LiMA-Sommerakademie: #Gendermania

Jenny Renner vom Vorstand des Lesben- und Schwulenverband Deutschlands (LSVD) auf der LiMA-Podiumsdiskussion „Tagesschau mal queer?!“
Foto: Susanne Götze

Ferienzeit, Sommerhitze, Bade- und Biergartenwetter – und dennoch hat die LiMA-Sommerakademie „#Gendermania“  vom 25. bis 27. August 2016 im Seminargebäude der Humboldt-Universität am Hegelplatz rund 150 Teilnehmer verzeichnen können. Neben den üblichen Basiskursen der LiMA-Veranstaltungen zu Schreiben, Filmen, Veröffentlichen und Projektmanagement standen bei dieser LiMA Workshops wie „Geschlechtersensibles Schreiben“, „Diskriminierungssensibles Schreiben“, „Gequeerte Portraitfotografie“, „Feminismus in alternativer Berichterstattung“ oder „Trans*Repräsentation in den Medien“ im Programm.

„Nachdenken über alternative Medien: Da gehört für uns das Geschlechterthema, die Geschlechteridentität dazu“, erklärte Jörg Staude, Geschäftsführer des gemeinnützigen Bildungsvereins „Linke Medienakademie“  mit Sitz am Franz-Mehring-Platz in Berlin. Das Thema solle auch in den künftigen LiMA-Veranstaltungen Beachtung finden. Planung und Kontaktaufbau zu den Dozenten seien nicht einfach gewesen, da neue Ansprechpartner_innen „aus der Szene“ gefunden werden mussten, berichten die Organisatorinnen Susanne Götze und Daniela Schmidtke. Zur richtigen Herangehensweise an dieses für die LiMA-Veranstaltungen neue Thema habe man sich Expertenrat geholt, so zum Beispiel von der Geschlechterforschung an der Humboldt-Uni selbst. Es sei die Absicht gewesen, die Perspektiven des Gender-Themas möglichst in all seinen vielen Facetten abzubilden. Ein bisschen zu kurz gekommen sei dabei noch die Betrachtung der „Männerrollen“.

Die Podiumsdiskussion am Samstagvormittag galt den Nachrichtensendungen. Unter dem Titel „Tagesschau mal queer?!“ ging es um Gender-Vielfalt in den Medien. Dazu berichtete zunächst Jenny Renner vom Vorstand des Lesben- und Schwulenverband Deutschlands (LSVD) in Thüringen über ihre kürzlich begonnene Arbeit im Fernsehrat des ZDF. Sie ist dort die erste Vertreterin für die LSBTTIQ, die lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell, transgender, intersexuell und queer lebenden Menschen. Die LiMA hat sich in ihrem Programm für diese Abkürzung entschieden, es gibt auch noch andere wie LSBTI. Renner selbst benutzte in ihrem der Podiumsdiskussion bei der LiMA vorangehenden Interview die Abkürzung „LSBT*IQA“ (Lesbian, Gay, Bisexual, Trans, Intersex and Queer/Questioning & Allies).

Wie Renner betonte, ist sie zwar die erste Vertreterin der Szene im ZDF, doch in ARD-Sendern wie Radio Bremen, Saarländischer Rundfunk und bald auch im WDR hat sie bereits Kolleg_innen. Da verschiedene Bundesländer im ZDF-Fernsehrat verschiedene Gruppen berücksichtigen können, hat es im Thüringer Parlament eine starke Lobbyarbeit des LSVD für diese Benennung gegeben. Vorgeschlagen wurde Renner dann sogar von CDU und Linken gemeinsam.

Ihre Ziele im Fernsehrat und seinen Ausschüssen sind die Repräsentation der „Community“, die sich dafür aber zu ihrer Selbstsdarstellung äußern und einigen müsse, die Erhöhung der Sichtbarkeit alternativer Lebensweisen im Programm und die Sensibilisierung für die angemessene Sprache und Bildersprache in der Berichterstattung. Langfristig sei das Ziel, dass diese Sensibilisierung auch ohne offizielle Vertreter in den Sendern wirke. Dafür müsse sie als „Community“-Vertreterin in Allianzen mit anderen Gruppen im Fernsehrat Einfluss erarbeiten.

Wie die Tagesschau denn queer aussehen könne, fragte Moderatorin Nadja Bungard zu Beginn der Diskussion. „Die Frage habe ich mir so noch nie gestellt“, antwortete Alfonso Pantisano, Dozent bei dieser LiMA und Mitorganisator der Kampagne „Enough is Enough – Stop Homophobia“. Ihn interessiere nicht, ob ein Nachrichtensprecher homosexuell sei, sondern wie über Homosexuelle berichtet wird. Als Beispiel nannte er die Veranstaltungen zum Christopher Street Day (CSD), die zumeist mit der Vokabel „schrill“ belegt würden, wo Muskeln und Kostüme den Platz in den Berichten einnähmen, der eigentlich den politischen und gesellschaftlichen Anliegen der Szene gelten sollte. Als Anregung für die Redaktionen nannte Pantisano den „Waldschlösschen-Appell“ gegen die Verharmlosung homosexualitätsfeindlicher Diffamierungen“.

Für mehr feministische Perspektiven in den Medien sprachen sich Inga Höltmann von den Digital Media Women, Hengameh Yaghoobifarah (Missy Magazin) und Magda Albrecht (Mädchenmannschaft) aus. Albrecht zeigte sich zudem als „Aktivist-In“ gegen die Dickendiskriminierung in den Medien und riet allen, die langfristig wirklich was verändern wollen, eine Laufbahn in den Personalabteilungen anzustreben. Yaghoobifarah meinte, dass rassistische Äußerungen „aus der Mottenkiste“ seit Pegida in den Medien wieder „präsenter“ und „salonfähiger“ geworden seien, etwa die Nichtbeachtung des Pressekodex zur Täterherkunft in der Berichterstattung. „Mehr Diversity in den Medienhäusern“, verlangte Höltmann zum Abschluss: Der Wille zu Veränderung sei im Prinzip da, in den sehr homogenen Redaktionen aber viele Blickwinkel nicht vertreten.

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Zwischen Abendprogramm und Algorithmus

Die aktuelle ARD/ZDF-Medienstudie zeigt eine Mediennutzung ohne Wachstum. Ältere bleiben beim linearen TV-Programm, Jüngere wechseln zu digitalen Plattformen und KI-Tools. Für Sender und Redaktionen verschärft sich damit ein zeitlicher Wettbewerb, den Reichweitenzahlen allein nicht mehr abbilden.
mehr »

Mentale Belastungen im Journalismus

Immer mehr Journalist*innen fühlen sich in ihrem Beruf unwohl. Der Druck ist in den vergangenen Jahren enorm gestiegen. Zum einen werden Menschen, die journalistisch tätig sind, über Hasspostings in den sozialen Medien angefeindet. Zum anderen steigt der interne Druck durch Arbeitsverdichtung und Vorgesetzte. Mit Helpline bietet „Netzwerk Recherche“ seit einigen Jahren ein telefonisches Gesprächsangebot – anonym, vertraulich und kostenlos.
mehr »

Der WDR halbiert sich selbst

Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) hat heute weitreichende Pläne zur Verknappung des Programmangebots, Stellenstreichungen und Beschäftigungsabbau für freie Mitarbeiter*innen bekanntgegeben. Dies betrifft zunächst 76 noch nicht genannte Programmangebote und bis 2030 eine Halbierung der bisher 600 Programmformate. ver.di kritisiert die massiven Einschnitte.
mehr »

VG-Wort: Die fetten Jahre sind vorbei

In diesen Tagen bekommen Urheber*innen wieder Post der VG Wort: die Mitteilungen über die zweite jährliche Ausschüttung, der so genannte Mitteilungsbrief. Für Journalist*innen bedeutet das hauptsächlich die Tantiemen für im Internet veröffentlichte Texte, die sogenannte METIS-Ausschüttung.
mehr »