Volontäre verschoben

Verlage umgehen Ausbildungstarifverträge

Vor 17 Jahren haben Redakteurinnen und Redakteure Ausbildungstarifverträge für Volontäre an Tageszeitungen und Zeitschriften durch einen langen Streik erkämpft. Doch spätestens seit dem neuen Jahrtausend­beginn suchen Verlage verstärkt nach Wegen, diese Ausbildungstarifverträge zu umgehen, beispielsweise indem sie die ­Volontärinnen und Volontäre vom Arbeitsverhältnis im Verlag zu einem Angestelltenverhältnis in die verlagseigene Journalis­ten­ausbildungsstätte verschieben. Manche Verlage, wie die Schwäbische Zeitung, haben auch neue Modelle entwickelt, die nicht mehr dem tarifvertraglich geregelten „Normal“-Volontariat entsprechen, etwa durch das Anhängen eines dritten Volo-Jahrs vor Bescheinigung der „Redakteursreife“.

Der Ausbildungstarifvertrag für Zeitschriften wurde damals vom Bundesarbeits­ministerium für allgemeinverbindlich erklärt, das heißt, er gilt auch in Verlagen ohne Tarifbindung – anders als bei den Tageszeitungen. Zurzeit bewegt sich das Tarifgehalt für Volontäre bei Tageszeitungen – je nach Alter und Ausbildungsjahr – zwischen 1.521 und 1.955 Euro, dazu kommen Urlaubsgeld und Jahresleistung in Höhe von 80 beziehungsweise 95 Prozent. Bei den Zeitschriften sieht der entsprechende Rahmen eine Vergütung von 1.336 bis 1.923 Euro vor, dazu Urlaubsgeld und Jahresleistung von 85 und 95 Prozent. Die Gesamtbrutto­einkommen variieren im tarifvertraglichen Bereich also zwischen rund 18.500 und fast 26.900 Euro im Jahr. Die Ausbildungstarifverträge sehen sechs Wochen überbetriebliche Schulung und bei Tageszeitungen einen Volontärstag pro Monat vor.

Schlechtere Bezahlung trotz besserer Leistung

Das ist manchen Verlagen zu teuer und deshalb stecken sie ihre Volontäre vom Verlag in verlagseigene Journalistenschulen. Bei der schon 1979 gegründeten Henri-Nannen-Schule, die von Gruner & Jahr und der Zeit getragen wird und mit dem Spiegel zusammenarbeitet, beträgt die monatliche „Lehrgangsbeihilfe“ 761 Euro brutto während der anderthalbjährigen Ausbildung. Hier stehen 34 Wochen in der Schule 36 Wochen Mitarbeit in den Redaktionen gegen­über, bei acht Wochen Urlaub. Die Axel-Springer-Jour­na­­lis­ten­schule wurde Ende 2006 aufgelöst, die neue Axel-Springer-Akademie zahlt ihren Schülern wie vorher die Schule eine Vergütung von 1.200 Euro im Monat. Nach den ersten sechs Monaten Intensivkurs in der Akademie wandern die Schüler zum cross­medialen Arbeiten zu Weltkompakt und Weltonline. Das zweite Ausbildungsjahr entspricht dem klassischen Volontariat in einer Stammredaktion mit verschiedenen Ressorts, doch auch dann wird der Tarifvertrag nicht angewen­det.
Seit Januar 2005 sind die einst im WAZ-Konzern angestellten Volontäre bei der Journa­listenschule Ruhr angedockt. Es gibt 1.200 Euro im ersten Jahr, 1.400 Euro im zweiten Jahr, außerdem Urlaubsgeld und Jahresleistung in Höhe von 50 Prozent. Die Journalistenschüler arbeiten in den Re­daktionen von Neue Ruhr / Neue Rheinzeitung, Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ), Westfälische Rundschau, West­falenpost und seit kurzem auch in der Thüringer Allgemeinen, der Ostthüringer Zeitung, der Thüringer Landeszeitung und dem Goldenen Blatt. Laut Malte Hinz, Betriebsratsvorsitzender der Westfälischen Rundschau und Redaktionsleiter in Lünen, hat sich an dem Ausmaß der Volontärs­arbeit in den Redaktionen seit der Verlagerung der jungen Leute nichts geändert. Verändert habe sich aber die Qualität: „Ich habe noch nie so gute Volontäre gehabt wie seit der Einführung des Assessment Centers, das mit der Umstellung einherging.“ Und Malte Hinz kann das nach 30 Jahren Berufserfahrung beurteilen. Deshalb erbost es ihn umso mehr, dass diese besseren Leute nun ausgerechnet schlechter bezahlt werden, kein Sonntagsantrittsgeld bekommen und nur noch 20 Tage Urlaub im Jahr, das gesetzliche Minimum. „Das finde ich nach wie vor schändlich“, erklärt der BR-Vorsitzende, der auch Vorsitzender der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten Union dju in ver.di ist.
Bei der Augsburger Allgemeinen wurde Anfang 2007 eine Journalistenschule im Zusammenhang mit einer Medien-Akademie Augsburg gegründet. Die Volontäre verbringen während der Ausbildung an der Günter-Holland-Journalistenschule insgesamt 22 Monate in den Redaktionen. Kein großer Unterschied gegenüber dem Ausbildungstarifvertrag, was auch BR-Mitglied und Redakteur Stephan Merk bestätigt: „Die Mitarbeit in den Redaktionen ist seit der Eröffnung der Schule Anfang 2007 völlig gleich geblieben.“ Aber die Zahl der Volontäre werde steigen, wurde versprochen. Damit wurde dem Betriebsrat die Verschlechterung der Gehalts­bedingungen für die einzelnen Volontäre schmackhaft gemacht. „Das haben sie ein­gehalten, die Zahl ist von fünf auf neun gestiegen“, sagt Merk, „das Budget wurde auf mehr Köpfe verteilt.“ Die Schwäbische Zeitung, nicht tarifgebunden, gehört zu den Beispielen für eine weitere Abweichung vom Volontärstarifvertrag: Sie hat dem zweijährigen Volontariat in der Tageszeitung ein drittes Jahr mit Stationen bei einem Anzeigenblatt, bei Regio TV, beim Onlinedienst und bei Radio 7 angehängt. Für Volontäre mit abgeschlossenem Studium gibt es dabei je nach Ausbildungsjahr eine Vergütung von 16.800 bis 27.000 brutto im Jahr. Dazu erläutert Mediendirektor Joachim Umbach, in jedem Ausbildungsjahr gebe es ein erfolgsbezogenes variables Vergütungsmodell. „Die positive wirtschaftliche Entwicklung unseres Hauses führte dazu, dass die Vergütungen für alle Mitarbeiter in den letzten vier Jahren grundsätzlich eher im oberen Bereich der jeweils vorgegebenen Spanne lagen.“ Der Unterschied zum Tarif liegt also vor allem in der Vergütung eines dritten Volontärsjahrs gegenüber einer Anstellung im ers­ten Redakteursjahr, wenn denn eine solche zu ergattern ist.

Volontäre als Leiharbeiter

Eine weitere Variante ist der Volontär als Leiharbeitnehmer, ein Modell, das es etwa bei der Nordwest-Zeitung in Oldenburg (siehe S. 9) zu bestaunen gibt. Ähn­liche Überlegungen hatte es im Jahr 2006 bei Madsack in Hannover gegeben. Dort ist eine Madsack Bildungsinstitut GmbH & Co KG gegründet worden, die 2006 als 100prozentige Tochter laut Geschäftsbericht zum ersten Mal im Konzernabschluss auftaucht. Der Betriebsrat ging zunächst davon aus, dass das Ziel die Verbesserung der Ausbildung sei, was ja zu begrüßen wäre. Doch dann stellte sich heraus, dass das Ziel auch die Flucht aus dem Ausbildungstarifvertrag für Volontäre war. Die Volontäre der Madsack-Zeitungen sollten zum Madsack Bildungsinstitut verlagert und dann an die Redaktionen ausgeliehen werden. Dagegen machte der Betriebsrat energisch Front und kommunizierte das Vorhaben der Geschäftsführung auf der innerbetrieblichen und gewerkschaftlichen Schiene, so Betriebsratsvorsitzender Rainer Butenschön. Außerdem schaltete der Betriebsrat die Arbeitsagentur ein. Die Niederlassungen der Bundesarbeitsagentur haben nämlich den Auftrag, Verleihvorgänge nach gewissen Regeln zu prüfen und ihnen notfalls zu widersprechen. Zum Beispiel, wenn damit ein gültiger Tarifvertrag ausgehebelt werden soll, wie in den „Durchführungsanweisungen für die Arbeitsagenturen zum Arbeitnehmerüberlassungsgesetz (AÜG)“ von 2004 nachzulesen ist. Mitte Dezember 2006 erhielt der Betriebsrat die Nachricht, dass die Geschäftsführung ihre Pläne zur Ausgliederung der Volontäre begraben hat. „Das war für uns wie Weihnachten“, erinnert sich Butenschön. So ist es bislang bei Madsack beim Volotarifvertrag geblieben. „Weil wir uns betriebspolitisch vernünftig aufgestellt haben“, unterstreicht Madsack-Betriebsratsvorsitzender Butenschön.
Interessant wird in nächster Zeit, wie sich die Deutsche Zeitungsholding künftig die Ausbildung von Journalisten vorstellt. Im November und Dezember 2007 erschienen in der Berliner Zeitung drei verschiedene Anzeigen, dass Volontäre für ebendiese, den Berliner Kurier, die Hamburger Morgenpost, die Netzeitung, den Tip und das Berliner Abendblatt gesucht werden, und zwar „Multimedia-­Video / Bild-Volontäre“, „Multimedia-Text-Volontäre“ und „Multimedia-Gestalter-Volontäre“. Eine Vermischung von Volontariats- mit dualer Berufsausbildung?
Noch einmal zurück zu den Journa­listenschulen: Auch für die Burda-Journalistenschule war dem Betriebsrat im vergangenen Sommer eine geplante Abkehr von der Vergütung nach dem Ausbildungs­tarifvertrag für Zeitschriften bekannt geworden. Nur noch 1.200 Euro sollte es für die Volontäre geben. Betriebsrat und dju kündeten eine harte und konsequente Gegenwehr an. Beim Neujahrsempfang 2008 von Burda erklärte Dr. Jürgen Todenhöfer von der Geschäftsführung des Konzerns, dass man von dieser Kürzung absehe, weil die Zahlen des Konzerns so erfreulich seien. Der stellvertretende Burda-Betriebsratsvize Albert Schindlbeck hofft, dass dies auch den Betriebsräten in anderen Häusern Mut zur Gegenwehr macht und erklärt den Erfolg nicht nur mit den schönen Zahlen Burdas: „Was ganz wichtig war: Wir hatten alle Mitarbeiter hinter uns, bis hinauf in die Chefredaktionen.“

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

EU segnet SLAPP-Gesetz ab

Das Europäische Parlament stimmte in Straßburg mit großer Mehrheit für die sogenannte Slapp-Richtlinie. 546 Parlamentarier*innen stimmten für das Gesetz, 47 dagegen und 31 enthielten sich. Die Regelung soll Einzelpersonen und Organisationen, die sich mit Angelegenheiten von öffentlichem Interesse wie Grundrechten, Korruptionsvorwürfen und dem Kampf gegen Desinformation befassen, vor missbräuchlichen Klagen schützen. Jetzt muss die EU-Richtlinie am 19. März durch den Europäischen Rat bestätigt werden. Danach haben die 27 EU-Mitgliedstaaten zwei Jahre Zeit, die Vorschriften in nationales Recht umzusetzen.
mehr »

Presserat rügt immer häufiger

Der Deutsche Presserat erteilte 2023 so viele Rügen wie noch nie in einem Jahr zuvor. 73-mal verhängte er seine schärfste Sanktion für besonders schwere Verstöße gegen den Pressekodex. Im Jahr zuvor hatte er lediglich 47 Rügen ausgesprochen. Vor allem mehr Rügen wegen mangelnder Recherche wurden vom freiwilligen Kontrollorgan der Presse ausgesprochen. Besorgniserregend findet das die dju in ver.di.
mehr »

Rundfunkbeitrag soll um 58 Cent steigen

Der finanzielle Spielraum von ARD, ZDF und Deutschlandradio schrumpft. Wie erwartet, empfiehlt die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) eine Erhöhung des monatlichen Rundfunkbeitrags ab 2025 um 58 Cent auf 18,94 Euro. Die von einigen Ministerpräsidenten geäußerten Forderungen nach Beitragsstabilität sieht die KEF angesichts der inflationären Entwicklung als übererfüllt an. Ver.di warnt vor weiterem Programmabbau und noch mehr Druck auf die Rundfunkbeschäftigen.
mehr »

dju verurteilt Angriff auf Rundfunkfreiheit

Als „massiven Angriff“ auf die Pressefreiheit und gegen den gesetzlichen Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hat die dju einen AfD-Antrag vom 22. Februar verurteilt, die Berichterstattung im Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) über das Treffen von rechten, identitären und AfD-Vertretern in Potsdam durch die Landesregierung zu unterbinden. Die Landesvorsitzende der dju in ver.di Berlin-Brandenburg, Renate Gensch, nannte den öffentlich-rechtliche Rundfunk „Garant der Demokratie“.
mehr »