Frischer Wind dank Pionierjournalismus

Bild: Shutterstock

Zukunftsweisend für den Transformationsprozess im Journalismus sind Pionier*innen, die neue Ideen ausprobieren, ohne gleich ans Geld zu denken. Aus diesem Blickwinkel untersucht das Forschungsprojekt „Pionierjournalismus“ neue Produkte und Formate, Arbeitsweisen, Finanzierungsformen und Publikumsbeziehungen. In der Medienpraxis freut man sich, denn von den Erkenntnissen könne die ganze Branche profitieren und sich besser für die Zukunft aufstellen.

2019 starteten Wissenschaftler*innen der Universität Bremen und des Leibniz-Instituts für Medienforschung in Hamburg das Projekt „Pionierjournalismus“. Einer der Projektleiter*innen ist Andreas Hepp, Professor für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Universität Bremen.

Andreas Hepp Foto: photographer_bremen@icloud.com

Im Gespräch mit M erläutert er, was mit dem Begriff des Pionierjournalismus gemeint ist: Das „journalistische Feld“ vergleicht er mit einem kargen Gebiet, das von Pionierpflanzen wie Flechten erschlossen wird: Es bildet sich eine Humusschicht, auf der auch andere Pflanzen bis hin zu großen Bäumen wachsen, während viele der Pionierpflanzen wieder sterben. Pionierjournalismus weite den Blick weg vom „Kampfbegriff Innovation“, mit dem neue Entwicklungen immer auf „ihre Monetarisierung getrimmt“ würden.

Zunächst ermittelten die Forscher*innen in einer medienethnografischen Untersuchung Pionierakteur*innen und ihre Experimentierbereiche, die „schon heute auf die Zukunft des Journalismus ausgerichtet sind“. Durch Sichtung einschlägiger Datenbanken, Preisverleihungen, Veranstaltungsprogramme und eine offene Recherche im Schneeballverfahren identifizierten sie 231 Akteur*innen, wie Hepp berichtet. In einer interaktiven Karte zum „Pionierjournalismus“ seien nun 179 Akteur*innen aufgeführt, wobei Einzelpersonen aus Datenschutzgründen dort nicht genannt würden. Die Karte wachse, denn jederzeit könnten über die Website weitere Akteur*innen gemeldet werden.

Freiräume durch Spin-offs

Trendsetter sind nicht nur Start-ups und ihre Gründer*innen. Zu den Pionierakteur*innen gehören nach der Analyse auch Freischaffende wie etwa Friedrich Lindenberg, der als Softwareentwickler Journalist*innen bei investigativen Datenanalysen unterstützt – etwa um Daten in zugespielten Quellen wie den Panama Papers zu analysieren. Oder Beschäftigte in Medienunternehmen wie Niddal Salah-Eldin, die als Chefin für Innovation und Produkt bei der dpa ein modulares Redaktionssystem entwickelt hat. Mittlerweile ist Salah-Eldin zu Springer gewechselt und dort seit Kurzem Vorstand des neuen Bereichs Talent & Culture.

Auch in gesonderten Abteilungen größerer Medienhäuser würden „neue“ Formen von Journalismus und dafür benötigte Technologien entwickelt, etwa bei Radio Bremen in der „Digitalen Garage“. Freiräume entstehen außerdem durch Spin Offs, Neugründungen aus einem etablierten Medienunternehmen heraus. Ein Beispiel ist funk, das „Content-Netzwerk“ von ARD und ZDF, das Medienangebote für Jugendliche und junge Erwachsene auf einer eigenen Website und auf verschiedenen privaten digitalen Plattformen sowie einer App bereitstellt.

Das Forschungsteam hat noch weitere Pionier*innen identifiziert. Während Stiftungen sich mit nur 0,4 Prozent wenig für Journalismus engagierten, gebe es verschiedene andere unterstützende Institutionen. So bietet der Next Media Accelerator zum Beispiel ein sechsmonatiges Beratungsprogramm in Hamburg und das Media Lab Bayern will „aus Projekten Medien-Start-ups machen“ – ähnlich wie das Journalismus Lab in NRW.

screenshot: hackshackers.com

Unter „Kollektive Akteur*innen“ werden in der Studie Pioniergemeinschaften gefasst – wie die 2009 gegründete Gemeinschaft Hacks/Hackers, die Profis aus Informatik und Journalismus zusammenbringen, um neue Formen eines technisch basierten Journalismus zu entwickeln. Auch Netzwerke wie der Rechercheverbund NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung oder der gemeinnützige Verein Netzwerk Recherche zählen dazu. Ein Beispiel für Projekte, das heißt, thematisch ausgerichtete, zeitlich begrenzte Initiativen von Gemeinschaften ist Digger – deepfake detection. Dort werden Journalist*innen technologisch dabei unterstützt, synthetisch erzeugte Deepfakes als Fälschungen zu identifizieren. Das Projekt wird gemeinsam vom Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie, Deutsche Welle und Athens Technology Center realisiert und wurde vom Google Digital News Innovation Fund gefördert.

Technologie betrachten die Forscher*innen nicht als separates Experimentierfeld, weil sie immer eine Rolle spielt, wenn neue Produkte, Arbeitsweisen, Finanzierungsformen und Publikumsbeziehungen entwickelt und erprobt werden. So wurde seit Mitte der 2010er-Jahre mit neuen Produkten für die Zielgruppe der Millennials experimentiert und etablierte Nachrichtenmarken gründeten Online-Ableger für Jugendliche und junge Erwachsene. Während der „Spiegel“ und „Zeit Online“ ihre jungen Formate „Bento“ und „Ze.tt“ 2020 wieder einstellten, halten sich funk von ARD/ZDF seit 2016 und „Watson“ von T-Online seit 2018. Angestoßen wurde diese Entwicklung durch international expandierende Online-Nachrichtenangebote wie „Buzzfeed“, „The Huffington Post“ oder „Vice“, die jüngere Menschen mit neuen Medienformaten wie Listicles oder Memes sowie haltungs- und meinungsgeprägter Berichterstattung ansprechen.

Konstruktiver Journalismus

Auch andere Perspektiven und Muster wurden in die Berichterstattung eingeführt. So findet man konstruktiven Journalismus inzwischen nicht nur in Online-Startups wie „Perspective Daily“, sondern auch vereinzelt bei Regionalzeitungen wie der „Sächsischen Zeitung“, bei überregionalen digitalen Nachrichtenangeboten wie „Zeit Online“ oder „Focus Online“ und bei öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten wie NDR Info, der Deutschen Welle oder dem ZDF. Auch die Publikumsperspektiven finden stärker Einzug in die Medienprodukte. So verwendet das 2014 gegründete Start-up Civey Umfragedaten für die datenjournalistische Aufbereitung von Texten. Mehrere große Nachrichtenredaktionen greifen für ihre Social-Media-Angebote auf das Dienstleistungsunternehmen Conversario zurück, das Nutzerkommentare automatisiert analysiert und filtert.

Im Zuge der Informationsflut gewinnt auch die Kuratierung verfügbarer Inhalte an Bedeutung, d. h. ihre algorithmisch personalisierte Sortierung, die etablierte US-amerikanische Anbieter für journalistische Inhalte entwickelt haben – etwa Google News. Im jüngeren deutschen Pionierjournalismus gebe es einen Trend zu (Meinungs-)Vielfalt und gesellschaftspolitisch orientierten Angeboten, berichten die Forscher*innen. Der werde von Kurator*innen bedient: Bei Nuzzera geht es beispielsweise um inhaltliche Diversität, bei Buzzard um die Bündelung von „Medienstimmen des ganzen Meinungsspektrums“ auf Grundlage von 1700 Quellen.

Die Erprobung neuer Arbeitsweisen im Journalismus beschränke sich nicht darauf, neue Technologien einzuführen, sondern greife häufig auch Organisationsmethoden aus der Software-Entwicklung auf, die verbunden sind mit neuen Berufsrollen im Journalismus wie Innovation Management oder Projektkoordinationen. Der „Pionierjournalimus“ strebe nach „offeneren, freieren und agileren“ Arbeitsweisen. Beim Start-up „Neue Narrative“, dessen Gründer*innen aus der Unternehmensberatung kommen, gehe es etwa darum, Formen des „neuen“ Arbeitens zu etablieren und sie gleichzeitig im journalistischen Magazin zu thematisieren – unter dem Motto „Wir schreiben nicht nur über neue Arbeit, wir leben sie selbst.“ Die Forscher*innen resümieren, dass die klassischen Arbeitsweisen des Journalismus von Pionierjournalist*innen als „zu vorstrukturiert, zu hierarchisch und zu unflexibel angesehen werden, und dies oft auch ein maßgeblicher Grund ist, etablierte Medienorganisationen und Redaktionen zu verlassen“.

Finanzierung durch das potenzielle Publikum

Gerade für Start-ups spielt die Finanzierung eine große Rolle und sie experimentieren mit neuen Möglichkeiten der Wertschöpfung – etwa Crowdfunding, die Finanzierung durch ihr (potenzielles) Publikum. In der Entwicklungsphase greifen Gründer*innen auch häufig auf Eigenmittel oder Förderungen zurück. Das Start-up Steady etwa bekam unter anderem Gelder von der Google Digital News Initiative. Die Plattform bietet kleinen digitalen Publikationsprojekten eine fertige Baukastenlösung zur Finanzierung, inklusive Bezahlabwicklung. Für die dauerhafte finanzielle Absicherung sei ein tragfähiges Geschäftsmodell zentral, heißt es im Projekt-Resümee. Dazu gebe es pionierjournalistische Innovationen wie die Schwarmfinanzierung durch Crowdfunding (z.B. „Krautreporter“) oder Mitglieder- und Genossenschaftsbeiträge (z.B. Prenzlauer Berg Nachrichten). Auch die RiffReporter finanzieren sich durch ihre Mitglieder, gründeten aber zusätzlich die gemeinnützige RiffFreieMedien, um Spenden für Qualitätsjournalismus einzuwerben.

Die Riffreporter-Projekte tragen Namen wie Flussreporter oder Flugbegleiter. Screenshot/Montage: Petra Dreßler

Die Beziehung zum Publikum ist auch bei der Entwicklung von Themen, bei der Recherche oder beim Austausch über Inhalte wichtig. Nach Reichweitenverlusten und dem Einbrechen des Werbemarktes müsse der Journalismus mehr direkt zahlende Kund*innen gewinnen und sich stärker an ihren Wünschen orientieren, so die Forscher*innen. Vor allem Start-ups entwickelten vielfältige Formen der Publikumsorientierung und Communitypflege. Bei „crowdspondent“ oder „Merkurist“ schlagen Leser*innen zum Beispiel Themen für Recherchen vor, stimmen über ihre Relevanz ab und ergänzen sie durch weiterführende Infos. Das Forschungsteam konstatiert einerseits nur digital verfügbare Angebote mit einer starken Abonnent*innenbeziehung („Krautreporter“, „Deine Korrespondentin“, „Perspective Daily“) und andererseits vor allem lokale und hyperlokale Angebote, die sich inhaltlich an den Wünschen ihrer Nutzer*innen ausrichten (Lokalpioniere, „Lokalportal“ und „Merkurist“).

Lokales als Alleinstellungsmerkmal

„Nutzende stehen immer im Fokus“, sagt Simone Jost-Westendorf, Leiterin des NRW Journalismus Lab, im Gespräch mit M zur aktuellen Innovationsförderung der Landesmedienanstalt NRW. Der Markt und die Bedürfnisse einzelner Zielgruppen würden sofort getestet, Mit externen Coaches, auch aus anderen Branchen, werde geprüft, ob ein Geschäftsmodell finanzierbar sei.

screenshot: viernull.de

So habe das Düsseldorfer Start-up VierNull“ mit lokalem, lösungsorientiertem Journalismus nach zweieinhalb Jahren „relativ schnell durch zahlende Abonnent*innen seine Kosten gedeckt“. Zur Communitybindung gebe es außerdem einen „analogen Kiosk im Büro“, in dem Diskussionsräume und Führungen durch die Stadt angeboten würden.

Wie die Publikumsbindung durch Vernetzung von Start-ups und etablierten Medienhäusern gestärkt werden kann, erläutert Jost-Westendorf am Beispiel des Projekts Azernis. Das Team hat eine Software für Publisher entwickelt, mit der Themen und Artikel auf der Konkurrenz-Website beobachtet und analysiert werden können, um so die eigenen Inhalte besser auf das branchenweite Interesse der Leser*innen abzustimmen. Gecoacht wird Azernis von Thomas Kemmerer, Chefredakteur der Ippen Digital Zentralredaktion West. Er war schon zuvor Mentor im Journalismus Lab und findet es „spannend, kluge Köpfe ein Stückchen begleiten zu dürfen, die voller Enthusiasmus mit neuen Ideen die Medienvielfalt bereichern wollen. Da bin ich gerne Sparringspartner, zumal ich immer umgekehrt auch vom Team lernen kann“. Jost-Westendorf vom NRW Journalismus Lab beobachtete in den vergangenen Jahren, dass die Angst vor Konkurrenz einer größeren Offenheit weicht, eigene Innovationen durch Fragen und Kontakte voranzubringen und so ein „Ökosystem für Innovationen“ zu schaffen.

Es nütze der gesamten Medienbranche, wenn Mitbewerber*innen nicht als Konkurrenz betrachtet werden und man gemeinsam an Problemen und Lösungen arbeite. Als Beispiel für eine solche Kooperation nennt sie das Projekt „Voyager“ , das ab Juni 2022 in zweiter Runde von der Landesmedienanstalt gefördert wird. Das technische Startup 1PTA, ams Radio & MediaSolutions und die WDR mediagroup arbeiten an einer offenen, gemeinsamen Plattform für Audio-Inhalte – einem „Spotify für die Region“, so Jost-Westendorf. Nutzerinnen und Nutzer könnten die Plattform testen und Content-Partnerschaften könnten geschlossen werden. Gegen die große Konkurrenz der US-Konzerne kämen einzelne Medienunternehmen in Deutschland nicht an. Deshalb sei die Kooperation mit dem Alleinstellungsmerkmal „Lokales“ Gebot der Stunde.

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