Editorial: Online mitmischen

Die multimediale Welt: Segen oder Fluch, oder von jedem etwas? Während Journalisten im Tagesgeschäft mitunter droht, von der Infoflut erschlagen zu werden, tummeln sich andere gern und stundenlang in den Weiten des Web. Faszinierend ist es allemal, was neue Techniken und Plattformen möglich machen. Nicht nur die bunte Mischung von Text, Grafik, Bild, Video und Audio, sondern eine bislang nicht gekannte Form von vernetzter Kommunikation.

Nicht abhängig sein von der Redaktions-Auswahl bei Leserbriefen oder den dargebotenen Nachrichten und Berichten, sondern selbst mitmischen, das eigene „Medienprogramm“ zusammenstellen. Nicht nur Konsument, sondern auch Produzent sein!  Web 2.0 bietet viele Möglichkeiten dafür.
Doch es gibt auch unübersehbare Risiken wie die Flucht aus dem realen Leben in die virtuelle Welt eines „Second Life“. Obwohl nur eine Scheinwelt, eignet sie sich wunderbar, Träume und Wünsche „lebendig“ werden zu lassen und gerade damit dem drögen Alltag samt Medieneinerlei zu entfliehen. Millionen Nutzer auch in Deutschland tun es.
Da ist es nicht verwunderlich, dass die klassischen Medien im Zugzwang sind. Nicht zuletzt fließen Werbeeinnahmen ins Netz ab. Selbst im Second Life meinen Medienkonzerne wie Springer, präsent sein zu müssen. Inzwischen regen sich die etablierten Verlagshäuser und gehen mehr als einfach nur Online. Neben dem Einstellen der Beiträge bieten sie zunehmend auch Möglichkeiten des direkten Dis­kurses mit dem Leser, offerieren Audio- und Video-Inhalte. An Podcast kommt keiner vorbei: Radioprogramm wird individuell abrufbar, um Hörer zu halten.
Stellt sich die Frage: Räumen Journalisten der klassischen Medien für die Bürger-Partizipation oder gar einen Journalismus 2.0 das Feld? Oder ringen sie mit qualitativ hochwertigen journalistischen Inhalten um mehr Akzeptanz und Glaubwürdigkeit? Hilfreich dafür kann sicher ein Verhaltenskodex für Redakteure sein, wie der gerade verabschiedete der WAZ-Gruppe. Im Kern geht es um journalistische Unabhängigkeit, die durchaus im Web-Portal der Blätter ebenso gelten soll (S. 18).
Überzeugen durch Qualität will in der digitalen Zukunft auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk, wobei Kooperationen mit Web 2.0-Playern wie bei der BBC eher noch nicht geplant sind, so ARD-Vorsitzender Fritz Raff im Interview. Die Gefahr, dass zu viele Mittel in Online-Aktivitäten fließen, sieht Raff ebenfalls nicht. Auch wenn die Deckelung der Online-Ausgaben künftig aufgehoben wird, wie der Kompromiss im nun abgeschlossenen EU-Gebührenstreit verspricht.

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Der Wahlkampf im Fernsehen

Gerade im Vorfeld von Landtags- oder Bundestagswahlen ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk (ÖRR) Zielscheibe für Kritik. Egal in welcher Form ARD und ZDF über Parteien und die Spitzenkandidat*innen berichten, irgendwie ist es immer falsch. Ein Dilemma, wie sich auch im Vorfeld der bevorstehenden Wahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin exemplarisch zeigt.
mehr »

Filmförderung in der Sackgasse

Die Töpfe des DFFF 1 & 2 sowie des GMPF sind bereits vier Monate vor Jahresende ausgeschöpft. Das zeigt die enorme Nachfrage und das Wachstumspotenzial des Filmstandorts Deutschland. Deutsche Studios und Drehorte, Crews und Kreative, Produktionsunternehmen und Dienstleister sind gefragt – und stärken damit die gesamte filmwirtschaftliche Wertschöpfungskette bis hin zu den Kinos. 
mehr »

No SLAPP Handbuch: Presserecht

Eine SLAPP-Klage können Sie kaum verhindern. Das Risiko läßt sich aber mindern, wenn Sie alle Regeln des Äußerungsrechts beachten, also „presserechtsfest“ Ihre berechtigte Kritik am potenziellen SLAPP-Kläger äußern. Dazu mehr in Kapitel 2 des No-SLAPP-Handbuchs.
mehr »

ZDF textet nur noch in Ausnahmefällen

Seit Dezember 2025 gilt der Reformstaatsvertrag zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Damit haben die Bundesländer die Vorgaben für die Sender verschärft, ihre Online-Angebote nicht presseähnlich zu gestalten. Eine Textberichterstattung erfordert seitdem, mit wenigen Ausnahmen, einen aktuellen Sendungsbezug. Das ZDF reagierte auf den erhöhten Bewegtbild-Bedarf mit strukturellen Änderungen.
mehr »