DuMont: Alternativlos

Das Neven DuMont Haus in Köln am Abend Foto: dpa/Oliver Berg

Journalismus ist im Hause DuMont keine tragende Säule mehr

Selbstmord aus Angst vor dem Tod? Als DuMont Anfang 2019 widerwillig bestätigte, dass sämtliche Regionalzeitungen zur Disposition stünden, schien alles möglich: Sollten vom 400 Jahre alten, einst viertgrößten deutschen Medienhaus womöglich nur Marketing- und Business-Information-Aktivitäten übrigbleiben? Ganze Belegschaften an den Medienstandorten in Köln, Berlin, Halle und Hamburg wurden extrem verunsichert. Von „bedingungsloser Kapitulation“ sprachen Analysten.

Inzwischen gilt die Portfoliobereinigung im DuMont-Zeitungsgeschäft mit weitgehender Amputation als beendet. Ein einträglicher Deal zum Verlustausgleich kam nicht zustande. Die einst starke verlegerischen Säule des Kölner Traditionsunternehmens ist nur noch bedingt stabil und ertragsfähig. „Viel riskiert, viel verloren, kein Happy End, aber zuletzt auch keine Alternativen“, so das Fazit von Medienökonom Frank Lobigs.

Verlegerverantwortung

Wie es im Hause DuMont nun weitergeht, will CEO Christoph Bauer im April erläutern. Bei allem, was sein Management und die von DuMont beauftragten Unternehmensberater von Goetzpartners in den vergangenen Monaten mit den Printprodukten vollzogen, blieb die beschworene „Perspektive Wachstum“ eine Schimäre. Umso mehr, da DuMont 2018 noch zwei Drittel seines Umsatzes mit dem Zeitungsgeschäft erzielte – insgesamt etwa 460 Millionen Euro. Allerdings hatte man hier auch die größten Verluste eingefahren, an die 350 Millionen. Zuletzt schlug 2018 eine 16-Millionen-Euro-Kartellstrafe wegen verbotener Absprachen mit dem Bonner Generalanzeiger zu Buche.

Doch schon in den vergleichsweise goldenen Zeiten unter Patriarch Alfred Neven DuMont hatten zweifelhafte Zukäufe für Defizite gesorgt. Allein bei der Insolvenz der Frankfurter Rundschau 2012 wurden 100 Millionen verbrannt. Die Beteiligung an der israelischen Haaretz-Gruppe ist seit 2006 ein Zuschussgeschäft. XTRA, ein Zeitungsprojekt für jüngere Leser, fuhr 2014/15 vor den Baum. Und das regionale Zeitungsbündel, das die zwölfte Verlegergeneration im Kölner Traditionshaus 2015 übernahm, barg Risiken genug: Die drei Boulevardblätter „Kölner Express“, „Hamburger Morgenpost“ und „Berliner Kurier“ litten unter drastischem Auflagenschwund. Die „Berliner Zeitung“, ehemaliges SED-Blatt mit seither wechselnden Besitzern, schrieb in unerbittlicher hauptstädtischer Konkurrenz mit „Berliner Morgenpost“ (seit 2014 Funke) und „Der Tagesspiegel“ (Holtzbrinck) tiefrote Zahlen. Rentabel wirtschafteten lediglich die im Süden Sachsen-Anhalts noch immer gut verbreitete „Mitteldeutsche Zeitung“ und die im Stammhaus herausgegebenen Tageszeitungen „Kölner Stadt-Anzeiger“ und „Kölnische Rundschau“. Ihre angestrebte „digitale Transformation“ aber kam nicht vom Fleck.

Die Frage, wie nachhaltig im Gesellschafterkreis – der zahlreiche Eigentümer der Familien Neven DuMont, Schütte und DuMont Schütte umfasst – das Interesse am insgesamt schrumpfenden Zeitungsgeschäft noch sei, stellte sich schon länger. Zu Jahresbeginn 2019 trieb sie Betriebsräte der DuMont-Regionalzeitungen zur gemeinsamen Aufforderung an den Aufsichtsratschef, sich klar zur Verlegerverantwortung zu bekennen. Inzwischen belegen die Fakten weitgehend das Gegenteil.

Wieder in Berliner Hand

Die Berliner Aktivitäten von DuMont, die 2009 mit der Übernahme von Finanzinvestor Mecom gestartet waren und permanente Einsparungen, Zergliederung und Stellenstreichungen bedeuteten, wurden im September 2019 mit einem Überraschungscoup beendet: Das branchenfremde Unternehmerpaar Silke und Holger Friedrich kaufte ein Paket, zu dem die „Berliner Zeitung“, der „Berliner Kurier“ mit deren in der BerlinerNewsroom GmbH zusammengefassten Redaktion, die Onliner in der Berlin24 Digital sowie die BerlinOnline Stadtportal GmbH ebenso gehörten.

„Der Berliner Verlag kommt wieder in Berliner Hand“ verbreitete man Zweckoptimismus. Zumindest die schon abgeschriebene BVZ Berliner Zeitungsdruck mit reichlich 100 Beschäftigten erhielt so wieder eine Überlebenschance. Das Ehepaar Friedrich übernahm die Neuerwerbungen in die eigene Holding, sprach von Profilstärkung. Mit einer „versachlichten, faktenbasierten Berichterstattung“ will man den politischen und gesellschaftlichen Diskurs bereichern. Von „durchgehender Digitalisierung“ und zukunftsfähigen Formaten ist die Rede.

Die Erfahrungen, die Beschäftigte und Leser*innen im vergangenen halben Jahr mit den Neuverlegern gemacht haben, gleichen jedoch einer Berg- und Talfahrt. Nach Irritationen durch öffentlich gewordene frühere Stasi-Tätigkeit Holger Friedrichs und redaktionelle Berichterstattung über eine Firma, an der er beteiligt ist, mussten der als Herausgeber geholte Österreicher Michael Maier und das Redaktionsteam viel Energie in Schadensbegrenzung stecken. Dass die bisher durch das von Madsack und DuMont betriebene Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) betriebene Politikberichterstattung zurückgeholt und die Tageszeitung wieder in bewährte vier Bücher gegliedert wurden, verblasste hinter Negativschlagzeilen, zuletzt dem Rauswurf beider bisheriger Chefredakteure. Und dem Weggang eines neuen nach nur drei Wochen.

Doch wollen die Neuverleger redaktionell aufstocken – gesucht wird mit Anzeigen in Englisch, Russisch, Türkisch und Hebräisch. Seit Jahren anhängige Tarifverhandlungen mit ver.di und DJV setzte Holger Friedrich zwar fort, doch ist nach der vierten Rund alles wieder offen. Kein gutes Omen für das Redaktionsstatut, das ein kommissarischer Redaktionsausschuss mit den Verlegern aushandelt. Es soll für alle redaktionellen Abläufe bei den gedruckten Zeitungen und im Online-Bereich gelten.

Schwerer Konzentrationsfall

Am glattesten scheint der Verkauf der „Mitteldeutschen Zeitung“ an die Heinrich Bauer Verlag KG Mitte Januar 2020 gelaufen. Bauer erhofft sich mit der zweiten Tageszeitung und deren Newsportal mz.de in Sachsen-Anhalt die ersehnte kritische Masse. Das ansonsten zeitschriftengeprägten Portfolio der Bauer Group enthält auch zahlreiche digitale Medien und Radio-und TV-Aktivitäten im In- und Ausland. „Deutlich mehr als 50 Mio. Euro“, so das Manager-Magazin, habe sich Verlegerin Yvonne Bauer die „perfekte Ergänzung“ zur „Magdeburger Volksstimme“ kosten lassen, die den Hamburgern bereits seit 1991 gehört. Fast ebenso viel, 103,5 Mio. DM, hatten die Kölner seinerzeit an die Treuhandanstalt gezahlt, nachdem Hans-Dietrich Genscher dafür sorgte, dass Alfred Neven DuMont die vormalige Hallenser Freiheit ohne Bieterverfahren übernehmen konnte.

Das Hauptgebäude der Mediengruppe Mitteldeutsche Zeitung in Halle/Saale Foto: picture alliance/Hendrik Schmidt

30 Jahre später, angesichts ständigen Auflagenrückgangs und schwieriger Vertriebssituation, sah DuMont-CEO Bauer die strukturellen Rahmenbedingungen in Halle als „sehr herausfordernd“. Aktuell hat das Mitteldeutsche Druck- und Verlagshaus etwa 1.100 Beschäftigte. Sämtliche Verträge bleiben bestehen, heißt es aus der Bauer Group. Für die Mediengruppe Mitteldeutsche Zeitung arbeiten die Redakteur*innen in der Haupt- und 15 Lokalredaktionen, die noch reichlich 150.000 gedruckte Exemplare der Tageszeitung in 17 verschiedenen Ausgaben produzieren. Hinzu kommen zwei Anzeigenblätter, der Postdienstleister MZZ Briefdienst und der regionale Sender TV Halle. Bauer wird nun versuchen, die Überlebenschancen seiner Tageszeitungen durch Synergien zu erhöhen. Das Kartellamt hat den Zusammenschluss jedenfalls als „nicht bedenklich“ zügig genehmigt.

Als „schwerwiegenden Konzentrationsfall“ und „einen klaren Verlust“ für die Vielfalt bezeichnet ihn Medienexperte Horst Röper. Er erwartet Stellenabbau und dass die Leser*innen zumindest in Teilen „demnächst identische Berichterstattung“ vorfinden werden. Aus Sorge vor einem Zeitungsmonopol gab es Ende Januar im Landtag von Sachsen-Anhalt eine Debatte dazu. Abgeordneten von CDU, SPD und Linken werteten den Verkauf übereinstimmend als ungutes Signal. Die Arbeitsplatzfrage schließt die Druckereien in Barleben bei Magdeburg und in Halle/Saale ein. Beide sind mit der jeweiligen Tageszeitungsproduktion und dem Druck von Anzeigenblättern vergleichbar aufgestellt und ausgelastet.

Zugesetzt in Hamburg

Lange auf der Kippe stand das Schicksal der seit 2015 defizitären „Hamburger Morgenpost„, der „ältesten deutschen Boulevardzeitung“ mit 80 Beschäftigten und rund 30.000 Exemplaren Printauflage. Die Einstellung des gedruckten Blattes schien bereits einkalkuliert, als die Kölner im Januar mit der Funke Mediengruppe lediglich noch um eine Übernahme des reichweitenstarken Portals mopo.de für wohl zehn Millionen Euro verhandelten. Das Geschäft platzte. Zuvor war bereits Morgenpost-Geschäftsführerin Susan Molzow mit einem Management-Buy-Out-Angebot gescheitert. Sie wollte nichts zahlen, sondern erwartete eine Vier-Millionen-Mitgift von DuMont.

Betriebsratsvorsitzende Nina Gessner auf der Protestaktion vor dem Verlag der „Hamburger Morgenpost“ am 21. Januar 2020 Foto: Lars Hansen

Die Unterstützung von Prominenten wie Udo Lindenberg und die energischen Aktionen der Beschäftigten um Betriebsratsvorsitzende Nina Gessner mögen geholfen haben: Am 6. Februar endete die Hängepartie. Mit Xing-Manager Arist von Harpe kam ein weiterer im Zeitungsgeschäft gänzlich unerfahrener Käufer zum Zuge. Allerdings kannten sich die Verhandler. Von Harpe war Geschäftsführer der Hamburger Social-Media-Firma Facelift, als DuMont Ende 2016 drei Viertel der Anteile des Dienstleisters übernahm. Nun wird man bei der Mopo, die zuletzt noch ganze 17 Mio. Umsatz im Jahr erzielte, vor allem auf die Versicherung des Neuverlegers setzen, „die gedruckte Zeitung wieder in den Fokus“ zu nehmen und dem Traditionsmedium „auf allen Kanälen“ eine langfristige Perspektive zu geben. Ob mit allen bisher gut 100 Beschäftigten, ist ebenso fraglich wie ein Konzept, was der Digitalmanager mit seinen Neuerwerbungen insgesamt vorhat. Außer Vermarktungs- und Corporate-Publishing-Aktivitäten gehörten zum Warenkorb auch eine Rundfunkbeteiligung und die Erlebniswelt Discovery Dock im Hamburger Hafen. Klar scheint dagegen, dass DuMont zusetzen musste: Der negative Kaufpreis soll etwas unterhalb der Molzow-Forderung gelegen haben, munkelt man. Nach Informationen der taz mussten Anfang März Chefredakteur Frank Niggemeier und sein Stellvertreter Alexander Krug gehen. Den Schreibtisch von Verlagsleiterin Susan Molzow will von Harpe selbst einnehmen.

Kernmarkt Rheinland bleibt

Nun will man sich bei DuMont im Geschäftsfeld Regionalmedien auf den Kernmarkt im Rheinland konzentrieren. Im Dezember endlich hatte man den Beschäftigten am Stammsitz erklärt, sich von den „starken Marken“ des hochrentablen „Kölner Stadt-Anzeigers“, und des knapp schwarze Zahlen schreibenden Boulevardblattes „Kölner Express“ nicht zu trennen. Man wolle die Digitalisierung der Angebote forcieren. Von großer „Erleichterung“ berichtet Betriebsratsvorsitzende Regina Bappert. Dass Strukturveränderungen im laufenden Betrieb „einen ganz schön aus der Bahn werfen können“, weiß man bei der Rheinischen Redaktionsgemeinschaft RRG nur zu gut. Die hälftig dem Heinen Verlag und DuMont gehörende Einheit war 2014 als Zweckehe gegründet worden, um bei der Lokalberichterstattung für Kölnische Rundschau und Stadt-Anzeiger Kosten zu sparen.

Die dem Heinen-Verlag gehörende Rundschau wird bereits seit 20 Jahren von M. DuMont Schauberg verlegt, zusammen kommen die Titel auf eine 230.600 verkaufte Auflage. Die Politikteile der Blätter liefern das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) bzw. der Bonner Generalanzeiger (Rheinische Post) zu. Aber auch als „unternehmerisch sinnvolle Entscheidung“ sieht es Bappert, dass DuMont das gute Zeitungsgeschäft und das Ansehen in der Kölner Stadtgesellschaft nicht verspielte. Irgendwoher müsse das Geld für Digitalinvestitionen ja kommen. Übrigens: Dass im Falle eines Verkaufs die Ehrenbürgerwürde für Verlegerwitwe Hedwig Neven DuMont undenkbar geworden wäre, pfeifen wohl nicht nur die sprichwörtlichen Spatzen vom Domdach.

Die Betriebsratsvorsitzende ist überzeugt, dass der im Herbst 2018 erkämpfte Tarifvertrag den etwa 100 redaktionellen RGG-Beschäftigten Sicherheit gebe. Doch treiben sie die weitere Digitalisierung und ein bevorstehender Generationenwechsel um: Redakteursstellen „auf dem Land“ neu zu besetzen, sei nicht einfach. Und was mit strategischen Planungen ab April auf sie zukomme, bleibe abzuwarten.

Bereits jetzt alarmiert ist Heinrich Plaßmann, der dem Gemeinschaftsbetriebsrat von MDS vorsteht. Von ehemals „stolzen 2.000 Beschäftigten“ des Verlagshauses seien ganze 92 Bestandsbeschäftigte bei der M. DuMont Schauberg Expedition der „Kölnischen Zeitung“, 192 im Druckhaus und 127 bei der Rheinland Media 24 GmbH übrig geblieben. Letztere, die redaktionelle Inhalte auch für den „Kölner Express“ liefern, die digitalen Kanäle bedienen und alle Volontäre einschließen, „sind noch nicht mal tarifgebunden“, bedauert er. In der schrumpfenden Expeditions GmbH & Co. KG. dagegen sind „altbeschäftigte“ Redakteur*innen, Sekretariatsangestellte, wenige Bildredakteure und Korrektoren mit Tarif verblieben. Ob und was für Einheiten im Zuge von Entflechtungen nach den Verkäufen und nach Auflösung ausgelagerter Dienstleistungsverträge ins Kölner Stammhaus zurückkommen oder welche Veränderungen das im Verlag und Redaktionen bedeuten könnten, sei bislang unklar.

Klar dagegen ist bereits, dass der Vorstand das Thema Zeitungsdruckerei aufgerufen hat. Ein Investitionsstau war seit langem bekannt, auch ein Auslastungsproblem: nicht alle Titel, die gemeinsam mit Heinen in der Rheinischen Anzeigenblatt Gesellschaft in 2,5 Mio. wöchentlicher Auflage erscheinen, werden überhaupt in Köln gedruckt. ver.di und der Betriebsrat verhandeln nun über betriebliche und tarifliche Themen, eine Mitgliederversammlung Ende März soll über den Stand informieren.

„Neue Phase“ der Unternehmensentwicklung

Vor seinem Eintritt in das Unternehmen sei das Medienhaus „höchst intransparent und schwer zu führen“ gewesen, sagt CEO Christoph Bauer. Der Kassensturz 2020 sieht das Zeitungsgeschäft bei DuMont geschrumpft. Einstige Pläne von einer journalistischen Großmacht kann man mit drei Tageszeitungen sowie ihren Onlineausgaben ksta.de, rundschau-online.de und express.de, regionalen Blättern wie die Kölner Illustrierte oder Köln2go sowie diversen Anzeigenblättern getrost als ausgeträumt ansehen. Zur Regionalzeitungs-Säule gehören noch Zustell- und Logistikdienstleister, digitale regionale Plattformen, die u.a. auf dem Immobilen-, Reise- oder Jobmarkt aktiv sind, sowie Beteiligungen an sieben Lokalradiosendern.

Die Portfolio-Überprüfung sei wichtig gewesen, „um die nächste Phase der Unternehmensentwicklung einzuleiten“, erklärte Aufsichtsratschefin Isabelle Neven DuMont. Neben dem relativ selbständig geführten DuMont Buchverlag mit jährlich etwa 100 Neuerscheinungen sind es die Informations- und Marketing-Säulen, von denen man sich Zuwächse und steigende Erlöse verspricht. „DuMont investiert in Inhalte, Daten und Technologie“, so CEO Bauer zur Perspektive, man habe „noch viel Spielraum, auch für Zukäufe“.

Das Geschäftsfeld „Business Information“ ist nicht neu und umfasst Datenbanken und Fachportale. Da ist zunächst der Bundesanzeiger Verlag GmbH, den das Verlagshaus M. DuMont Schauberg 2006 vollständig übernahm, hauptsächlich vom Bund. Er liefert verbindliche Informationen aus Recht und Wirtschaft. Bundesanzeiger und Bundesgesetzblatt veröffentlichen auch elektronisch gesetzlich vorgeschriebene Bekanntmachungen und Gesetze der Bundesrepublik Deutschland, das Unternehmensregister sowie offizielle Publikationen der EU. Das ist nicht unlukrativ. So sind etwa die über eine Million deutscher Kapitalgesellschaften verpflichtet, zumindest ihren Jahresabschluss kostenpflichtig im elektronischen Bundesanzeiger zu veröffentlichen. Unter der Bezeichnung Reguvis Fachmedien liefert der Bundesanzeiger Fachverlag seinen Kunden mit Publikationen und über Informationsdienste Daten für die rechtskonforme Abwicklung von (Außen)Handels-, Vergabe, Bau- und Immobiliengeschäften. Der Validatis Datenservice als weiterer eigenständiger Bereich des Verlages ist im B2B-Geschäft aktiv, bearbeitet und bewertet Unternehmensdaten und integriert sie in Webanwendungen.

Schließlich ist der DTAD Deutscher Auftragsdienst ein Dienstleister auf dem Gebiet der Auftragsvergabe. Er analysiert nach eigenen Angaben jährlich etwa 600.000 Ausschreibungen und führt die größte entsprechende Datenbank. – Der Umsatz aller DuMont-Business-Information-Aktivitäten als zweite Säule wurde für 2018 mit 108,9 Mio. Euro beziffert – eine Steigerung von 15,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Wachstumshoffnung Marketing Technology

Das eigentliche Wachstum jedoch erhofft sich DuMont im Bereich „Marketing Technology“. Für 2018 wurden hier Umsätze von 38 Mio. Euro vermeldet – nicht umwerfend, aber um fast 20 Prozent mehr als 2017. Vorrangig die Gesellschaften Facelift und Censhare legen zu, verschlingen aber auch Geld für Investitionen. Facelift habe mittlerweile über 600 Beschäftigte und soll 2020 erstmals Gewinn bringen, heißt es. Der Technologie-Dienstleister bietet Unternehmen eine Social-Media-Management-Software mit vielen Komponenten an. Das technische Produkt, als Software-as-a-Service (SaaS) angeboten, liegt in der Cloud. Einzelne Module ermöglichen es Kunden, alle Aktivitäten auf Facebook, Twitter und anderen sozialen Kanälen zentral zu organisieren. Facelift ist offizieller Marketing-Partner von Facebook und Instagram. Das 2011 gegründete Hamburger Unternehmen, an dem DuMont 2016 für über 55 Millionen Euro drei Viertel der Anteile erwarb, will seine Produktpalette ausweiten und vor allem im internationalen Markt wachsen. Über Facelift ist DuMont auch zu 37,5 Prozent an der Agentur Upljft beteiligt. Das Joint Venture mit der Agenturgruppe Thjink betreibt Social-Media-Werbung und entwickelt komplette Werbekampagnen.

Für die crossmediale Produktion

An der Censhare AG hat DuMont seit 2017 eine Minderheitenbeteiligung über die DuMont Digital GmbH und agiert als „strategischer Investor mit einer Eigenkapitalbeteiligung“. Neben Standorten in Freiburg im Breisgau und München hat die AG internationale Tochtergesellschaften, u.a. in England, der Schweiz, Indien und den USA. Als Plattform bündelt Censhare Marketing- und Kommunikationsinhalte in Anwendungen unter einheitlicher Oberfläche, die dann für die crossmediale Publikation von Inhalten genutzt werden können. Zu den Referenzkunden zählen BMW, Land Rover und Jaguar, aber auch Deutsche Bank, Post AG und Süddeutscher Verlag. Über Censhare hält DuMont seit 2018 auch eine Mehrheitsbeteiligung am Düsseldorfer Softwarehaus Kontrast.

Globale Verkaufsaktivitäten sollen ausgeweitet werden, Censhare will zudem in Forschung und Entwicklung investieren. Deshalb wurden für 2018 und 2019 zwar wachsende Umsätze erwartet und erzielt, doch gleichzeitig „planmäßige Verluste“.

Schließlich: Über die Beteiligungsgesellschaft DuMont Venture verleiht der Kölner Konzern Kapital an Startups, geschehen etwa bei Doo, Lieferando u.a. Abgewickelt werden diese Aktivitäten über den Kölner Wagniskapitalfonds Capnamic Venture, an dem die Mediengruppe ebenfalls beteiligt ist. Man konzentriere sich auf Wachstumsunternehmen entlang der digitalen Wertschöpfungskette, aktuell verstärkt auf Bereiche wie eHealth und Datensicherheit.

„Das hat mit Journalismus nichts mehr zu tun, ist aber wirtschaftlich vielversprechend“, meinte Medienökonom Lobigs von der TU Dortmund im WDR. Zwar habe DuMont als Monopolist im Rheinland noch immer eine einträgliche Marktstellung, doch müssten die Kölner nun „irgendwie die Transformation ins Digitale schaffen“. Ohne Alternative.

Vorbei

„Wir werden einschlafen“, erklärten im Februar 2020 die Macher von https://dumontschauberg.wordpress.com/.
Seit etwa 20 Jahren hatten sie – „im virtuellen Raum einmalig“ – auf ihrem Blog „Zeitungslandschaft im Umbruch“ aktuelle Entwicklungen in der gesamten DuMont-Mediengruppe aus Arbeitnehmer*innensicht verfolgt und kommentiert.
Nun habe DuMont als deutsche Mediengruppe „für uns seine Rolle verloren“. Der Blog verzeichnete nach eigenen Angaben mehrere Millionen Zugriffe und hundertausende Visits. Danke dafür!

 

 

 

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