Trimedial geschult

Südwestrundfunk (SWR) setzt nicht nur auf die jungen Wilden

Im SWR ist der multimediale Umbau in vollem Gange. Neue digitale Angebote entstehen, Redaktionen werden zusammengelegt. Radio und Fernsehen machen nicht mehr ihr eigenes Ding, sondern rücken zusammen. Egal, ob Nachrichten, Sport, Wissen oder Kultur, formal gibt es je nach ­Thema nur noch eine Programmredaktion. Es gilt: Hörfunk, Fernsehen und Online gehören zusammen. Anstelle der kleinen Büros entstehen offene Gruppenarbeitsplätze. Die Redakteur_innen werden trimedial geschult, sollen alle drei Medien im Blick haben.

„Wir wollen ein multimediales Medienhaus werden“, sagt der Leiter der Intendanz, Thomas Dauser, verantwortlich für die strategische Unternehmensentwicklung. Ziel sei es, dass der SWR die Menschen auf allen Kanälen erreiche: Morgens beim Zähneputzen im Radio, auf dem Smartphone in der Straßenbahn und abends auf dem Sofa vor dem großen Bildschirm. Inhalte sollen medienübergreifend vermittelt werden. Dafür brauche es integriert arbeitende Redaktionen. „Das bedeutet wahnsinnig viele Veränderungen für die Mitarbeitenden“, weiß Dauser.

Geld für Innovationen eingeplant

Hinzu kommt: Der multimediale Umbau gehe mit dem Sparprozess einher, gibt die SWR-Gesamtpersonalratsvorsitzende Melanie Wolber zu bedenken. Das sorge für Verunsicherung in der Belegschaft, gerade bei älteren Kolleg_innen. „Permanent dreht sich alles ums Sparen, Sparen, Sparen. Deshalb bezieht jeder alles sofort darauf.“ Aber der multimediale Umbau sei ein eigenständiger Prozess: „Hier geht es vor allem um Innovation“, so Wolber. Begonnen hat er bereits 2010, auf zehn Jahre ist er angelegt. Bis 2020 sollen 160 Millionen Euro eingespart – und 600 Stellen abgebaut werden. Für den multimedialen Umbau ist trotzdem Geld da. Der Sender habe die Einsparungen von Anfang an bewusst höher angesetzt, um sich Spielräume zu verschaffen, berichtet der Leiter der Intendanz. 25 Prozent des gesparten Geldes werde in neue Zukunftsprojekte investiert. Beispiel für ein Zukunftsprojekt ist das junge Angebot „funk“ von ARD und ZDF, für das der SWR die Federführung hat. Das Content-Netzwerk ist nur digital zu empfangen und setzt auch darauf, seine Formate auf Drittplattformen wie YouTube, Facebook oder Snapchat zu veröffentlichen. Sprich: Dort, wo junge User unterwegs sind.

Fotos: ARD/SWR 15204284 - reichstag dome, berlin modern architecture
Fotos: ARD/SWR

In der Belegschaft gebe es eine große Einsicht in die Notwendigkeit, dass sich der Sender für die neue Medienwelt gut aufstellen müsse, sagt Andrea Valentiner-Branth vom geschäftsführenden Vorstand des ver.di-Betriebsverbands SWR. Je nach Blickwinkel gebe es jedoch auch Bedenken. „Im neunten Jahr des Einsparprozesses sind wir am Limit“, so die Gewerkschafterin. „Es fehlt an Leuten. Arbeitsverdichtung ist ein großes Thema.“ Wenn Beschäftigte in den Ruhestand gingen, werde nur noch jede zweite Stelle neu besetzt. Die Folgen seien gravierend. „Wir haben immer weniger Personal, aber nicht weniger Programm.“ Im Gegenteil: Durch die multimedialen Anforderungen kommen neue Aufgaben hinzu. So hat der Sender zum Beispiel eine App entwickelt, mit der Redak­teur_innen von unterwegs mit ihrem Handy kom­plette Beiträge erstellen und an den Sender schicken können.

„Schnell, schnell ist nicht guter Journalismus“, betont die Gesamtpersonalratsvorsitzende mit Blick auf die Qualität. Außerdem fürchtet sie, dass die Erwartungen an die Mitarbeiter_innen in Zukunft noch weiter steigen. Im Sender gibt es die Ansage, dass nicht jeder Mitarbeitende alles können muss. „Es stellt sich die Frage, wie lange es dabei bleibt“, so Wolber. Noch gilt: Alle sitzen zusammen in einer Redaktion, es gibt eine multimediale Planungsgruppe, aber jeder macht, was er am besten kann. Mit anderen Worten: Nicht ein ­Redakteur muss von einer Pressekonferenz das Material für Hörfunk, Fernsehen und Online liefern. Allerdings komme so etwas schon hin und wieder vor, fügt Valentiner-Branth hinzu, die auch Mitglied im ver.di-Bundesvorstand der Fachgruppe Medien ist. „Der Trend geht schon lange in diese Richtung.“ Der SWR bilde Volontär_innen nur noch multimedial aus. Die klassische Trennung in Hörfunk- und Fernsehleute sei nicht mehr zeitgemäß. Der Leiter der Intendanz betont: „Berufsbilder wandeln sich dramatisch, auch im SWR.“

Die Gesamtpersonalratsvorsitzende warnt, dass einige Kolleg_innen sich diesen Veränderungen nicht gewachsen fühlten. Deshalb stelle sich die Frage: Wie kann der Sender diese Menschen mitnehmen? Dauser berichtet, dass der SWR sehr viele Schulungen anbiete. „Uns war von Anfang an sehr wichtig, die Mitarbeitenden zu beteiligen.“ Der Sender habe sich bewusst entschieden, nicht nur auf Onlineexperten zu setzen, sondern die gesamte Redaktion zu professionalisieren. Ziel sei es, die Teams langfristig in die Lage zu versetzen, auf neue Anforderungen reagieren zu können. Und zwar fortlaufend. Schließlich entwickle sich das Internet auch ständig weiter. Der Trend gehe zum Beispiel dahin, dass Sprachsteuerung und künstliche Intelligenz eine immer wichtigere Rolle einnähmen, so Dauser.

Dreimal pro Jahr lädt der SWR an verschiedenen Standorten zu sogenannten Barcamps ein, die allen Mitarbeiter_innen offenstehen, egal ob fest angestellt oder frei. „Das ist eine richtig gute Sache“, meint Valentiner-Branth. Dort werden Projekte vorgestellt und Workshops abgehalten. Die Schulungen werden als Arbeitszeit gerechnet. Außerdem hat der Sender im Netz eine Lernpattform bereitgestellt und bietet zu wichtigen Fragen Livestreams an. Das Problem dabei sei nur, so Wolber, dass viele Mitarbeitende und Führungskräfte aus Zeitmangel an den Schulungen nicht teilnehmen könnten.

Der Leiter der Intendanz ist dennoch überzeugt, dass durch die Weiterbildungsangebote Ängste abgebaut werden. Zumal der SWR gar nicht umhin komme, auch die Menschen über 50 Jahre mitzunehmen – „und dafür zu begeistern, den multimedialen SWR mitzugestalten“. Denn der Einspar- und Umbauprozess habe automatisch dazu geführt, dass der Sender eine ältere Belegschaft habe, weil viele frei gewordene Stellen nicht nachbesetzt werden konnten. „Wir können nicht nur auf die jungen Wilden setzen.“ Ihnen sei bewusst, dass durch den multimedialen Umbau für die Mitarbeiter_innen „vieles obendrauf“ komme. Deshalb werde versucht, immer auch die Arbeitsentlastung mitzudenken, etwa durch die Verbesserung der Abläufe oder der Software, sagt Dauser. So müssten zum Beispiel nicht jedes Mal die Metadaten neu eingegeben werden, sondern viele Felder füllten sich dann automatisch aus.

Im Sender gebe es aktuell auch die Überlegung, mehr auf Automation im Studio zu setzen, berichtet Va­lentiner-Branth. Dadurch sollen TV-Sendungen mit weniger Personal auskommen. Bei klar strukturierten Nachrichtensendungen sei so etwas machbar. Schwierig sei es hingegen in einer Sendung wie der Landesschau, wo mal ein Gast und mal fünf Gäste auf dem Sofa säßen und vielleicht sogar Aktionen machten. „Mehr Automation bedeutet auch eine Einschränkung der redaktionellen Möglichkeiten“, gibt Valentiner-Branth zu bedenken.

Zudem soll die Zahl der Ein-Personen-Teams erhöht werden. Normalerweise ist es üblich, dass ein Reporter zu einem Dreh mit einem Kamerateam rausfährt, das aus zwei Personen besteht: Eine ist für die Kamera zuständig, die andere für die Tonaufnahme. „Und noch sehr viel mehr“, so die Gewerkschafterin. Diese Person übernimmt die Kameraassistenz, sichert die Wege, damit Kameramann oder Kamerafrau nicht stolpern, kümmert sich um die Ausrüstung und so weiter. „Derzeit führen wir im Sender eine Diskussion darüber, für welche Bereiche ein Ein-Personen-Team ausreicht“, sagt Valentiner-Branth. „Und wo die Qualität des Tons zu sehr leiden würde. Oder die Sicherheit zu stark gefährdet wäre.“

Der multimediale Umbau im SWR geht mit vielen Fragen einher. Zum Beispiel zum Datenschutz, sagt die Gesamtpersonalratsvorsitzende. Viele Software-Programme würden direkt aus der Cloud im Netz geladen. Wo befinden sich die Server? Wie sicher sind die Daten des SWR und der Mitarbeitenden? Wer darf darauf zugreifen? Hinzu kommen prinzipielle Über­legungen: Ist es zum Beispiel in Ordnung, selbst Beiträge für Facebook zu erstellen? Oder: Darf WhatsApp auf Diensthandys genutzt werden? „Für solche Fragen müssen wir uns alle sensibilisieren“, meint Wolber. „Denn kaum jemand liest die AGBs und weiß, wozu viele Daten wirklich erhoben werden.“

Fotos: ARD/SWR 15204284 - reichstag dome, berlin modern architecture
Fotos: ARD/SWR

Mit Sorge wird auch beobachtet, dass im Zuge der Sparmaßnahmen mehr Produktionen fremd eingekauft werden. „Der SWR produziert sehr viel in Eigenregie, das gehört seit vielen Jahren zu unserer Kernkompetenz“, erläutert Wolber. Doch seit das Personal knapp sei, werde weniger selbst gedreht. Damit gebe der Sender die Kontrolle über die Inhalte faktisch ab, könne zum Beispiel nicht beeinflussen, welche Produktionshilfen die Firma nutzt und welchen Einfluss dies auf die Qualität des Beitrags habe. Hinzu komme die soziale Verantwortung, mahnt die Personalrätin. Bei externen Firmen würden die Mitarbeiter_innen oft sehr viel schlechter bezahlt als im eigenen Haus.

Neue Tarifstruktur für Freie

Viel Arbeit übernehmen beim SWR auch freie Mitarbeiter_innen. Für sie hat der Sender gerade eine neue Tarifvertragsstruktur ausgehandelt. Wer – je nach Bereich – zwei beziehungsweise sechs Jahre für den SWR freiberuflich tätig ist, soll demnach zu einem besonders geschützten Kreis gehören. Diese Mitarbeiter_innen bekommen garantiert, wie viele Tage pro Jahr sie beschäftigt werden. Und zwar zu festen Tagespauschalen. „Das gibt festen Freien jetzt endlich auch eine ­finanzielle Sicherheit“, meint Wolber.

Der Spardruck führt seit Jahren dazu, dass der SWR viele Beschäftigte nur noch auf zwei Jahre befristet einstellt. Der Grund dafür: „Niemand weiß, wie es weitergeht“, so Valentiner-Branth. Der Sender zehre gerade alle Reserven auf. Wenn der Rundfunkbeitrag nicht erhöht würde, sei der Status Quo nicht zu halten. Es sei zu befürchten, dass es zu betriebsbedingten Kündigungen kommen werde und ganze Bereiche schließen müssten, warnt die ver.di-Frau. „Wir werden mit weniger Leuten nicht das gleiche machen können.“

Die Sorge sei groß, dass für Online auch Einbußen beim linearen Programm in Kauf genommen werden könnten. “Wir sind dafür da, alle zu erreichen“, stellt Valentiner-Branth klar. “Mit unabhängig recherchierten Inhalten, mit regionalen Inhalten, auch mit Unterhaltung.” Und zwar nicht nur für die kaufkräftigen Menschen zwischen 14 und 49 Jahren. „Wir sind auch für die 100-Jährigen da, die nicht mehr viel Anderes haben, als die Musik zu hören, die sie seit 90 Jahren begleitet.“

 

 

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