Schöne Oberfläche für ein Märchen-Setting

Paul-Hermann Gruner, Politik- und Sprachwissenschaftler, lebt als Autor, Journalist und bildender Künstler in Darmstadt.
Foto: Anna Meuer

An diesem 8. März wird 100 Jahre Wahlrecht für Frauen gefeiert. Eine der Wegbereiterinnen war Louise Otto-Peters, die bereits vor über 150 Jahren für Gleichberechtigung kämpfte und kritisierte, dass Frauen auf den „engen Kreis der Häuslichkeit“ beschränkt würden. Bis heute findet sich jedoch in Frauenzeitschriften genau das: eine marternde Endlosthemenschleife zu Schönheit, Mode, Wohnen, Lifestyle, Kochen und Diät. Das Apolitische dieser Konsumwelt markiert ein Politikum.

Der Markt der Kategorie Frauenzeitschrift (von Bild der Frau über Bravo Girl oder Vogue bis zu Cosmopolitan) ist weiterhin riesig. Ständig kommen noch neue Titel hinzu, allerdings oft eher kurzlebig und in einer Variation des Immergleichen. Wenn das rollenspezifische Angebot der Frauenzeitschrift in traditioneller Form stabil bleibt, obschon sich die Gesellschaft in gut fünfzig Jahren Frauenemanzipation doch grundlegend verändert hat, stellen sich Fragen nach den Inhalten dieser Zeitschriftengattung umso schärfer, letztendlich auch: (gender)politischer.  Eine sprach- und politikwissenschaftliche Überprüfung dreier vierzehntäglich erscheinender Titel – Brigitte, Freundin und Für Sie – macht geradezu schwindelig angesichts des dort gezeichneten Bildes eines `weiblichen` Lebenszusammenhangs. Die Hefte sind geprägt von enormer Redundanz, von hoher inhaltlicher und visueller Homogenität. Jenseits von Ausnahmen, etwa dem Bezug auf aktuelle Me too-Debatten, servieren die drei Titel in stramm trend- und konsumfixierter Ausprägung eine (Frauen-)Welt, die einem Märchen-Setting gleichkommt.

Das „Publikum bekommt nichts vorgesetzt, was es nicht abnimmt“, sagt dazu Zivilisationskritiker Thomas Rietzschel. Für die genannten drei Frauenzeitschriften lässt sich das Phänomen so in drei Punkten zusammenfassen:

Die Titel arbeiten erstens mit am Kanon einer eindimensionalen, interessenlimitierten ‚Weiblichkeit‘. Diese Beschränkung sorgt für eine leichte, schnelle Realitätsflucht. Der Fokus auf ‚Schönheit‘ und Selbstspiegelung steht für symbolische Sehnsuchtsziele.

Zweitens bestimmen die Leserinnen diesen Angebotsschwerpunkt durch ihre Kauf- und Leseentscheidung entscheidend mit. Sie wählen jene konstante magazintypische Themenreduktion selbst aus – ungeachtet eigener wirtschaftlicher Selbständigkeit und einer gleichgestellten Lebensweise im Mitteleuropa des 21. Jahrhunderts.

Frauenzeitschriften offerieren drittens ein Korsett an Konventionen, das offensichtlich für Identität sorgt. Es ist ein Korsett, das nicht mehr als solches erkannt wird, nicht riskant erscheint und auch nicht als Gewebe von Klischees diskreditiert ist.

Louise Otto-Peters (1819-1895), Mitbegründerin der bürgerlichen deutschen Frauenbewegung, sah es in der Frauen-Zeitung vom 23. November 1851 als „Versündigung nicht nur am Weibe, sondern am Prinzip der Schöpfung“, „das Weib […] auf den engen Kreis der Häuslichkeit beschränken zu wollen und somit auszuschließen von jenen anderen Zwecken des Menschentums, die sich nicht auf die Familie beziehen“. Vorbildlich gesprochen.  In den heutigen Frauenzeitschriften ist der benannte „enge Kreis“ der Suggestionen von Schönheit, Mode, Kosmetik, Wohnen, Dekoration, Lifestyle, Kochen und Diät als marternde Endlosthemenschleife (fort)zuerleben; als eine „Versündigung am Weibe“ würde dies aber keine Leserin (und keine Magazinmacherin) mehr einordnen. Seltsam. Ein kurzer Perspektivwechsel zeigte klar: Würden männliche Redakteure einen ‚weiblichen Lebenszusammenhang` derart banal und einseitig bestücken und bebildern, gälten sie schlicht als – sexistisch.

Doch warum sind Fragen nach dem besten Orangenmilch Volumen-Shampoo, nach dem Testbericht zum Lifting Serum mit Hibiscus-Extrakt und pflanzlicher Hyaluronsäure oder zum Nachfolger für den Mattgold Magnetic Nature-Augenkonturstift  überhaupt soooooo wichtig? Gute Frage. Sie sind keinesfalls per se bedeutsam, jedoch in der Ausprägung von Willensbildung. Sie sollen wichtig genommen werden, insofern sie zu einer Lese-, Kauf- oder Abonnement-Entscheidung von Frauen führen. Weil sie den Status einer nicht mehr hinterfragten Rollen- und Geschlechtsspezifik erreicht haben.

Erst vor diesem Hintergrund sind die Schicksale von Emma (dümpelt in niedriger fünfstelliger Auflagenhöhe), der einst so hoffnungsvoll feministisch gestarteten Courage (1984 an der Realität fehlender Nachfrage zerschellt) und der ältesten feministisch-emanzipativen Frauenzeitschrift Deutschlands, dem Frauenrat (nach 63 Jahren Existenz eingestellt im Jahre 2016), korrekt einzuordnen.

Die stattdessen massenhaft vorgeführten Felder weiblichen Interesses sind Konstruktionen der Realität. Sie bleiben verblüffend erfolgreich, denn inzwischen herrscht die Realität der Konstruktion. Wie in einem Parallelorbit servieren die Frauentitel geschlechtsspezifische Konvention. Stellt sich die Frage nach dem Warum.

Die Medienforscher Markus Metz und Georg Seeßlen sprechen bei der Betrachtung von Organen der Massenkommunikation gerne von „Blödmaschinen“. Ein Begriff, der in schlichter herrschaftskritischer Verkürzung die Manipulateure benennt, die Fremdbestimmer, die Agenten (hier besser: Agentinnen), die das Böse verbreiten und Anpassung fordern. Nette Vorstellung, allerdings hoffnungslos antiquiert. Ursachen müssen woanders liegen, denn hoppla: Sind die zweite und dritte feministische Generation in Mitteleuropa (von der gerne behauptet wird, dass es sie gäbe) blind und blöd? Das behauptet besser niemand über Frauen, die so gut ausgebildet sind wie nie zuvor und die mehr Chancen zur Selbstverwirklichung und zur Verbreiterung ihrer Berufsinteressen als je vorfinden. Eventuell steht das Interesse von Millionen Leserinnen und Abonnentinnen an gestrig erscheinenden Inhalten eher für ein Verführtwerdenwollen, für ein Spiel mit alten Rollenmustern, für ein lustvolles Komplizinnentum? Jedenfalls zeigt sich die Nachfrage nach aufwendig produzierten Frauenzeitschriften gebettet in einen selbstbewussten weiblichen Hedonismus. Diese Lust am Schwelgen abstrahiert von feministischem Gedankengut und – genügt sich selbst.

Das Apolitische des Märchen-Settings markiert ein Politikum: Wenn geschlechtsspezifische Wünsche und Sehnsüchte sich so auf den Schmück-Impuls und eine Phalanx der schönen Oberflächen verengen, muss dies auch zum Thema werden für das andere Geschlecht. Jede Stilisierung eines behauptet `Weiblichen` definiert schließlich indirekt auch Aufgaben, Zuständigkeiten, Zuordnungen für ein behauptet `Männliches`. Rollenstereotype auf der einen Seite provozieren und erschaffen Rollenstereotype auf der anderen Seite. Es geht um Prägung und Mentalität, um den Aufbau von Leitbildern, um Mythenproduktion und Doing Gender.

Für eine Rollenzwänge aufbrechende Männerpolitik und ebenso die Geschlechter-Debatte als Ganzes gibt es also eine Aufgabe: Das Märchen-Setting populärer Frauenzeitschriften und die anhaltend starke Nachfrage danach dürfen nicht länger aus dem medialen und gesellschaftlichen Diskurs ausgeklammert werden. Es handelt sich schließlich nicht um eine abgelegene Spielwiese für einige weibliche Sonderlinge mit Retro-Interessen, sondern um – Mainstream. Tatsächlich ein wundervolles Thema für den Frauentag.   

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