zunächst von Verhandlungen mit Axel Springer, dem Bezahlsender Sky Deutschland und Freenet die Rede, so gilt inzwischen der Springer-Konzern als Favorit auf eine Übernahme von Sport1. Laut FAZ handle es sich um einen Notverkauf. Die börsennotierte Constantin benötige dringend Kapital – im April 2018 werde eine Schuldverschreibung über 65 Millionen Euro fällig.

Hinter dem plötzlichen Strategiewechsel steckt möglicherweise auch eine realistische Einschätzung der Wachstumschancen des Sports. Bei der letzten Vergabe der Bundesliga-Übertragungsrechte sah Sport1 in die Röhre. Statt eines Zugewinns attraktiver Rechte verlor man sogar das Montagabend-Live-Spiel der Zweiten Liga. Außerdem das Recht, die Partien der Ersten Liga im digitalen Hörfunk zu übertragen. Plazamedia, zuständig für die technische Abwicklung der Sportsendungen, büßte 2016 mit Sky Deutschland seinen wichtigsten Kunden ein. Anschließend verloren 50 von rund 200 Mitarbeitern des Dienstleisters ihren Job. Als Quotenlichtblicke verblieben lediglich der Fußball-Stammtisch „Doppelpass“, die Übertragungen der Deutschen Eishockey-Liga und der Basketball-Bundesliga sowie von Dart-Turnieren und anderen Minoritäten-Events. Derzeit überträgt Sport1 mit erheblichem Aufwand die „World Games“ in Breslau, laut Branchensprech die „Olympiade der nicht-olympischen Sportarten“.

Was macht eine Übernahme von Sport1 für Springer attraktiv? Der Sender aus der früheren Konkursmasse von Medienzar Leo Kirch (damals als Deutsches Sportfernsehen) vereint diverse Marken: neben Free-TV, Pay-TV und Internetradio ein Spieleportal sowie das Online-Angebot. Neben kicker.de und bild.de gehört  Sport1 zu den reichweitestärksten Portalen im Bereich Sport. Nach dem Erwerb des Nachrichtensenders N24 und dessen Integration in die Welt-Gruppe würde ein zweiter Spartenkanal die Wettbewerbssituation Springers beträchtlich verbessern. Vor allem beim Poker um attraktive Sportrechte dürften künftig nur noch potente Medienunternehmen mit diversen Abspielplattformen zum Zuge kommen.

Die Schätzungen über mögliche Erlöse für den Verkauf von Sport1 reichen in der Branche von 30 bis 80 Millionen Euro. Dass Hahns Widersacher Burgener – neben seiner Tätigkeit als Aufsichtsratschef der Schweizer Constantin-Tochter Highlight Communications ist er auch Präsident des FC Basel –  den Verkaufsgesprächen kritisch gegenüber steht, verwundert kaum. Noch im November 2016 habe Hahn bei den Constantin-Aktionären um die Zustimmung für eine Konzentration auf das Sportgeschäft geworben. „Eine stringente Unternehmensstrategie sieht unseres Erachtens anders aus“, sagte Burgener Ende Juni dem Branchendienst „Meedia“.

Unterdessen überziehen sich die Kontrahenten gegenseitig mit Prozessen. Erst Anfang Juli erlitt Burgener eine juristische Schlappe, als ein von ihm gegen Aufsichtsratschef Hahn angestrengtes Verfahren eingestellt wurde. Burgener hatte Hahn verdächtigt, im Jahr 2015 Insiderwissen über den Champions-League-Vertrag der Highlight-Communications frühzeitig erhalten und genutzt zu haben, um Aktien zu erwerben. Die Staatsanwaltschaft sah keine Anzeichen für einen Verstoß gegen das Wertpapierhandelsgesetz. Laut Medienberichten steht inzwischen Burgener im Visier der Staatsanwaltschaft – ebenfalls wegen des Verdachts auf Untreue und Insiderhandel.

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