Kein X für ein U vormachen

Initiative Fair Radio für mehr Glaubwürdigkeit im Hörfunkjournalismus

Monotonie von der Küste bis in die Alpen, musikalischer Einheitsbrei im Mainstream – statt Radio, das überraschen kann, Formatradio für die Spaßgesellschaft – statt Radio mit Format und Informationen. Ob sich die meisten deutschen Radioprogramme so beschreiben lassen, ist Ansichtssache. Wenn die Hörerinnen und Hörer allerdings für dumm verkauft werden, dann hört für die Initiative Fair Radio der Spaß beim Zuhören auf.

Nach zehn Jahren in Schottland, wo er unter anderem für die BBC gearbeitet hat, kehrte der deutsche Radiojournalist Udo Seiwert-Fauti 2007 in seine Heimat zurück, um zum einen als Pressekorrespondent des Europarats zu arbeiten und zum anderen über Themen der EU und der Metropolregion Oberrhein für den Deutschlandfunk, SWR und HR und Suisse-Info zu berichten. Um sich schnell wieder in die deutsche Radiolandschaft zu integrieren, schien ihm die Teilnahme an einem Seminar zur „Radiozukunft 2010“ in der Politischen Akademie in Tutzing gerade recht. Im Kollegenkreis am Starnberger See kamen die Gespräche immer wieder auf übliche Tricksereien im Programm. Die versammelten Radioleute erschraken schließlich vor der Gleichgültigkeit gegenüber den Hörern, denen häufig ohne große Skrupel ein X für ein U vorgemacht werde.
Hier müsse sich etwas ändern, beschlossen sie, und zwar zuerst bei den Radiomachern selbst. Deshalb stellten sie die sechs Leitlinien des „Tutzinger Appells“ für ein qualitätsvolles Radio auf:

  1. Recherche muss vor Schnelligkeit gehen.
  2. Es wird nichts vorgegaukelt, was nicht tatsächlich so ist.
  3. Was nicht wirklich live ist, wird nicht als live verkauft.
  4. PR-Beiträge gehören in den Werbeblock und nicht in das redaktionelle Programm.
  5. Nachrichtensendungen werden nicht vorher aufgezeichnet.
  6. Mogeleien bei Gewinnspielen sind tabu.

Um für ihre Vorstellungen weitere Unterstützung bei Radioleuten zu gewinnen, beschlossen Seiwert-Fauti, Hörfunkjournalistin Sandra Müller und Radiomoderator Max Foerster einen eigenen Internet-Auftritt aufzubauen. Inzwischen gibt es auch einen Fair-Radio-Newsletter und einen Fair-Radio-Tag, der im Frühjahr in Mainz wieder Gelegenheit bieten soll, den eigenen Berufsstand zu hinterfragen.
Wer kritisiert, muss auch einstecken: „Pingelig“, ist ein Kommentar, was die Ablehnung aufgezeichneter Nachrichten angeht. Fair Radio verzettele sich im Kleinkram, lautet ein anderer Vorwurf, denn die wahre Qualitätseinbuße sei in den Stellenstreichungen in den Sendern begründet. Das streiten die Fair-Radio-Mahner nicht ab, doch das entlasse die Radiomacher weder aus der Verantwortung noch aus der Möglichkeit, sich für mehr Glaubwürdigkeit vor dem Mikrofon einzusetzen. So muss ein Bericht über einen Unfall nicht als live und vom Ort des schrecklichen Geschehens angekündigt werden, wenn der Reporter in Wirklichkeit nur das Mikro aus dem Fenster hält, um etwas Straßenlärm für die „Atmo“ einzufangen. Aus einem aufgezeichneten Interview für die eine Sendung muss nicht eine angebliche Live-Fassung mit ganz anderen Fragen und zusammengeschnittenen Antworten für eine andere Sendung getürkt werden.

Seiwert-Fauti wünscht sich, dass die Landesmedienanstalten, die er bisher als sehr fernsehbezogen erlebt, den Radiosendern mehr Aufmerksamkeit widmen. Dort könnten sich Hörer über solche Sendungen beschweren, ähnlich wie Leserinnen und Leser beim Presserat. Zumindest für die großen öffentlich-rechtlichen Sender fordert Seiwert-Fauti die Einrichtung von Ombudsfrauen oder -männern, an die sich Journalisten mit ethischen Bedenken bei Reportage- oder Moderationsaufträgen wenden können. Der Traum der Initiative ist ein Gütesiegel „Fair Radio“, mit dem sich Sender offensiv zu den Leitlinien des „Tutzinger Appells“ bekennen.

Als die drei Gründungsmitglieder der Initiative Ende 2008 für den „Goldenen Prometheus“, einen Journalistenpreis des Helios-Verlags, als „Hörfunkjournalisten des Jahres 2008“ nominiert wurden, erwachte neue Kritik: Auf den Internetseiten „Radioszene“ und „Medial&Digital“ kritisierten Christoph Lemmer und Ulrike Langer, dass in Foerster jemand ausgezeichnet werden solle, der dem eigenen Appell nicht genüge, da er als „MaxMedien“ selbst die Herstellung von PR-Beiträgen anbiete. Fair Radio stellte daraufhin klar, dass sich die Initiative nicht gegen Werbung und PR wende, sondern nur eine deutliche Trennung zum redaktionellen Programm verlange. Foerster beeilte sich, in seinem Webauftritt potenzielle Kunden ebenfalls auf diese Trennung hinzuweisen.

Mehr Informationen

www.fair-radio.net;

www.radioszene.de

www.medialdigital.wordpress.com

Auf Nachfrage von „M“ fand es der Autor der Kolumne „BitterLemmer“ merkwürdig, Hörfunkjournalisten für eine „Vereinsgründung“ auszuzeichnen statt für journalistische Beiträge – eine Frage an die Jury. Kritik übte Lemmer in seiner Kolumne auch daran, dass neben den Unterschriften von Radioleuten auch die von „Radiohörern“ für den „Tutzinger Appell“ zu finden sind: „Die Liste der sogenannten Radiohörer ist belanglos, da könnte im Grunde jeder draufstehen.“ Wäre das so schlimm? Oder wie es ein Diskutant auf der Internetseite von Fair Radio formuliert: „Übrigens, ich bin Radiohörer und nicht belanglos.“ „PS“: Den Prometheus erhielt Anke Leweke vom Deutschlandradio.

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