Die beste Zeit für Ehrlichkeit ist jetzt

In einer überraschenden Aktion haben am 6. November baden-württembergische Zeitungen unter der Überschrift „Die beste Zeit für guten Journalismus ist jetzt“ eine großangelegte Image-Kampagne in eigener Sache gestartet. Wie muss sich wohl die Lokalredakteurin fühlen, die wegen Personalabbau und Redaktionsschließungen für fünf arbeitet und dafür auch noch ein zuvor gekürztes Redakteursgehalt bekommt, wenn sie dieses Manifest in ihrer Zeitung liest?

Udo Seiwert-Fauti
Bild: Privat

Was sich auf der ersten Seite der Anzeige noch durchaus beeindruckend und überzeugend liest – von journalistischen Werten wie „Veröffentlichung nach bestem Wissen und Gewissen“ oder „Journalisten als Dienstleister der Demokratie“ wird da schwadroniert – entpuppt sich auf der zweiten Seite als zynische Werbeaktion des Verbands der Südwestdeutschen Zeitungsverleger (VSZV).

Der vertritt, so schreibt er, mit dieser Anzeige in eigener Sache die „Redakteurinnen und Redakteure der baden-württembergischen Zeitungen“. Unterschrieben haben den Aufruf allerdings nur die 48  Chefredakteur*innen. Darunter auch die Chefs von Stuttgarter Nachrichten und Stuttgarter Zeitung: Und deren Verlag hat gerade erst den Abbau von mehr als 40 Stellen in der Gemeinschaftsredaktion der beiden Blätter verkündet! Wie purer Hohn kling es zudem, wenn Rainer Wiesner, bis Sommer 2019 als Geschäftsführer des Konstanzer Südkuriers für einen harschen Personalabbau bekannt, auf Seite zwei der Anzeige den hohen Stellenwert unterstreicht, den die journalistische Berichterstattung im Auftrag der Leser*innen und Abonnent*innen habe.

Angesichts solch haarsträubend zynischer Äußerungen müssen sich die Verantwortlichen dieser Aktion dann doch einige Fragen gefallen lassen, zum Beispiel: Wie viele Redaktionen haben Sie in letzter Zeit eigentlich geschlossen? Wie viele Redakteursstellen und vor allem Freie haben Sie eingespart? Wie viel investieren Sie in den Journalismus? Woher beziehen Sie Ihre überregionalen Inhalte?

Liebe Verlegerinnen und Verleger, liebe Chefredakteurinnen und Chefredakteure, finden Sie nicht auch, dass jetzt die beste Zeit für Ehrlichkeit ist? Die beste Zeit, um Ihre Leser*innen und Abonnent*innen mal über die wahre Realität des Lokaljournalismus zu informieren?

Auch ver.di hat sich kritisch zur Werbeaktion des VSZV geäußert.

Interessanter Beitrag dazu in der Kontext-Wochenzeitung 


M – Der Medienpodcast: einzigartig aktuell, denn wir fragen genauer nach.

nach oben

weiterlesen

Details zur geplanten Presseförderung

Das Bundeswirtschaftsministerium hat weitere Details zur geplanten Förderung des digitalen Umbaus im Verlagswesen bekanntgegeben. Die Gelder in Höhe von insgesamt 220 Millionen Euro sollen für künftige Investitionen beispielweise "in die digitale Markterschließung, in Technologien zur Verbreitung der Inhalte sowie den Verkauf digitaler Anzeigen, aber auch Qualifizierungs- und Schulungsmaßnahmen der Verlagsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter" gezahlt werden, wie das Ministerium am Donnerstag auf Anfrage des Evangelischen Pressedienstes (epd) in Berlin mitteilte.
mehr »

Frauen mehr Macht – besser für uns alle!

Die Corona-Pandemie verschärft die Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen, zwischen Armen und Reichen, zwischen den Ländern im Norden und im Süden der Erde. Höchste Zeit, die in UN-Abkommen verbriefte Geschlechtergerechtigkeit umzusetzen, denn mehr Frauen an der Macht befördern den Wandel zu einer Weltgesellschaft, die gemeinwohlorientiert und gleichberechtigt ist. Dazu können wir als Gewerkschafter*innen und Medienschaffende beitragen – nicht nur am Weltfrauentag!
mehr »

Unsere Stärken auf allen Wegen ausspielen

Seit dem 1. Februar steht mit Katja Wildermuth erstmals eine Frau an der Spitze des Bayerischen Rundfunks (BR). Die neue Intendantin war zuvor Programmdirektorin beim Mitteldeutschen Rundfunk und blickt auf eine langjährige Fernsehkarriere beim MDR und NDR zurück. Die nun vierte amtierende Intendantin einer ARD-Anstalt beantwortete M Online kurz nach ihrem Amtsantritt Fragen zu Positionen, eigenen Vorhaben und aktuellen Debatten im öffentlich-rechlichen Rundfunk.
mehr »

Gibbet Fisch, oder gibbet kein Fisch?

Der Spruch stammt von meinem Musiker-Kollegen, mit dem ich als Autor in den 90iger Jahren, also in den guten analogen Zeiten, auf Lesereise war. Ein paar Bier, ein Abendessen und das Eintrittsgeld waren immer drin, und selbst wenn am Ende der Lesung der Hut rumging, kam ein nettes Sümmchen zusammen. Zeiten, von denen man heute nur noch träumen kann.
mehr »