Medienkritiker in der Kritik

Ombudsleute auf dem Herbstforum der „Initiative Qualität“

Qualität durch Kritik hatte das sechste Herbstforum der „Initiative Qualität im Journalismus“ im Funkhaus Berlin des Deutschlandradios im Blick: Medienjournalismus, Ombudsleute und sorgfältig ausgewählte Social Media können zu mehr Transparenz beitragen, wenn sie die Interessenlage der Medien selbst deutlich thematisieren.


Die technischen Mittel der jungen Journalistengeneration mögen für manche älteren Kolleginnen und Kollegen ungewohnt sein, doch die Vorstellung von gutem Journalismus unterscheidet sich nicht: Ob Flash-Animation, 360-Grad-Rundschau, Audio-Slide und O-Töne oder elektronische Tablet-Presse: „Letztlich wollen wir doch alle das Gleiche, nämlich gute Geschichten erzählen“, fasste die 22jährige Jungredakteurin von der Reportage-Redaktion der Welt-Gruppe, Céline Lauer, ihren Ausflug in die Moderne der Multimediawelt zusammen. „Guter Journalismus wird immer gefragt sein“, zeigte sie sich überzeugt, auch wenn die großen Leitmedien durch, oft journalistische, Blogger einen Teil ihrer Deutungshoheit verloren hätten.
Als ergänzenden Quellenpool stellte Silke Mülherr, Volontärin an der Axel-Springer-Akademie, ihre Beschäftigung mit Social Media vor. Dabei betonte sie, dass der Aufbau tragfähiger Kontakte für vertrauenswürdige Berichte zum Beispiel über den Arabischen Frühling zeitintensive Beobachtung der Blogs und Chats sowie eine umfangreiche Überprüfung aller dort gemachten Behauptungen voraussetze. Dann könne die Auswertung von Facebook, Twitter, Youtube, Vimeo, Flickr und anderen Netzwerken zu schnelleren Meldungen und breiteren Themenspektren führen, den Korrespondenten aber nicht ersetzen.
Verschiedene Blickrichtungen stießen in der Diskussion „Krähen oder Nestbeschmutzer: Medienkritiker in der Kritik“ aufeinander: Während Ulrike Simon (Berliner Zeitung/Frankfurter Rundschau) und Sissi Pitzer vom Bayerischen Rundfunk ihre Medienberichte für den „normalen“ Leser oder Hörer konzipieren, wendet sich Daniel Fiene vom Blog „Was mit Medien“ an besonders Medieninteressierte, Dieter Anschlag von der Funkkorrespondenz und Diemut Roether von epd Medien schreiben für ein Fachpublikum aus Kolleginnen und Kollegen. „Wir haben ein sado-masochistisches Geschäftsmodell: Wir kritisieren die Leute, die uns lesen und abonnieren sollen“, erläuterte Roether die Situation der beiden kirchlich getragenen Publikationen.
Als „Erklärer und Kontrolleure“ sowie „Beitrag zur eigenen Hygiene“ schilderte Simon die Aufgaben der Medienseiten in Zeitungen – die sich allerdings am liebsten mit der wirtschaftlichen oder journalistischen Hygiene bei der Konkurrenz beschäftigen, was laut Tobias Eberwein vom Erich-Brost-Institut in der Forschung dokumentiert ist. Auch daher sei die Stellung des NDR-Medienmagazins „Zapp“ „ARD-intern sicher sehr heikel“, sagte Roether, die Berichte der Verlage über Rundfunkgebühren, angebliche Selbstbedienungsmentalität und die umstrittene Tagesschau-App als oft „aufbauschend und unfair“ bezeichnete. Von der Vehemenz dieser Diskussion hatte sich auch Intendant Willi Steul in seinem Grußwort überrascht gezeigt.
Mehr Transparenz in der Berichterstattung über die wirtschaftlichen Interessen des eigenen Mediums forderte der Blogger Fiene. „Mannesstolz vor Königsthronen“. Weniger Promiberichte und mehr Hintergrund wurde im Publikum gefordert. Oder aber das deutliche Eingeständnis, dass es in Verlagen Tabuthemen wie Honorare, im Rundfunk wie Gebühren gebe. Stattdessen formulierte Ulrike Simon etwas diffus den Wunsch nach „Haltung, aber auch Zurückhaltung, wenn es ums eigene Haus geht, und Draufhalten, wo notwendig“ für den Medienjournalismus.
Täglich erhält Kerstin Dolde Anrufe von Lesern, berichtete die Redakteurin und Ombudsfrau der Frankenpost in Hof, „bei Vollmond mehr“, und gab so zum Auftakt der Diskussion um den „Qualitätsfaktor Ombudsleute“ dezent zu verstehen, dass die Arbeit der Ombudsleute keine rein rationale Aufgabe ist, sondern Diplomatie und Einfühlungsvermögen gegenüber Beschwerdeführern wie Redaktion erfordert. Auf der Internetseite der Ombudsfrau geht es anonym auch deftig zu.
Die regelmäßige Zeitungskolumne in der Main-Post sei nur die Spitze des Eisbergs der Arbeit des Ombudsmanns, betonte Anton Sahlender, auch stellvertretender Chefredakteur seiner Zeitung. Gespräche mit den Leserkritikern, Briefe und E-Mails, Diskussionen mit den externen Blattkritikern in Social Networks bedeuten keinen geringen Zeitaufwand. Die daraus abgeleiteten Regeln für das eigene Haus haben laut Dolde und Sahlender durchaus journalistischen Wert, denn, wie der niederländische Ombudsleute-Forscher Huub Evers bestätigte, haben Pressehäuser mit Ombudsfunktion weniger Beschwerden beim Presserat und weniger Rechtsklagen. Das verlange aber, dass Ombudsleute intern geachtet, unabhängig und langfristig wirken können, auch wenn sie angestellte Redakteure sind.
Eine sinkende Beschwerdezahl hat der externe Ombudsmann der Braunschweiger Zeitung, der pensionierte Generalstaatsanwalt Heinrich Kintzi, seit seinem Amtsantritt ebenfalls beobachtet. „Der Zug der Zeit fährt Richtung Ombudsmann. Der mündige Leser ist nicht nur passiver Abonnent“, fasste Kintzi zusammen. Christian Höppner vom Deutschen Musikrat, der als Vorsitzender des RTL-Programmbeirats in der Runde saß, zeigte sich beeindruckt: „Ombudsleute sollten sich zusammenschließen, sie sind unverzichtbar für die Redaktionen in der Medienflut“, woraufhin Diskussionsleiter Werner Lauff das Panel sehr effektiv zur Gründungssitzung einer Arbeitsgemeinschaft der Ombudsleute in deutschen Medien ummoderierte.
Auf eine wachsende Zahl von Ombudsleuten hoffte als Resümee die Sprecherin von IQ, Ulrike Kaiser, die einräumte, dass manchen die Diskussion um Qualität im Journalismus schon zu weit ausufere. „Es kann aber gar nicht genug darüber geredet werden, wenn es denn nicht beim Reden bleibt.“

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