Editorial: Noch gibt es sie

Das führe „in den absoluten Überwachungsstaat“, alle Bürger gerieten „unter Generalverdacht“, es sei „einer der größten Eingriffe in Pressefreiheit“, so argumentierten Abgeordnete des Deutschen Bundestages am 9. November gegen das neue Gesetz zur Telekommunikationsüberwachung, die vermeintliche Umsetzung einer EU-Richtlinie.

Leider waren es nur 156, die ihre Hausaufgaben gemacht hatten und gegen das unter dem Deckmäntelchen der Terrorismusbekämpfung daher kommende Gesetz votierten. Sie hatten offenbar neben eigener Demokratie- und Fachkompetenz auf die Stimmen aus dem Volk gehört, die sich gegen diesen ungeheuren Eingriff in die Privatsphäre, den Informantenschutz in Redaktionen und den Vertrauensschutz bei Ärzten wehrten. Die website: briefe.gegen.daten.speicherung.eu hatte am Abstimmungstag 233 Seiten mit zirka 2.500 Bürgerschreiben. Seit Monaten laufen Datenschützer, Medien-, Berufs- und andere Verbände Sturm gegen diese Ignoranz gegenüber dem Telekommunikationsgeheimnis. Es gab Demonstrationen, Offene Briefe und Expertenanhörungen im Bundestag. Aber nein, die Mehrheit, 366 Abgeordnete, wusste es besser, sie stimmten für das „Sicherheitspaket“. Das Bundesverfassungsgericht soll es nun richten! Der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung, mit dem auch ver.di zusammen arbeitet, wird mit tausenden Mandaten Verfassungsklage erheben.
Die Tragik dieser Novemberentscheidung ist – einmal abgesehen vom geschichtsträchtigen Datum – dass gerade jüngste Ereignisse schwere Schatten auf den Umgang mit unseren freiheitlichen Grundwerten geworfen haben. Nehmen wir die intensiven – natürlich heimlichen – Ermittlungen vor Ort und im Internet gegen 12 Pressefotografen mit sehr fragwürdigen Vorwürfen: Ursächlich habe man Fotos von Naziaufmärschen der linken Szene zur Verfügung gestellt? Oder die Durchsuchung der Postzusendungen von vier großen Berliner Tageszeitungen, angeblich allein um „militante“ Bekennerschreiben zu finden. Übrigens zwar heimlich, aber genehmigt vom Bundesgerichtshof. Mehrere Personen gelangten in das Raster der Fahnder des Bundeskriminalamtes (BKA), weil sie in ihren Internettexten Wörter verwendeten, die auch in Texten von Bekennerschreiben Terrorismusverdächtiger vorgekommen sein sollen. Zum Beispiel das Wort Prekarisierung! Ups, wird auch viel von Ver.dianern benutzt? Es reicht aber offenbar auch, sich über die aktuellen Fahndungen des BKA online zu informieren. Im März 2007 schaltete das BKA eine Homepage zur „militanten Gruppe“. Vom 28. März bis 18. April wurde nach Informationen der dju in ver.di Berlin-Brandenburg jeder registriert, der die Seite besuchte. Ausgewertet wurden 417 Computer(IP)-Adressen. Ans Licht kommt derartiges nur durch engagierte Informanten. Noch gibt es sie!?

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Katapult MV: Die Stimme für den Norden

Die kleine Redaktion von Katapult MV stellt im Flächenland mit 1,57 Millionen Einwohner*innen mit einer monatlichen Zeitung und aktuellen Online-Beiträgen ein Gegengewicht in der Berichterstattung dar. Wir sprachen mit Chefredakteur Patrick Hinz über Lokaljournalismus, die anstehenden Landtagswahlen und den journalistischen Umgang mit der AfD.
mehr »

Berichten wo es ungemütlich ist

In autoritär regierten Staaten geraten auch ausländische Medienschaffende zunehmend unter Druck: Einreiseverbote, die Verweigerung von Visa und andere Repressionen erschweren die Arbeit von Korrespondent*innen. In vielen Fällen bleibt ihnen nur noch die Berichterstattung aus dem Ausland ohne direkten Zugang zum Land selbst.
mehr »

Was bringt der Pressekodex?

Eine Anwältin wird in einer Boulevardzeitung identifizierend an den Pranger gestellt – obwohl sie nichts Unrechtes getan hat. Die Folge: Bedrohungen, eine rechtsextreme Kundgebung vor ihrer Kanzlei, Polizeischutz. Der Deutsche Presserat spricht Monate später eine Rüge aus. Der Schaden ist aber angerichtet.
mehr »

Machen Sie es sich unbequem

Ich bin Rechtshänderin. Neulich habe ich mir morgens die Zähne mit der linken Hand geputzt. Keine gute Idee. Es fühlte sich falsch an. Ungelenk. Irgendwie so, als würde mein Gehirn die ganze Zeit protestieren. Und genau genommen tat es das auch. Unser Gehirn liebt Gewohnheiten. Es baut dafür regelrechte Autobahnen im Kopf. Und alles, was davon abweicht, fühlt sich erst einmal anstrengend an.
mehr »