Grün, grüner, noch nicht am grünsten

Fachgespräch der grünen Bundestagsfraktion am 24. Januar 2019 im Berliner Paul-Löbe-Haus: "Grüner wird es nicht von allein. Mehr Nachhaltigkeit in der Filmproduktion"
Foto: Büro Tabea Rößner, MdB

Nachhaltige Filmproduktion ist kein ganz neues Thema, hat sich aber in jüngster Zeit neben der Geschlechtergerechtigkeit einen Platz ganz oben auf der filmpolitischen Agenda erkämpft. Denn: Wenn Deutschland seine ambitionierten Klimaziele erreichen will, muss auch die ressourcenintensive Filmbranche ihren Beitrag leisten. Wie das gelingen kann, darüber wurde bei einem Fachgespräch der grünen Bundestagsfraktion in Berlin diskutiert.

Die Relevanz des Problemfelds Green Production wurde auch durch die Zusammensetzung der Runde im Paul-Löbe-Haus unterstrichen. Nicht nur Produzenten, Verleiher und Verbandsvertreter, sondern auch Vertreter*innen aus dem Umweltministerium und dem Staatsministerium für Kultur und Medien (BKM) saßen dort am runden Tisch. Der Einladung der Grünen gefolgt war zudem Friederike Lina Schüler, seit kurzem Managerin Public Affairs bei Sky, ein gutes Beispiel für nachhaltige Produktion, lobte die netzpolitische Sprecherin und Berichterstatterin für Filmpolitik der grünen Bundestagsfraktion Tabea Rößner, die das Fachgespräch moderierte. In den Blick genommen wurde dabei nicht nur die Film-, sondern auch die Kinobranche.

Digitalisierung treibt Klimakosten in die Höhe

Was denn die Hindernisse für mehr Nachhaltigkeit seien, wollte Rößner von den geladenen Expert*innen wissen. Die Antwort darauf war schnell gefunden: Die Finanzierung und das Knowhow. Bei der Suche nach Lösungen, insbesondere zur Frage der Finanzierung, tat man sich indessen merklich schwerer. Das Problem: Beide Branchen, Film- wie Kinogeschäft, eint die chronische Geldnot. Die Zahl der Kinobesuche ist im Jahr 2018 erstmals unter die 100.000.000-Millionen-Marke gerutscht und der Abwärtstrend scheint nicht mehr zu stoppen. Investitionen in Nachhaltigkeit seien mit den vorhandenen Geschäftsmodellen daher schwer zu erwirtschaften, resümierte Christian Pfeil die Situation. Pfeil ist Geschäftsführer der Arena Filmtheater BetriebsGmbH und weiß, wovon er spricht. Für die Finanzierung einer Photovoltaikanlage auf dem Dach eines seiner Kinos in Gera hat er eine wahre Förderanstalten-Odyssee durchlaufen. Die Filmförderanstalt (FFA) hatte seinen Antrag zwei Mal abgelehnt. Er wünscht sich die Möglichkeit, verschiedene Fördermittel zu kumulieren und außerdem alternative Fördermöglichkeiten zur FFA. Nötig sei die Photovoltaikanlage geworden, weil die Stromkosten durch die Digitalisierung massiv zugenommen hätten, erzählte Pfeil. Dass die durch die Digitalisierung entstehenden Ökokosten extrem hoch seien, bestätigte auch ein Vertreter aus dem Bundesumweltministerium. Dieses Problem habe man lange unterschätzt, umso wichtiger seien nun entsprechende Maßnahmen.

Dafür seien jedoch enorme Investitionen nötig, weiß Michael Becker, der beim SWR die Abteilung Szenische Herstellung, Auftragsproduktionen & Nachhaltigkeit leitet. Da man bei dem öffentlich-rechtlichen Sender der Wirtschaftlichkeit verpflichtet sei, könnten Investitionen in grüne Technologien erst nach langwierigen Prüfverfahren getätigt werden. Doch Becker ist sich sicher: Wenn sich die Technik erst einmal durchgesetzt habe, werde grünes Produzieren auch kostenneutral. Wann das soweit sein wird, steht laut Green Production Manager Philip Gassmann noch in den Sternen. Absurd sei, kritisierte er, dass die entsprechende Technologie und Ausstattung, wie etwa Erdgas-LKWs oder Elektro-PKWs längst im Handel seien, man sie aber in Deutschland bei keinem einzigen Verleiher finde. Viele Produktionen würden deshalb zwar bei den Basics wie Plastikabfall oder Catering mit regionalen und Bio-Produkten schon grüner, aber richtig grüne Produktionen gebe es mangels entsprechender Technik eben noch nicht.

Ein Verleiher spielte den Ball an die FFA weiter. Sie solle auch die Verleiher und nicht nur die Produzenten fördern. Die nationale Filmförderanstalt, vertreten auf dem Panel in Person von Birgit Heidsieck, FFA-Beauftragte für grünes Kino, wies darauf hin, dass man sich zumindest 2017 darauf geeinigt habe, dass sowohl nationale als auch regionale Förderanstalten Green Tools in der Kalkulation anerkennen würden. Bei der FFA stehe nun aber erstmal die nationale Aufstellung des Grünen Drehpasses ganz oben auf der Agenda.

Tatsächlich spielt das sogenannte „Green Shooting“ vor allem bei den regionalen Förderanstalten eine immer größere Rolle. So hat etwa die baden-württembergische Filmförderung MFG einen Handlungsleitfaden für ressourcenschonende Produktionsweise entwickelt, bietet einen CO₂-Rechner sowie Workshops zu Green Production Basics an und bezuschusst einen sogenannten „Green Consultant“, also Berater für nachhaltiges Produzieren, mit bis zu 5.000 Euro.

Doch eben da beißt sich die Katze in den Schwanz. Denn das große Problem des „Fördertourismus“, nämlich, dass ein Film in vielen verschiedenen Bundesländern produziert wird, nur um an den Inhalt der jeweiligen regionalen Fördertöpfe zu kommen, belastet die Klimabilanz erheblich. Wie dieses Dilemma zu lösen sei, dazu gab es aus der Runde keine Ideen. Lediglich Heidsiek schlug vor, die regionalen Förderanstalten sollten gegenseitig die Wirtschaftseffekte anerkennen, die in den unterschiedlichen Regionen erbracht werden.

Weniger Autos im Tatort und mehr vegetarisches Catering am Filmset

Ergiebiger war da schon die Diskussion zur Frage des Knowhows. Mit Korina Gutsche und Philipp Gassmann saßen zwei Nachhaltigsberater*innen am Expertentisch. In Workshops oder Einzelberatungen schulen sie Beschäftigte aus Film- und Kinobranche in grünen Tools und Technologien. Im Kinobereich betrifft das vor allem energieeffiziente Gebäude, ein gutes Abfallmanagement, die umweltfreundliche Mobilität der Kinobesucher*innen und Spots und Filmangebote zu Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Am Filmset dagegen, führte Gassmann aus, gebe es viele Bereiche, wo grünes Produzieren großes Sparpotenzial habe, etwa bei den Transportmitteln. Nachhaltiger werden könne man aber auch beim Catering, etwa durch regionale Produkte und weniger Fleischkonsum, bei der Technik, zum Beispiel durch LED-Lampen oder einen Ökostromanschluss, aber auch bei den Drehbüchern selbst. Unter dem Begriff „Green Storytelling“ sensibilisiert Gassmann in seinen Workshops Filmschaffende für eine grüne Erzählweise. Heißt konkret: Autoszenen beim Tatort anders erzählen, weniger Fliegen oder das Verwenden nachhaltiger Dekobauten.

Blauer Engel für Filmproduktionen

Fazit: Grüner wird’s, allerdings nicht von allein. Am Zug ist – natürlich – vor allem die Politik, die dafür sorgen muss, dass das Thema Nachhaltigkeit eine stärkere Rolle in den Vergaberichtlinien der Filmförderung spielt und ausreichend finanzielle Ressourcen dafür zur Verfügung stehen. Sichergestellt werden muss aber auch eine ausreichende Finanzierung der öffentlich-rechtlichen Sender, damit diese in grüne Technologien investieren und bei Auftragsproduktionen mehr Geld für das Einhalten nachhaltiger Standards ausgeben können.

Immerhin: Im Bundesumweltministerium und beim BKM ist man sich der Problematik durchaus bewusst und arbeitet seit kurzem sogar zusammen an Lösungsstrategien. So stehe unter anderem eine Zertifizierung für grüne Produktionen nach dem Vorbild des Blauen Engels auf der gemeinsamen Agenda.


***Aktualisiert am 01.02.2019: In einer ersten Version dieses Artikels hieß es „Und der Vorschlag Heidsieks, regionale Förderanstalten sollten nach dem Vorbild Hamburg/Schleswig-Holstein möglichst fusionieren, scheint kaum praktikabel.“ Dies haben wir geändert zu: „Lediglich Heidsiek schlug vor, die regionalen Förderanstalten sollten gegenseitig die Wirtschaftseffekte anerkennen, die in den unterschiedlichen Regionen erbracht werden.“

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