Recherchenetz für Lokaljournalismus

CORRECTIV.Lokal-Projektleiter Justus von Daniels im Gespräch mit Rachel Oldroyd (Bureau Local), Stephanie Reuter (Rudolf-Augstein-Stiftung) und Correkt!v-Geschäftsführer David Schraven (v.l.n.r.)
Foto: Ivo Mayr/Correct!v

Wie hoch sind die Mieten? Wie verbreitet ist häusliche Gewalt? Lokale Themen von bundesweiter Bedeutung mit Menschen vor Ort recherchieren und den gesellschaftlichen Diskurs anstoßen – das hat sich CORRECTIV.Lokal vorgenommen. Das jüngste Projekt des Recherchezentrums Correct!v sucht zur Zeit Mitstreiter_innen für das Netzwerk, das den Lokaljournalismus investigativer und qualitätvoller machen soll. Erstes Thema ist der Wohnungsmarkt: „Wem gehört die Stadt?“

„Wir sind davon überzeugt, dass Lokaljournalismus wichtig für das Vertrauen der Bürger in die Medien ist und eine entscheidende Bedeutung für die Wächterfunktion der Presse vor Ort hat. Daher wollen wir investigativen Journalismus im Lokalen durch gemeinsame Recherchen stärken“, so Projektleiter Justus von Daniels. Wie das funktionieren soll, erläuterte er während der Vorstellung von CORRECTIV.Lokal auf dem Campfire Festival in Düsseldorf: „Wir gliedern Recherchen, erheben und analysieren Datensätze, die wir zur Verfügung stellen. Bisher waren diese Informationen für die Lokalseite nicht immer verständlich. Nun sollen Kenntnisse der Basis vor Ort die Recherche passgenauer machen. Wir wollen ein offenes Netzwerk sein für Lokaljournalisten, Blogger und Experten.“ In den nächsten Wochen sollten Interessierte eingeladen werden, um über Schwerpunkte und eine gemeinsame Veröffentlichungsstrategie zu diskutieren, denn wenn ein Missstand in 20 Zeitungen gleichzeitig thematisiert werde, erhöhe das die Aufmerksamkeit für das Problem und damit seine Relevanz – auch auf nationaler Ebene.

Das neue Projekt wird vom Bureau Local in Großbritannien unterstützt, das als Vorbild dient. Chefredakteurin Rachel Oldroyd informierte über die Arbeit des Büros, das im März 2017 gegründet wurde und mittlerweile fast 800 Netzwerkmitglieder zählt. Zum Thema „häusliche Gewalt“ recherchierten zum Beispiel 18 Mitglieder und veröffentlichten zwischen Oktober 2017 und März 2018 insgesamt 47 lokale Geschichten. Es stellte sich heraus, dass die Polizeibehörden recht unterschiedlich mit den gesetzlichen Regelungen zu häuslicher Gewalt umgingen. Es habe eine große nationale Debatte über das Problem gegeben, so Oldroyd. Parlamentsmitglieder luden Lokalpolitiker_innen nach London ein. Bureau Local sorgt für Transparenz seiner Recherchen und stellt Datenquellen, Report-Rezepte und ergänzende Dokumente online. In den „Rezepten“ wird beschrieben, wie man aus den Informationen eine Geschichte entwickeln und wie man die Fakten visualisieren kann.

Gerade im Lokalen bestehe Bedarf, Datensätze per Rezept nutzbar zu machen, um strukturelle gesellschaftliche Missstände aufdecken zu können, sagte Stephanie Reuter, die Geschäftsführerin der Rudolf-Augstein-Stiftung, die das Projekt finanziell ermöglicht. Sie lobte den innovativen Ansatz von CORRECTIV.Lokal, der durch Zusammenarbeit „die Qualität der kritischen Berichterstattung im Lokalen heben“ wolle. Gleichzeitig finanziere die Stiftung die Erstellung eines Blueprints, damit möglichst viele weitere Länder das Konzept übernehmen können, so Reuter, „denn die Bedeutung der Zusammenarbeit im journalistischen Feld wächst – global wie lokal.“

„Wir bauen gerade Regionalgruppen auf“, berichtete Correct!v-Geschäftsführer David Schraven. Diese werden sich dann etwa in Süddeutschland „persönlich, also physisch treffen“, um die Recherchen zu planen. Visualisierungen für die Beiträge liefere Correct!v „als Beigabe, da die Lokalredaktionen das selber gar nicht zusammenknüppeln können.“ Projektleiter Justus von Daniels erläuterte, die Recherche zum Hamburger Wohnungsmarkt sei Prototyp für das erste CORRECTIV.Lokal-Thema „Wem gehört die Stadt?“ Mit den Kooperationspartnern „Hamburger Abendblatt“, dem örtlichen Mieterverein und der Redaktion von „FINK.Hamburg“ trugen Journalist_innen und Bürger_innen im ebenfalls von Correct!v entwickelten CrowdNewsroom Informationen und Belege zusammen. Nach dem gleichen Muster gibt es Recherchen zu den  Immobilienmärkten in Berlin und in Düsseldorf. Die gesammelten Erfahrungen sollten dann auch auf kleine Städte übertragbar sein und dortige Lokalzeitungen ermuntern, mit weniger Aufwand in die Recherche einzusteigen.

Schraven und von Daniels konkretisierten, was die Mitarbeit für einzelne Netzwerkmitglieder bedeutet, die gemeinsam an Recherchen arbeiten, dann aber individuell veröffentlichen. Sie stimmen die Recherche jeweils mit ihren Redaktionen ab oder führen sie selbstständig durch. Die Lokalzeitungen entscheiden, wie viele Ressourcen sie für die Recherche bereitstellen und welche Schwerpunkte sie setzen. In den Report-Rezepten würden z.B. zehn Aspekte genannt, von denen man passgenau vielleicht zwei herausgreifen kann, um sie vor Ort zu recherchieren und in einer Geschichte aufzubereiten. Es gebe auch Musterformulierungen – etwa für Anfragen an die Stadtverwaltung. So könne hier abgefragt werden, ob sie Bauland selbst entwickelten oder Grundstücke (an wen?) verkaufen und wie oft sie von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch machen. Das alles gebe Aufschluss darüber, wie stark sich eine Stadt oder Kommune für bezahlbaren
Wohnraum engagiert. Zum Copyright meinte Schraven, jeder könne den Artikel für sich unter eigenem Namen verkaufen, müsse aber auch CORRECTIV.Lokal erwähnen.

Das Projekt sei auf eine langfristige und transparente Kooperation angelegt und solle dauerhaft als Teil von Correct!v etabliert werden, sagt Justus von Daniels auf Nachfrage von M. Ab 1. Oktober werde CORRECTIV.Lokal auf der Homepage vorgestellt und man sammle weiter Kontakte. Auf dem Campfire Festival seien „eine Menge Lokaljournalisten, Freie und Blogger im Publikum gewesen“, von denen sich etliche bei ihm gemeldet hätten, so Justus von Daniels.

 

 

nach oben

weiterlesen

Wenn Bildredaktionen und Kompetenz fehlen

Abseits der bekannten Medien-Institutionen existiert eine Szene von NGOs, die unterschiedliche journalistische Aspekte bearbeiten. Eine davon ist n-ost mit einem Fokus auf Cross-Border-Journalismus und Osteuropa. Ihr vorrangiges Ziel war lange Zeit, deutsche Redaktionen mit Texten und Bildern aus Osteuropa zu versorgen. Inzwischen will man Auslandsjournalismus neu denken. Felix Koltermann sprach mit Stefan Günther, dem Bildredakteur der NGO, auch über bildredaktionelle Praxis von Medien allgemein.
mehr »

Kinogeschichte(n) aus Bielefeld

Wenn es um eine „Filmstadt“ geht, denkt man an Berlin, München, Hamburg, vielleicht noch Köln. Aber Bielefeld? Jene Stadt, die Berühmtheit erlangte, weil es sie angeblich gar nicht gibt? Eine Sonderausstellung im Historischen Museum der ostwestfälischen Metropole hält nun diesbezüglich unter dem Titel „Die große Illusion“ bis zum 25. April 2021 einige Überraschungen bereit.
mehr »

Aktiengeschenk: Döpfners Steuercoup

Vor wenigen Wochen wurde bekannt, dass Springer-Erbin Friede Springer dem Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner einen großen Teil ihrer Aktien geschenkt hat. Steuern entrichten will dieser dafür aber wohl nicht. Das wäre mal eine Bild-Schlagzeile gewesen: »Springer-Chef prellt den Staat um eine halbe Milliarde«. Schöner Traum. Ist ja wohl auch alles legal. Dabei ragt der Steuercoup an der Spitze des Axel-Springer-Konzerns auch im skandalreichen Deutschland weit hervor.
mehr »

Bußgeld für politische Werbung

Die Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg (LFK) hat ein Bußgeld in Höhe von 65.000 Euro gegen den Regionalsender L-TV verhängt, weil dieser gegen Bezahlung Demonstrationen der Initiative „Querdenken 711“ beworben und übertragen hatte. Das Verfahren war bereits im August eingeleitet worden. Grundlage ist ein Verstoß gegen § 11 Abs. 1 des Landesmediengesetzes in Verbindung mit § 7 Abs. 9 des Rundfunkstaatsvertrags, wonach politische Werbung im Rundfunk unzulässig ist.
mehr »