Corona: Herkels Wochenrückblick Nr. 3

Bild: 123rf

Die Medienbranche boomt weiterhin in Zeiten der Krise. Nicht so schön: Die Blüte bezieht sich fast ausschließlich auf wachsende Reichweiten und Klickzahlen im Netz, weniger auf die Monetarisierung von Inhalten. Werbefinanzierten Medien geht das Geld aus, trotz sprunghaft gestiegener Nachfrage nach journalistischen Angeboten. Die jüngsten IVW-Zahlen weisen für den Monat März massive Besuchs-Zuwächse vor allem bei den Nachrichtenseiten aus.

Zu den Hauptgewinnern zählen die digitalen News-Angebote von „Süddeutsche Zeitung“, „Der Tagesspiegel“ und „n-tv“, die die Zahl ihrer Visits mehr als verdoppelten. Ebenfalls nach oben schossen – na klar! – Gesundheitsthemen, Entertainment, Essen/Trinken. Ganz offensichtlich eine Folge von unfreiwilligem Cocooning in den eigenen vier Wänden. Inhalte zu Reisen und Sport waren demgegenüber weitaus weniger gefragt – logisch, wenn die Flieger sich auf den Rollfeldern langweilen und die Bundesliga in der Zwangspause steckt. Auch Erotikinhalte schwächeln derzeit im Netz. Offenbar verführt das Home Office zu mehr analogem Kontakt mit dem/der Lebenspartner/in.

Bedürfnis an Information und Ablenkung

In den Funkmedien ein ähnliches Bild. Das Bedürfnis nach Information und Ablenkung sorgt weiterhin für Quotenrekorde. „Fernsehen wird das Fenster zur Welt“, sagt Kerstin Niederauer-Kopf von der AGF Videoforschung. Überraschung: Vor allem die Generation Netflix, also die jüngere Zielgruppe, kehrt zumindest vorübergehend zum linearen TV zurück. Krisenzeiten wecken das Interesse an qualitativ hochwertiger Information und vertrauenswürdigen Programm-Marken.

Allerdings steigt auch das Bedürfnis nach Eskapismus und Trivialem. In Krisenzeiten feiern Reality-Trash vom Schlage „Promis unter Palmen“ (Sat.1) oder das „erste Unterwasser-Shooting“ bei Klums Fleisch & Fummel-Show „Germany‘s next Top Model“ (ProSieben) Spitzenquoten. Den hohen Wert der Unterhaltung im „Kampf gegen Corona“ preist denn auch RLT-Chef Bernd Reichart in einem Motivationsvideo für die eigene Belegschaft. „Sie (die Unterhaltung, Red.) zaubert dem Land das Lächeln aufs Gesicht, nach dem es sich so sehr sehnt.“ Ob das mit „Mario Barth & Friends“ oder „Temptation Island“ funktioniert, sei mal dahingestellt.

Mit „The Curve“ feierte am Mittwoch ein neuer wöchentlicher Podcast Premiere. Darin reden Focus-Kolumnist Jan Fleischhauer und „Freitag“-Verleger Jakob Augstein über das „Leben in der Corona-Welt“. Der Titel des neuen Audio-Formats ist angelehnt an die „Flatten-the-curve“-Parole der Bundesregierung. Augstein löste kürzlich in sozialen Medien einen veritablen Shitstorm aus, als er den erzwungenen Stillstand des öffentlichen Lebens als „Seuchen-Totalitarismus“ geißelte. Corona, so polemisiert Augstein, werde als „erste echte Internet-Epidemie“ in die Geschichte eingehen. Immer mittwochs ab 10 Uhr, Länge: gut 20 Minuten.

Auch die Berliner „taz“ wartet künftig dienstags und freitags mit einem Podcast auf. Titel: „Nur Mut – Anleitungen für den Krisenkopf“. Darin sprechen die Journalistin Anett Selle und die Verhaltenstherapeutin Petra Muth über die Auswirkungen der Krise auf Kopf und Körper. Manche Tipps zur Bewältigung der Krise im Alltag klingen simpel, sind aber nach eigener Erfahrung durchaus hilfreich. Beispiel: Gegen „Grübelschleifen“ helfen möglicherweise Gähnen, Bewegung, Ablenkung (Kaffeekochen, Saubermachen).

Scharlatane und Abzocker unterwegs

Schon vor dem Ausbruch der Pandemie registrierten Faktenchecker*innen, dass viele der meistgeklickten Fakes auf YouTube medizinische Themen behandelten. Scharlatane locken Betroffene mit Heilungsversprechen und zocken Gutgläubige mit dem Wecken falscher Hoffnungen ab.  Einige dieser selbsternannten Wunderheiler treten jetzt als „Coronavirus-Experten“ auf, gern in weißen Hemden oder Arztkitteln, berichtet Cristina Helberg in einem Überblick auf Correctiv.

Ein Michael Spitzbart zum Beispiel behauptet im „Compact“-Interview auf YouTube, das Virus sei für Gesunde praktisch harmlos. Sein Rat: Beschäftige das Immunsystem! Kostprobe: „Wenn im Restaurant eine Gabel runterfällt, die erst jetzt nehmen. Das ist eine geimpfte Gabel.“ Dieser „Experten“-Tipp eines Urologen (!) schaffte es innerhalb knapp einer Woche auf immerhin 172.000 Klicks.

Hat das Virus auch positive Aspekte? Wie man’s nimmt. „Die Coronakrise führt zu einem Riss zwischen der AfD und ihren Echokammern“, heißt es in einer Analyse von Marcus Bensmann und Carol Schaeffer. „Die Reichweiten der Posts der AfD-Politiker brechen ein, weil die Partei vielen ihrer bisherigen Fans in den rechten Echokammern nicht radikal genug ist.“ In dieser Situation setzen rechte Blogger (KenFM, Billy Six, Compact, etc.) dann doch lieber gleich auf abenteuerliche Verschwörungstheorien.

Nachschlag zum Streit um Paid Content und Gratiskultur: Springer Vorstandschef Mathias Döpfner warnt im aktuellen „Spiegel“-Interview aus gegebenem Anlass vor einer Abkehr von Bezahlschranken und kostenlosen E-Paper in Zeiten von Corona. „Freibier für alle kommt immer gut an“, so der Springer-Mann und BDZV-Präsident, aber die Verlage sollten nicht in die Fehler der Internet-Frühphase zurückfallen. Es sei nicht nachvollziehbar, „warum man in dieser Krise für Medikamente und Nahrung bezahlen muss, aber für Informationen nicht“. Selbst Mitbewerber Gruner+Jahr verschenke zwar E-Paper von Magazinen wie „Stern“ und „Brigitte“, nicht aber die „Sächsische Zeitung“. Für News gelten also offenbar andere Gesetze als für Lifestyle-Titel.

Qualitätsdebatte vor dem Hintergrund der Krise

Auch die Debatte zur Qualität der Medienberichterstattung vor dem Hintergrund der Krise nimmt weiter Fahrt auf. Gleich an zwei lesenswerten Beiträgen beteiligt ist der Journalistik-Professor Klaus Meier von der Katholischen Uni Eichstätt. In einem Interview mit der „Schwäbischen Zeitung“ bezieht er sich auf die von einigen Landesregierungen kürzlich vorgenommene Einstufung des Journalismus als „systemrelevant“. Darauf, so seine Empfehlung, solle man auch nach der Krise zurückkommen, „wenn es darum geht, wie wir als Gesellschaft einen unabhängigen Journalismus auch finanziell langfristig ermöglichen können oder gegen Angriffe von demokratiefeindlichen Gruppierungen schützen“.

In einem gemeinsam mit seinem Schweizer Kollegen Vinzenz Wyss verfassten Text analysiert Meier „die fünf Defizite der Corona-Berichterstattung“. Beide Forscher kritisieren das Fehlen vielfältiger Recherche, kritischer Distanz und mangelndem Diskurs in den ersten Wochen nach dem Ausbruch der Pandemie. Nötig sei zwar eine „Güterabwägung zwischen Pflicht- und Verantwortungsethik“. Anfangs hätten aber unter dem Eindruck steigender Todesraten Verlautbarungen „starker Anführer“ und Rufe nach noch mehr und schnelleren Eingriffen in die Grundrechte klar dominiert. Spätestens jetzt, Anfang April, müsse der Journalismus zu seiner Pflicht zurückkehren und „mehr Eigenkompetenz, Distanz, Recherche und Vielfalt zeigen“.  Dazu gehörten ein kritischerer Umgang mit Zahlen, mehr strukturelle statt Einzelfallberichterstattung, Transparenz sowie ein Verzicht darauf, „einzelne Wissenschaftler als unfehlbare Medienstars aufzubauen“.

Die Krise erzeugt im Netz vereinzelt virale Erfolge – ein Begriff mit aktuell eher makabrem Beigeschmack. Die Ärzte haben zum Beispiel mit ihrem Song „Ein Lied für jetzt“ innerhalb von nur zwei Wochen mehr als 3,7 Millionen Aufrufe bei YouTube erzielt. Weniger bekannt, aber poetischer und mitreißender ist die Botschaft des folgenden Clips:


Herkels Wochenrückblick Nr.2

Herkels Wochenrückblick Nr.1


Mehr zum Diskurs über die Qualität der Medienberichterstattung auf M Online 

 

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