WhatsApp ist nicht alternativlos

Foto: Hermann Haubrich

WhatsApp ist für viele längst der tägliche SMS-Ersatz. Nachdem der Dienst vor einiger Zeit auch eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung einführte, war er auch für kritische Einsätze akzeptabel. Doch mit der Entscheidung von Facebook, die Metadaten und die dort hinterlegte Telefonnummer mit WhatsApp auszutauschen, stellt sich die Frage nach einer brauchbaren Alternative. Die angekündigten Untersuchungen der EU-Kommission und der staatlichen Datenschutzbehörden werden den Datentransfer nämlich weder verhindern noch rückgängig machen können. Sie werden lediglich auf künftige Datentransfers abschreckende Wirkung entfalten können.

An erster Stelle der Empfehlungen muss der Schweizer Messenger Threema stehen, der einer der ersten Messenger war, der alle Nachrichten Ende-zu-Ende verschlüsselt. Der Dienst zeigt überdies den Sicherheitsstatus jedes Kontakts an. Außerdem punktet er mit Abstimmungsfeatures. Wie bei WhatsApp können Nutzer_innen über eine optionale Kontaktsynchronisierung gefunden werden. Auch lassen sich Bilder, Videos und Sprachnachrichten verschicken. Gruppen-Chats sind unter Android allerdings nicht möglich, womit Threema aber dann leider eben doch keine Alternative für das Gruppen-intensive WhatsApp darstellt. (Korrektur der Autorin vom 09.09.16: Die neueste Android-Version lässt nun auch Gruppen-Chats zu.) Der Dienst gehört zu den wenigen kostenpflichten Krypto-Diensten und kostet einmalig 2,99 Euro.

Eine ähnlich hohe Reputation genießt im Moment der kostenlose Open-Source-Dienst, der auch von Edward Snowden empfohlen wurde: „Signal“ von Open Whisper Systems. Er bietet eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. Wie bei WhatsApp dient die Telefonnummer als Identitätsanker, was vor allem Kontaktspam verhindert. Wechselt man das Gerät, muss man sich gegenüber seinem Kontaktpartner neu identifizieren. Als kritisch wird gesehen, dass der Dienst auf proprietäre Komponenten von Apple bzw. Google angewiesen ist und über diese die Metadaten teilt. Diese Eigenschaften haben aber auch viele andere Messenger.

Eine Alternative könnte der kostenlose Krypto-Messenger SIMSme der Deutschen Post sein. Verschicken lässt sich alles: Texte, Bilder, Videos, Standorte und Kontaktdaten. Auch Gruppen können eingerichtet werden. Auch gibt es mit den Content-Kanälen eine Möglichkeit, Nachrichtenstreams zu abonnieren. Der Dienst ist Passwort-geschützt, die Nachrichten werden mit AES verschlüsselt, wobei die Post die Kryptoschlüssel verwaltet. Für all diejenigen, die staatliche Überwachung fürchten müssen, dürfte dieser Dienst damit weniger interessant sein. Attraktiv ist allerdings die eingebaute „Selbstzerstörungsfunktion“, mit der Nachrichten nach einem bestimmten Datum oder nach Ablauf eines bestimmten Zeitraums automatisch gelöscht werden.

Der Krypto-Messenger Surespot basiert nicht nur vorbildlich auf Open Source, womit der Programm-Quellcode für jeden Kundigen überprüfbar ist. Sprachnachrichten können verschickt werden, jedoch können keine Telefongespräche geführt werden. Er bietet auch die Möglichkeit, bereits verschickte Bilder sowohl auf dem eigenen wie auf dem Gerät des Empfängers zu löschen. Alle Nachrichten werden Ende-zu-Ende verschlüsselt, Passwörter können allerdings nicht zurückgesetzt werden. Schusslige oder vergessliche Nutzer müssen in diesem Fall ein neues Nutzerkonto einrichten. Nützlich für Journalisten, die mit Pseudonymen arbeiten, ist die Möglichkeit, mehrere Konten parallel auf verschiedenen Geräten unabhängig von der Telefonnummer und der E-Mail-Adresse zu betreiben. Der Dienst ist damit anfällig für Kontaktspam, könnte aber gleichzeitig für den anonymen Kontakt mit Whistleblowern interessant sein.

Wer Wert auf Privatsphäre legt, kann auch den kostenlosen Berliner Krypto-Messenger Telegram in Betracht ziehen. Gegründet wurde er vor drei Jahren von zwei Brüdern aus Russland, die den Betrieb im Moment aus eigener Kasse finanzieren. Die Software ist Open Source und überträgt alle Nachrichten verschlüsselt. Sie werden nach ihrer Zustellung vom Server des Anbieters oder auch nach Ablauf einer bestimmten Zeit gelöscht. Telegram lässt die Nutzung von Gruppen mit bis zu 5.000 Mitgliedern zu und unterstützt auch Content-Kanäle für Nachrichten. Wegen dieser Eigenschaften ist Telegram im Moment bei Dschihadisten-Gruppen recht beliebt und wird deshalb von diversen staatlichen Behörden verstärkt beobachtet. Zensurfrei ist Telegram nicht: Alle Kanäle oder Gruppen auf Telegram, die öffentlich agieren, können auf berechtigte Beschwerden hin gelöscht werden. Der Dienst lässt sich auf mehreren Geräten und Betriebssystemen nutzen.

Wer auf WhatsApp bereits mehrere Gruppen betreibt, sollte beim Umstieg vor allem auf die Größe des neuen Dienstes achten. Skype und Google Hangout können hier eine Lösung darstellen, da sie über beträchtliche Nutzerzahlen verfügen. Die Nutzung bei beiden ist nicht Ende-zu-Ende-verschlüsselt, aber immerhin werden die Nachrichten auf dem Transport mit SSL basisverschlüsselt. Der Microsoft-Dienst Skype ist nicht nur per Desktop für alle Betriebssysteme, sondern auch mobil für verschiedene Systeme verfügbar. Vorteilhaft ist der große Nutzerstamm und die kostenlose Nutzung, wobei Office365-Kunden auch monatlich 60-Freiminuten ins Festnetz in 60 Ländern erhalten. Skype eignet sich nicht nur für klassische und Video-Telefonie, sondern für den Austausch von SMS sowie Text- Bild- und Videonachrichten und den Dateiaustausch in Gruppen. Google Hangout bietet fast alles, was WhatsApp kann. Gruppenchats sind für bis zu 100 Personen möglich, Videotelefonate mit bis zu zehn Teilnehmern. Der Dienst erlaubt nur keine Sprachnachrichten. Der Messenger ist kostenlos und ist fast auf allen Android-Smartphones vorinstalliert. Sowohl Skype wie Google Hangout synchronisieren die Inhalte auf mehreren Geräten.

Eine wirkliche 1:1-Alternative für WhatsApp gibt es im Moment daher nicht, da WhatsApp vor allem mit seinen hohen Nutzerzahlen punkten kann. Das macht den Umstieg gerade für Gruppen-Administratoren schwierig, da Gruppenteilnehmer_innen leicht verloren gehen können. Was die Sicherheitsfeatures anbelangt, gibt es jedoch zahlreiche Alternativen mit attraktiven Features, die sich für unterschiedliche Einsatzzwecke eignen.

 

nach oben

weiterlesen

Tarifflucht bei Ippen in Hessen

Der Münchener Großverleger Dirk Ippen, sein Neffe Daniel Schöningh und ihre hessischen Statthalter Max und Jan-Eric Rempel fackeln nicht lange. Zum 1. April haben sie die Frankfurter Neue Presse (FNP) und die Frankfurter Rundschau (FR) samt der Frankfurter Societäts-Druckerei von der Fazit-Stiftung übernommen. Am 29. Juni verkündeten sie den Abschied der FNP aus dem Flächentarifvertrag für Redakteurinnen und Redakteure. Die wehren sich jetzt gegen die Verschlechterung. Ebenso die Verlagsangestellten, die bereits unter den alten Eigentümern die Tarifflucht ihres Arbeitgebers erleben mussten.
mehr »

Radio für Kinder: Nicht ohne „Kakadu“

Deutschlandfunk Kultur hat einen Vogel – und das ist gut so, denn Kinder lieben ihn. Täglich ist die muntere Stimme des „Kakadu“ bundesweit im Radio zu hören. Kinder erhalten hier eine Stimme, können Live mitdiskutieren, selbst Themen einbringen, Spaß beim Radiohören haben. Nun sollen  die Sendezeiten des "Kakadu" eingedampft werden. In der Woche ist dann Funkstille. Lediglich am Samstag soll der „Kakadu“ noch einen kleinen Sendeplatz erhalten. Mit einer Petition für den Erhalt der täglichen Kindersendung, kann man sich gegen diese fragliche „Einsparung“ zur Wehr setzen.
mehr »

Algorithmen auf der Spur des Kinogängers

Netzflix, Amazon & Co machen es vor: Mithilfe ihrer Algorithmen werten die großen Streaming-Anbieter ihre Nutzungsdaten aus, binden die Zuschauer_innen durch persönliche Empfehlungen und planen ihre zukünftigen Produktionen. Jetzt nimmt auch ein deutsches Startup die Kinobesucher_innen mit einer App in den Blick. Diese können ihre Daten gegen Filmempfehlungen tauschen und Kinos und Verleiher bekommen so einen direkten Kanal zum Publikum. M hat mit Gründer Jannis Funk über Möglichkeiten und Grenzen Künstlicher Intelligenz beim Film gesprochen.
mehr »

Gewerkschaften zeigen Madsack-Konzern an

Die Gewerkschaften dju in ver.di und DJV haben ein Ordnungswidrigkeitenverfahren gegen Verantwortliche des Madsack-Konzerns beantragt. Grund dafür ist die verspätete und unzureichende Information der Betriebsräte über die Pläne zur Umstrukturierung der Online-Aktivitäten innerhalb der Mediengruppe. Diese sollen künftig für alle regionalen Angebote sowie das neue Portal rnd.de zentral aus Hannover gesteuert werden. Damit verbunden ist ein Stellenabbau an den einzelnen Standorten.
mehr »