Ohne Quote gibt es keinen Kulturwandel

Etwa 160 Teilnehmer*innen, zumeist Frauen, trafen sich am 28. Januar in Berlin zum Quotenkongress 2020 #ShareYourPower, den ProQuote Film federführend für alle drei Initiativen für Geschlechtergerechtigkeit in der Medien- und Kulturbranche veranstaltete.
Foto: Helma Nehrlich

Geballte weibliche Kompetenz und einige wenige Männer trafen sich am 28. Januar in Berlin zum Quotenkongress 2020 #ShareYourPower, den Pro Quote Film federführend für alle drei Initiativen für Geschlechtergerechtigkeit in der Medien- und Kulturbranche veranstaltete. Ohne Quote kein Kulturwandel, hieß es. Aktuelle Zahlen belegen, dass bis zu einer hälftigen Beteiligung von Frauen noch viel zu tun bleibt.

Barbara Rohm aus dem Vorstand von Pro Quote Film sah das Ringen um eine ausgeglichene Geschlechterverteilung in der Medienbranche als „Arbeitskampf, der mit einem Kulturwandel Hand in Hand“ geht. Dem Ziel haben sich mittlerweile drei Initiativen in der Kultur- und Medienbranche verschrieben: Pro Quote Medien, Pro Quote Film und Pro Quote Bühne. Das übliche „Totschlagargument“, dass Personalbesetzung und Auftragsvergabe nach Qualität entschieden werden solle statt nach Quote, habe sich als unhaltbar erwiesen. Erst recht, seit die Initiativen Studien zur Geschlechterverteilung beauftragt und Zahlenmaterial vorlegt hätten. Inzwischen gebe es die Frauenquote für Aufsichtsräte börsennotierter Unternehmen, die belege, dass es funktioniert. „Quote ist blind gegen Vorurteile und Stereotype“, meinte Rohm. Doch noch immer gebe es den verzerrten Wettbewerb, in dem Frauen bestenfalls bestehenden Normen angepasst werden sollen. Tatsächlich müssten sich aber „nicht die Frauen ändern, sondern die Spielregeln“. Die Basis für grundlegende Veränderungen sei geschaffen worden: „Wir sind da, wir sind viele, wir können den Unterschied machen“. Solidarität sei gefordert: „Bildet Banden!“

Sonst bewegt sich nichts

Daniela Behrens, Leiterin der Gleichstellungsabteilung im Bundesfamilienministerium, sicherte den ProQuote-Initiativen auch künftig finanzielle Förderungen zu. Dass die paritätische Beteiligung von Frauen in das Filmfördergesetz aufgenommen worden sei, sei ein Schritt nach vorn. Wie nötig er sei, zeige die Tatsache, dass die 49,8 Millionen Euro, die zuletzt im Rahmen der Filmförderung ausgereicht wurden, nur zu 17,7 Prozent Filme erreichten, die von Frauen inszeniert wurden. „Nur Penetranz schafft Akzeptanz“, meinte Behrens. „Da, wo es keine Quote gibt, bewegt sich nichts“. Die Kampagne für Frauen in Führungspositionen müsse fortgeführt werden.

„Zählen zählt!“, bekräftigte Prof. Elizabeth Prommer, Leiterin des Instituts für Medienforschung an der Universität Rostock. Unter ihrer Federführung haben bereits Projekte wie Frauen zählen zur Sichtbarkeit von Frauen im Kultur- und Literaturbetrieb „Zahlen statt Bauchgefühl“ geliefert. Zu den Daten, die die Medienwissenschaftlerin aktuell anführte, gehören unter anderem: 78 Prozent der Intendant*innen in deutschen Staatstheatern seien Männer, 70 Prozent der Inszenierungen dort würden von Männern gemacht, die Stücke, die auf die Bühnen kommen, stammten zu drei Vierteln von Männern.  Obwohl in den deutschen Profiorchestern zu fast 40 Prozent Musikerinnen an den Pulten säßen, seien von 130 Dirigenten nur fünf weiblich. Die Regie bei TV-Produktionen bei ARD und ZDF sei 2013 zu elf Prozent von Frauen übernommen worden. Bis 2016 sei dieser Anteil auf 19,3 Prozent gestiegen. Bei allein verantwortlichen Produzentinnen sei er von 8 Prozent 2009 auf 17 Prozent 2018 angewachsen. „Wenn wir in diesem Tempo weiter vorankommen, brauchen wir bis 2032, bis Parität erreicht ist“, erklärte Prommer und forderte ebenfalls zu verstärktem Netzwerken auf.

Die Zeit war reif

Elke Ferner, Parlamentarische Staatssekretärin a.D., bescheinigte den Quoten-Initiativen eine „tolle Entwicklung in den letzten fünf Jahren“. Veränderungen müssten letztlich aber immer „über Gesetze kommen, das geht gar nicht anders“. Die SPD-Frau ermutigte, verstärkt Einflussmöglichkeiten auf die Politik zu nutzen. Widerstände seien einzukalkulieren: „Für Privilegierte bedeutet Gleichbehandlung schließlich immer Benachteiligung“.

„Die Zeit war reif für Pro Quote Medien“, erläuterte Vorstandsfrau Sarah Khan-Heiser zur Historie der erstgegründeten Initiative. Gegen die „absolut unprofessionelle Personalpolitik“ und männliche Machtstrukturen in großen Verlagshäusern habe sich im Sommer 2011 eine Gruppe Journalistinnen vorrangig von „Spiegel“ und „Zeit“ zusammengefunden. An die Öffentlichkeit – „faktenbasiert und ironisch“ – sei man ein Jahr später gegangen, nachdem die zu 80 Prozent mit Männern besetzte Jury des Henri-Nannen-Preises es fertiggebracht hatte, sämtlich 30 Ehrungen an Männer zu vergeben. Das Ziel von 50 Prozent Frauen in Führungspositionen deutscher Redaktionen sei leider noch fern, doch „das Personal dafür längst vorhanden“. Dass Medienfrauen sich zu „Scheinriesinnen“ machten, könne ihnen längst nicht mehr vorgeworfen werden. Hingegen alarmiere der Ist-Zustand noch immer: Bei den Regionalzeitungen stünden gegenwärtig 100 Chefredakteuren ganz acht Chefredakteurinnen gegenüber. 83 Prozent aller Stellvertreterposten seien ebenfalls mit Männern besetzt. Auch 75 Prozent aller 149 erfassten Radioprogramme würden von Männern geleitet. Die Führungsriegen in den Online-Redaktionen deutscher Leitmedien sähen besser, längst aber nicht befriedigend aus: Mit 40,7 Prozent Frauen bilde stern.de den Leuchtturm, gefolgt von zeit.de mit 37,7 Prozent. Spiegel.de erreiche mit 31,5 Prozent schon kein Drittel mehr, faz.net bilde das Schlusslicht mit lediglich 16,1 Prozent Frauen in Führungspositionen. Pro Quote Medien hat im Herbst 2019 den zweiten Teil einer Studie zur Geschlechterverteilung in journalistischen Führungspositionen vorgelegt. Danach sei das Ziel des Vereins, sich „so schnell wie möglich auflösen zu können“ eher in die Ferne gerückt, so Khan-Heiser.

Neuer „Frauenmachtanteil“

 Auch der Prozess der ZDF-Journalistin Birte Meier, die um eine ihren männlichen Kollegen vergleichbare, höhere Vergütung klagt, belege die Notwendigkeit weiteren Engagements: „Das Verfahren geht weiter“. Die Vereinsarbeit habe sich „sehr stark politisiert“. Vereinskollegin Nataly Bleuel berichtete von gut besuchten thematischen Fachtagungen seit 2018. Gerade überarbeite man die Kriterien für die Berechnung des „Frauenmachtanteils“ in den Medien und wolle den Blick künftig mehr von den Metropolen in die Fläche richten. Bei Regionalzeitungen und in kleinen Sendern hätten Frauen ein viel größeres Problem, wahrgenommen zu werden. Auch Nachwuchs werde verstärkt gesucht, Kooperationen sollen ausgeweitet werden.

Um „Geld und Inhalte“ sei es gegangen, erinnerte Mitgründerin Barbara Teufel, als ursprünglich zwölf Regisseurinnen 2014 Pro Quote Regie gründeten, die über fünf Jahre gestaffelte Einführung einer Quote forderten sowie eine wissenschaftliche Studie auf den Weg bringen wollten. Zwischen dem ersten Berlinale-Auftritt der Initiatorinnen, dem Runden Tisch bei Staatsministerin Monika Grütters, der Unterzeichnung der Berliner Erklärung zur Gleichstellungspolitik sowie dem Engagement in der #MeToo-Debatte samt Gründung der Vertrauensstelle Themis liege ein Entwicklungsweg, der auch gezeigt habe: Alle Bereiche der Filmbranche sind betroffen. Die Erweiterung der Initiative auf Pro Quote Film 2018 beziehe nun neun Gewerke ein. Als „neue Mammutaufgabe“ bezeichnete die Vorstandsfrau das verstärkte Repräsentieren von Minderheiten und die Förderung von Diversität.

In zehn verschiedenen Workshops verständigten sich die Teilnehmerinnen des Quotenkongresses über Themen wie Gender Bias als Herausforderung, fragten, wie gute Lobbyarbeit funktioniert oder wie Widerstände gegen Gleichstellung überwunden werden können. Tatjana Turanskyi vom Vorstand Pro Quote Film ermutigte abschließend die 160 Teilnehmer*innen mit der Überzeugung, dass eine Frauenquote künstlerische Freiheit nicht gefährdet, sondern ermöglicht und dass sich Qualität durch Quoten sogar steigern lasse.

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