Landesmutter besiegt Alpha-Männchen

Dr. Bärbel Röben lebt als freie Journalistin und Medienwissenschaftlerin in Attendorn/Sauerland. 2013 veröffentlichte sie das Buch "Medienethik und die Anderen. Multiperspektivität als neue Schlüsselkompetenz", das Aspekte einer verantwortungsethischen Berichterstattung auslotet. Foto: Jan-Timo Schaube

„Angela Merkel – Mutti oder Eiskönigin“, fragt eine ARTE-Dokumentation über die Bundeskanzlerin im Dezember 2016. „Die SPD-Basis feiert ihre ‚Landesmutter'“, titelt das Handelsblatt im Februar 2017 zum Wahlkampfauftakt von NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Zwei Amtsinhaberinnen stellen sich im Mai und im September wieder zur Wahl. Ist Politik weiblicher geworden und haben sich die Medienbilder gewandelt – hin zu mehr Gleichstellung?

Von den Abgeordneten im Bundestag sind 36,5 Prozent weiblich, im NRW-Landtag sind es knapp 30 Prozent. „Auf der politischen Bühne bewegen sich Frauen mittlerweile als machtbewusste Akteurinnen. Sie bilden als politische Funktionsträgerinnen zwar keine Mehrheit, sie stellen aber auch keine Besonderheit mehr dar“, konstatierten die Feministischen Studien bereits 2014 in ihrem Heft zu Frauen im öffentlichen Raum.

Das spiegelt sich auch in den Medienbildern von Politikerinnen wider. Untersucht wurde das von der Journalistin und Medienberaterin Dorothee Beck  in ihrer 2016 veröffentlichten Dissertation am Beispiel von SPD-Spitzenkandidatinnen bei Landtagswahlen innerhalb von 18 Jahren. Als Renate Schmidt 1994 in Bayern antrat, wurde sie stark sexualisiert präsentiert: „Renata erotica“ oder „barockes Vollweib“. Zu dieser Zeit galten Politikerinnen noch als „Ausnahmefrauen“, Weiblichkeit und Politik erschienen als Widerspruch, denn politische Kompetenz war an die männliche Norm gekoppelt. Auch Heide Simonis, die von 1996 bis 2005 als Ministerpräsidentin in Schleswig-Holstein regierte, „wurde an den männlich kodierten Maßstäben im politischen Feld gemessen“, schreibt Beck. Die Frau mit den originellen Hüten sei in den Medien die „kompetente Politikerin“ und gleichzeitig wegen ihrer Modevorlieben „die spleenige Frau“ gewesen –  zwei Zuschreibungen, die zwar nicht mehr als gegensätzlich, aber fast unverbunden neben einander präsentiert würden.

Positive Inszenierung des weiblichen Politikstils

Mit Hannelore Kraft, seit 2010 NRW-Ministerpräsidentin, „war das weibliche Geschlecht in medialer Logik nicht mehr unvereinbar mit dem Status einer handlungsmächtigen politischen Persönlichkeit“, stellt Beck fest. Kraft werde als Bildungsaufsteigerin, „die Frau, die sich nicht traut“, aber auch „bodenständig und direkt“ dargestellt. Geschlecht erscheine hier als persönliches Merkmal – quasi als Synonym für Charaktereigenschaften wie Warmherzigkeit, Fürsorge, Empathie, Kommunikations- und Integrationsfähigkeit.

Beck resümiert, mittlerweile sei die Landesmutter dominante mediale Metapher für die Frau als mächtige Politikerin“. Frauen in der Politik würden weiterhin als „andersartig“ konstruiert, allerdings habe es eine Bedeutungsverschiebung gegeben, so Beck: „von  anders=schlechter zu anders=besser“. Mit der positiven Inszenierung des „weiblichen Politikstils“ gehe eine „leise mediale Kritik am männlichen Politik-Habitus“ einher. Gleichzeitig sei „männlich“ nämlich nicht mehr vorausgesetzte Norm, sondern werde genauso wie „weiblich“ auch explizit genannt. Die „Landesmutter“ besiegt also das „Alpha-Männchen“!

Diese Mechanismen werden auch in medialen Präsentationen von Politikerinnen anderer Parteien und auf Bundesebene wirksam, wie andere Studien belegen. So löste die „Mutter der Nation“ Angela Merkel 2005 Basta-Kanzler Gerhard Schröder ab. Ihr werde Mütterlichkeit zugeschrieben, obwohl sie „mit privat-emotionalisierenden Äußerungen äußerst sparsam umgeht“, konstatieren die Genderforscherinnen Margreth Lünenborg und Tanja Maier 2012 in „Ungleich mächtig“ , einer Analyse über Spitzenfrauen in dem Medien. Bei Merkel bezeichne die Mutter-Metapher „ihren Führungsstil“, der nicht durch Machtrituale, sondern Arbeit hinter den Kulissen geprägt sei. Die Zeit thematisierte diesen 2016 folgendermaßen: Merkels Beraterkreis bestehe „zu einem guten Anteil aus Frauen und aus ‚minimalinvasiven Männern’“, die sich „dem im Kanzleramt vorherrschenden weiblichen Stil anpassen“, der so aussieht: „konkurrenzarm, no bullshit, kein Lemmingrennen darum, wer sich am meisten aufreibt und nachts möglichst viele Selbstzweckmails raushaut.“

Privates und Politisches wird harmonisiert

Das neue Medienbild von Politikerinnen ist nach Beck auch dadurch gekennzeichnet, dass öffentliche und private Sphäre sich ergänzen. Mit dem vermeintlichen Widerspruch zwischen den Anforderungen beider Sphären – weiblich und zugleich politisch kompetent zu sein – waren Spitzenpolitikerinnen als Ausnahmefrauen noch konfrontiert. Nun aber löse sich dieses Dilemma auf, wenn Politikerinnen Privatleben und öffentliches Auftreten harmonisieren. Gebe es eine Kluft zwischen beidem, werde ihre Glaubwürdigkeit, Kompetenz und Handlungsmacht in Frage gestellt.

Diese Synchronisation von Vorder- und Hinterbühne wird in Zeiten der Mediendemokratie allerdings auch von Männern in der Politik erwartet. So hatte der Sozialwissenschaftler Andreas Heilmann 2011 in einer Studie über vier homosexuelle Spitzenpolitiker festgestellt, dass ihre öffentlichen Outings als „Ausweis von Authentizität und Glaubwürdigkeit“ erschienen. Am Beispiel von Volker Beck, Klaus Wowereit, Ole von Beust und Guido Westerwelle zeigt er, dass mit dem neuen Bild vom „weltoffenen Staatsmann“ allerdings nur eine prekäre „Normalität auf Bewährung“ entsteht.

Doch auch die Normalisierung der Medienbilder von Politikerinnen scheint prekär zu sein, denn sie genießen eine „bedingte Anerkennung“, wie in der Studie „Ungleich mächtig“ festgestellt wurde. Immer noch existieren neben Bildern wie von der bodenständigen Kümmerin aus dem Ruhrpott, das von Hannelore Kraft gezeichnet wird, weiterhin sexualisierende Klischees – etwa im Fall von Familienministerin Manuela Schwesig, die jüngst als „Küsten-Barbie“ diskriminiert wurde. Und die Bildzeitung fragt 2017 wieder nach dem Sex-Appeal von Politikerinnen!

Auch Beck ist skeptisch, dass der Wandel in den Medienbildern nur „rhetorische Modernisierungen“ sind, die „Geschlechterungleichheiten im politischen Feld verschleiern und den Diskurs über Strategien zur Veränderung erschweren können“. Das muss nicht sein, wenn die Gleichstellung der Geschlechter in Politik und Medien auf der Agenda bleibt – nicht nur alljährlich zum Frauentag!

 

nach oben

weiterlesen

Journalismus jenseits von Profit

Liegt die Zukunft des Journalismus jenseits von Profit? Noch ist spendenfinanzierter Journalismus in Deutschland die Ausnahme. Ein wesentlicher Grund: Bislang fehlen dafür die gesetzlichen Grundlagen. Nicht nur Aktivisten wollen, dass sich das ändert. Lässt sich die Politik im Bundestagswahlkampf dahin bewegen? Diese und andere Fragen stellten wir Oliver Moldenhauer, einem der Vorsitzenden des Forums Gemeinnütziger Journalismus, das Non-Profit-Organisationen im Medienbereich vereint.
mehr »

Mehr Sichtbarkeit für Frauen beim SWR

Der Südwestrundfunk (SWR) will den Frauenanteil in Radio, Fernsehen und Internet erhöhen und Frauen in allen Programmen sichtbarer machen. Daher stellt sich der Sender als erste Landesrundfunkanstalt der ARD der sogenannten 50:50-Challenge. Nach dem Vorbild der britischen BBC sollen alle Redaktionen ein Jahr lang freiwillig auf ein möglichst ausgeglichenes Geschlechterverhältnis in ihrem Programm achten. Das Mitmachen in den Redaktionen ist freiwillig.
mehr »

Sie haben Post! – Ein neuer Newsletter

Altbacken, langweilig und viel zu viele: Newsletter galten lange Zeit als überholt. Doch das hat sich geändert. Aus den USA kommt der Trend, dass auch einzelne Journalistinnen und Journalisten ihre Inhalte im Abo direkt an ihre zahlende Leserschaft ausschließlich mailen. Sie stehen weder im Netz noch in gedruckten Medien. Wer Insider-Infos für zahlungsbereite Kundschaft liefert, kann damit sogar Geld verdienen. Einfach ist das allerdings nicht.
mehr »

RBB-Freie: „Ohne uns wird‘s langweilig“

Am Tag der Arbeit demonstrierten mehr als 300 freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Berliner Masurenallee vor dem Sendezentrum des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB). Denn sie wollen ihre Arbeit behalten, sie wollen Bestandsschutz, faire Honorare und Respekt für ihren qualifizierten Beitrag zum Programm der Zwei-Länder-Anstalt, die mal wieder den Rotstift ansetzt. Ganze Sendeformate sollen wegfallen. 75 Freien der Sendung „ZiBB“ wurde bereits das Ende ihrer Mitarbeit angekündigt.
mehr »