Weibliche Allianzen für die Medienmacht

Türöffner sein: Warum wir in den Medien mehr Führungsfrauen brauchen
Foto: 123rf

Mit „Lobkartellen“ gegen frauenfeindliche Stimmung in Redaktionen anzugehen, riet Anne Fromm, Medienredakteurin der taz, als praktische Möglichkeit, sich gegen eingespielte Männer-Netzwerke zur Wehr zu setzen. Fromm war zusammen mit Edith Heitkämper, Vorsitzende des Vereins „Pro Quote Medien“,  beim zweiten digitalen Medien-Meeting der dju in ver.di als Expertin eingeladen, um über mehr Führungsfrauen in den Medien zu diskutieren.

Es bleibe „Noch viel zu tun: Warum wir mehr Führungsfrauen in den Medien brauchen“, war das Online-Treffen überschrieben, das die neue dju-Bundesgeschäftsführerin Monique Hofmann moderierte. Das Thema lockte nicht nur zahlreiche Medienfrauen, sondern auch -männer zur Diskussion.

Als der Verein „Pro Quote“ im März 2012 gegründet wurde, gaben sich die Gründerinnen noch mit der Forderung nach einem Drittel der wichtigen Posten in der Medienwelt wie den Chefredaktionen, Ressortleitungen, Intendanzen und Geschäftsführungen zufrieden. Diese Zeiten sind vorbei: Spätestens seit einer Video-Diskussion engagierter Medienfrauen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz im Sommer 2020, liegt die eindeutige Forderung nach Geschlechtergerechtigkeit in den Top-Etagen auf dem Tisch: „Wir wollen die Hälfte der Macht!“

Da Forderungen am besten mit Fakten untermauert werden, hat der Verein bisher zwei Studien herausgegeben: Zur Situation im Rundfunk 2018 und zu den Presse- und Online-Medien 2019. Außerdem überprüft „Pro Quote“ halbjährlich die Zahlen in den Führungsetagen von acht sogenannten Print-Leitmedien. Dabei lag im Juli der Stern mit 52 Prozent Frauen an wichtigen Stellen ganz oben, der Focus mit 15,2 Prozent am unteren Ende. Demnächst werde man auch die taz in diese Riege aufnehmen, erklärte Heitkämper.

Frauenquote im Redaktionsstatut

Darauf freut sich Anne Fromm von der Tageszeitung taz, denn die habe dabei kein schlechtes Echo zu fürchten. Schließlich gebe es bei der taz seit 40 Jahren schon die Frauenquote, die nach einem als sexistisch umstrittenen Text von den Frauen in der Redaktion erstreikt wurde. Die Frauenquote ist auch im Redaktionsstatut festgeschrieben. Zurzeit hat die taz zwei Chefredakteurinnen und eine paritätisch besetzte Doppelspitze in der Geschäftsführung.

Die Geschlechterparität werde inzwischen in der taz als normal empfunden, dafür sei die Quote ganz wesentlich gewesen. Das Ergebnis präge heute das Klima in dem Medienhaus, sagte Fromm. Als junge Mutter habe sie selbst erfahren, dass es ein großes Verständnis gebe für plötzliche Betreuungsprobleme bei Kindern. Als Medienredakteurin, so Fromm, höre sie aus vielen Häusern von ganz anderen Erfahrungen. Dabei sei doch inzwischen erwiesen, dass divers zusammengesetzte Teams, und damit meine sie nicht nur die Frauenquote, harmonischer und leistungsfähiger seien. Und weniger korrupt, warf Heitkämper ein.

„Gender-Pay-Gap“ bekämpfen

Der vielfach zu beobachtende „Gender Pay Gap“, ein geringeres Gehalt für Frauen, sei in der taz ebenfalls kein Thema. „Wir werden alle gleich schlecht bezahlt“, meinte Fromm ironisch. Der Aufstieg zur Ressortleitung sei in der taz weniger ein finanzieller Anreiz als einer zu mehr Verantwortung. Ob die Corona-Krise mit der Arbeit im Homeoffice und die Betreuung der Kinder im Homeschooling, die zumeist von Müttern übernommen werde, zu einem Rückschlag bei der weiblichen Eroberung von Führungspositionen führe, könne noch nicht konkret beantwortet werden. Dafür sei es noch zu früh, meinte Heitkämper. Der Verein werde dies aber beobachten. Die taz habe sich auf einen möglichen weiteren Ausfall von Eltern bereits vorbereitet, berichtete Fromm.

Folgen des Homeoffice

Flexiblere Arbeitszeiten und -orte würden von vielen Frauen in den Medien begrüßt. Nach Erfahrung von Peter Freitag, stellvertretender dju-Vorsitzender, Betriebsrat und in der Tarifkommission, seien dies Themen, die vielen in Tarifverhandlungen mindestens so wichtig seien wie Gehaltserhöhungen. Betriebsratschef Klaus Schrage von den Nürnberger Nachrichten, auch Vorsitzender der dju-Tarifkommission, warnte aber vor zu viel Homeoffice. Gerade bei den vielen Kolleginnen, die Teilzeitarbeit bevorzugten, führe das zu einer „Unsichtbarkeit“ in den Redaktionen. Leider gehe die häufige Doppelbelastung als Redakteurin und Mutter auch zu Lasten des Engagements im Betriebsrat, der mit mehr Frauen die Frauenförderung wirksamer im Betrieb anmahnen könne. Dabei seien den Printmedien durch den Tendenzschutz engere Grenzen im Betriebsverfassungsgesetz gesetzt als in anderen Wirtschaftsunternehmen. Die Postenbesetzung „ergibt sich hier oft aus der unmittelbaren Willkür heraus“.

Aufmerksamkeit erregen ist nach Heitkämpers und Schrages Erfahrung auf jeden Fall ein gutes Mittel, denn kein Medienhaus schätze es heute mehr, durch Presseveröffentlichungen oder bei Betriebsversammlungen an den Pranger der Frauenmissachtung gestellt zu werden. In den Redaktionen sollten sich Frauen in Allianzen zusammentun und den Lobeshymnen der „Boygroups“, die immer wieder die Berichte der Kollegen hervorheben, eigene „Lobkartelle“ unter Kolleginnen entgegensetzen, so Fromm.

Hilfe und Unterstützung

Frauen, die in regionalen Medienhäusern oder kleinen Redaktionen allein mit Frauenfeindlichkeit und sexistischen Männersprüchen konfrontiert sind, sollten durchaus bei Männern nach Bündnispartnern suchen. Denn oft, so Heitkämpers Erfahrung, gäben nur einige Männer den Ton an, manche Geschlechtsgenossen schwiegen dazu verlegen. Mit ihnen sollte frau das Gespräch suchen, um das Klima zu verändern. Eine Vertrauensstelle wie Themis für Belästigte bei Film, Fernsehen oder Theater gibt es für Printmedien bisher nicht.

Bei der dju in ver.di als Gewerkschaft stehe das Thema der Geschlechtergerechtigkeit ganz oben auf dem Tapet, sagte Freitag. Man werde es aber in der Öffentlichkeit noch mehr in den Vordergrund rücken. Denn: „Wir sind ein Laden mit Frauenquote und einer Vorsitzenden“. Von der dritten dju-Geschäftsführerin in Folge ganz zu schweigen.

 

 

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