Querschnitt statt Lähmung

Modernisierter Medienjournalismus ist zukunftsträchtig

Es ist schon seltsam: In Deutschlands gibt’s immer mehr Medien – aber immer weniger Medienjournalismus.

Die Zahl der TV-Sender übersteigt bald die 200er Grenze – nicht nur Spartensender wie Wein TV oder Gastro TV stillen Durst und Hunger neuer Plattformen nach interessantem „Content“. Das deutsche Radio ergreift nach Fehlversuchen nun in den nächsten zwei Jahren seine letzte Chance, sich zu digitalisieren, statt als analoge Insel unterzugehen. Schon jetzt sind neue Sender wie 90elf (multimedialer Fußball bundesweit) der Vorreiter für Dutzende, wenn nicht gar hunderte neue Wellen für jeden erdenklichen Geschmack. Zeitungen und Zeitschriften machen aus ihren textzentrierten Online-Auftritten multimediale Portale und aus neuen, oft amateurhaften Web-Angeboten entstehen professionell-journalistische Medien der Generation 2.0.

Mehr Aufklärung gebraucht

Zu den klassischen Rundfunkverbreitungsnetzen wie Kabel, Satellit und Antenne kommen noch neue hinzu – etwa Breitband-Internet und Mobilfunk. Dort tummeln sich dann auch die traditionellen Kiosk-Blätter, etwa in Form von Handy-Zeitungen. Alle brauchen und bieten neue Inhalte, so lässt beispielsweise die boomende Community StudiVZ gerade eine Web-Soap produzieren – bei der UFA, einem der größten audiovisuellen Produzenten Deutschlands. So verschmelzen Individual- und Massenkommunikation zu teils ganz neuen Mischformen. Und jedes etablierte Netz umwirbt die Kunden inzwischen mit „Triple Play“, also Rundfunk, Internet und Telefonie aus einer Hand. Für die hybriden Netze produziert die Industrie konvergente Geräte: Musik- und TV-Handys waren nur die Vorboten, Dunstabzugshauben mit Radioempfang und Kühlschränke oder Herde mit Display und Internetanbindung sind nicht nur Gags zur IFA 2008.

Doch wie reagiert der Journalismus darauf – egal ob in Radio, TV, Print und Online-Medien? Er baut Ressourcen ab, wo Zuschauer, Hörer, Leser und User eher mehr Auf- und Erklärung brauchen. Da verkommen Medien- zu Fernsehseiten – reine Beschreibung von Oberfläche, kaum Hintergründe, allenfalls „Skandale“ oder Hypes. Vermischtes und das Leute-Ressort breiten dankbar den Klatsch von Film- und TV-Sternchen aus. Spektakuläre Werbe- und PR-Aktionen schaffen’s auf die Lokalseiten – endlich mal was los. Tapfer wehrt sich das Politik-Ressort, Rundfunkstaatsverträge als hochpolitisch zu begreifen und über ihre Folgen (etwa Gebührenerhöhung) zu berichten. Unabhängigen Beratungsservice für neue Geräte und Dienste sucht man auf Wirtschaftsseiten oft vergeblich – althergebrachte Firmenberichte und Börsennews dominieren. Zur Not richtet‘s eben ein externer Dienstleister mit bunten Beilagen, wo keiner genau weiß, welche Firma wofür bezahlt hat, oder der Verlag kaschiert Werbung/PR als „Sonderveröffentlichung“.

Zugegeben: Das Bild ist bewusst düster gezeichnet – Ausnahmen in der überregionalen Presse mit profilierten Medienseiten (u.a. Süddeutsche Zeitung, Spiegel), wenige Medienmagazine in Radio und TV (Zapp, einige ARD-Wellen und Deutschlandradio) sowie neue Online-Angebote (bildblog, dwdl) bestätigen aber nur die Regel. Und die Fachdienste – traditionelle wie epd medien und neue wie turi2 – erreichen nicht die normalen Medienkonsumenten. Vereinzelte Schwalben machen eben noch keinen Sommer. Erst recht nicht, wenn der „Winter“ durch wegbrechende Werbeeinnahmen und überhöhte Renditeerwartungen zurückkehrt und zu neuen Sparrunden bei den klassischen Medien einlädt …

Die stehen jetzt am Scheideweg: Entweder sich gesund, oder aber krank zu sparen. Bei Letzterem fällt redaktions- und senderintern zuerst zum Opfer, was quer zum Gewohnten liegt: etwa ein Medienressort und sein Personal. Was die Berliner Zeitung plant, hat die Welt/Mopo-Gruppe schon vollzogen und selbst ambitionierte Online-Magazine wie Telepolis vom Heise-Verlag sind in ihrem Medienteil zur bloßen YouTube-Schau verkommen. Dabei könnten sie – ordentlich ausgestattete Medienressorts wie befähigte Medienjournalisten – eigentlich die Vorreiter für einen Aufbruch bei den „alten“ Medien sein: weg vom klassischen Ressortgrenzen-Journalismus à la Politik, Wirtschaft, Sport und Feuilleton hin zu ressortübergreifend-neuer, erklärend-hintergründiger sowie nutzerfreundlich-alltagsorientierter Berichterstattung!

Nahe an den Zielgruppen

Denn: Guter Medienjournalismus ist kulturell, wirtschaftlich, politisch und zugleich lokal/regional. Er spart Personen nicht aus, informiert umfassend, benennt mediale Fehlleistungen, schaut hinter die Kulissen und erzählt Geschichten von und über Medien und Kommunikation in der ganzen thematischen Breite. Die beschränkt sich eben nicht nur auf „Bild, Bunte und Glotze“, wie ein Alt-Kanzler meinte, also Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehen. Dazu gehören auch die Arbeit der Film- und Fernsehproduzenten (jenseits geschmäcklerisch-feuilletonistischer Produkt-Rezensionen), das Agieren von Werbe- und PR- wie auch Nachrichten-, Foto- und Rundfunkagenturen (oft im Verborgenen) sowie die Neuheiten aus der Handy-, Online-, Musik- und Games-Welt (meist innovativ). Nicht zu vergessen: Was die Politik in Form von Kommunikationsgesetzen und Medienverträgen verzapft, gehört kritisch hinterfragt.

Statt Medienressorts abzuschaffen, sollten ganz neue Medien-Kommunikations-Lifestyle-Ressorts entstehen! Besetzt mit kompetenten Vielfach-Experten, die sich auch noch verständlich ausdrücken können, vernetzt denken und multimedial arbeiten – immer nahe an den Zielgruppen! Deren so wachsende Medienkompetenz fließt wieder in die Berichterstattung ein. Natürlich bedarf es auch entsprechender Plätze in Form von Sendezeiten, Seiten und Rubriken off- wie online und passender Budgets. Hier zu knapsen, heißt, exakt an der falschen Stelle zu sparen! Zukunft haben die klassischen Medien nur mit neuen Querschnitt-Teams – sonst droht redaktionelle Querschnittslähmung. Nicht nur bei der Medien-Berichterstattung!

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