Medienhaus Bauer geht an Lensing Media

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Fusionen verändern den regionalen Zeitungsmarkt. Jüngstes Beispiel: Das in Marl ansässige Medienhaus Bauer soll von dem Dortmunder Medienunternehmen Lensing Media übernommen werden. 180 Beschäftigte sind betroffen. Kritiker befürchten, dass die lokale Berichterstattung darunter leidet. In den vergangenen fünf Jahren wurden allein in Nordrhein-Westfalen rund ein Dutzend Redaktionen aufgelöst oder zusammengelegt.

Bei der Übernahme geht es unter anderem um die „Marler Zeitung“ und die „Recklinghäuser Zeitung“. Der Antrag beim Kartellamt wurde am 5. August gestellt, die Prüfung war bei Redaktionsschluss noch nicht abgeschlossen.

Das Medienhaus Bauer – nicht zu verwechseln mit der Bauer Media Group in Hamburg – gibt in Recklinghausen, Herten, Datteln, Marl, Oer Erkenschwick und Waltrop insgesamt sechs Tageszeitungen mit einer verkauften Gesamtauflage von 50.000 Exemplaren heraus. Während die Redaktionen fast vollständig übernommen werden sollen, gebe es für den Bereich der Verwaltung noch keine feste Zusage, heißt es aus dem Umfeld des Verlages.

Lensing Media erscheint mit seinen Tageszeitungen und Anzeigenblättern in Dorsten, Haltern und Castrop-Rauxel in unmittelbar Nähe zum bisherigen Bauer-Gebiet. „Wir wollen die Transformation der Medienhäuser mit vereinten Kräften erfolgreich vorantreiben. Unser Ziel ist es, jeden Menschen in der Region mindestens einmal täglich mit einem Print oder Digitalprodukt oder einer Dienstleistung zu erreichen“, erläutert Verleger Lambert Lensing-Wolff. Lensing ist bereits seit 1975 an Bauer beteiligt.

Der Bürgermeister der Stadt Marl, Werner Arndt (SPD), zeigt sich skeptisch: Er sei in großer Sorge um die Arbeitsplätze sowie die Presse- und Meinungsvielfalt in Marl und der Region. „Nach Aufgabe der Redaktion der „WAZ“ in Vest wäre die geplante Übernahme ein weiterer herber Schlag gegen die Vielfalt der lokalen Berichterstattung im bevölkerungsreichsten Kreis Deutschlands“, so Arndt gegenüber dem „Westfalenspiegel“.

Und es gibt weitere Fusions-Beispiele: In Dortmund übernehmen die „Westdeutsche Allgemeine“ und die „Westfälische Rundschau“ mittlerweile den Lokalteil der „Ruhr Nachrichten“ und in Düsseldorf die „Westdeutsche Zeitung“ und die „Neue Ruhr/Rhein Zeitung“ die Lokalberichterstattung der „Rheinischen Post“. Auch die Medienhäuser „Neue Westfälische“, „Lippische Landes-Zeitung“ und „Mindener Tageblatt“ fusionierten im Frühjahr 2019 ihre überregionale und regionale Berichterstattung. Vor drei Jahren hatte Lensing Media bereits die Mantelredaktion der „Ruhr Nachrichten“ aufgegeben.

„Der Lokaljournalismus wird zu einem raren Gut, das von jeweils nur noch einer Quelle abhängt, zugleich aber – anders als früher – auf unterschiedlichen Wegen vervielfacht wird: in mehreren Zeitungen und deren angeschlossenen digitalen Angeboten“, so Medienwissenschaftler Horst Röper in einer Studie für die Fachpublikation Media Perspektiven (6/2020) unter dem Titel „Schrumpfender Markt und sinkende Vielfalt“.

Die Zeitungslandschaft in Nordrhein-Westfalen hat sich in den vergangenen Jahren spürbar verändert. Zwischen 2016 und 2019 sanken die Auflagen der regionalen Tageszeitungen in Nordrhein-Westfalen um elf Prozent (etwa 200.000), die Zahl der Hauptredaktionen hat sich um vier auf 14 reduziert. Dies ergab eine Antwort der nordrhein-westfälischen Landesregierung auf eine Anfrage der SPD-Fraktion. Aktuell liegt die verkaufte Auflage der regionalen Zeitungen in NRW bei etwa 2,2 Millionen. 1993 waren es noch doppelt so viele.

Die zahlreichen Fusionen und Kooperationen seien vor allem der Tatsache geschuldet, „dass die Verlage ihre Betriebskosten anpassen müssen, da das Digitalgeschäft die Umsatzverluste auf dem klassischen Zeitungsmarkt nicht ansatzweise auffangen kann“, sagt Frank Lobigs, Professor für Medienökonomie am Institut für Journalistik der TU Dortmund. Dies sei auf regionaler Ebene in letzten Jahren verstärkt durch Kooperationen zum Abbau redaktioneller „Doppelstrukturen“ geschehen, die dabei größtenteils unter dem Radar der breiteren Öffentlichkeit stattfänden.

Selbst die langjährig erprobte Strategie, die Auflagenverluste auf dem Vertriebsmarkt durch immer höhere Bezugspreise für die alten Abonnentinnen und Abonnenten zu kompensieren, werde in den nächsten Jahren kaum mehr aufgehen, so Lobigs. Da zugleich die Vertriebskosten der gedruckten Zeitungen vor allem in den ländlichen Gebieten deutlichen anstiegen, werde die wirtschaftliche Zustellung von Printexemplaren zusehends in Frage gestellt: „Laut einer Prognosestudie der Unternehmensberatung Schickler für den Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) wird die Zustellung von Tageszeitungen in fünf Jahren in 40 Prozent aller Gemeinden nicht mehr wirtschaftlich möglich sein.“

Viele Verlage versuchten diesen Trend durch eine Umwandlung von Print- zu E-Paper-Abos aufzufangen, doch auch hier stoße man bei der alten Zeitungsleserschaft auf Grenzen, erklärt Lobigs. „Hinzu kommt, dass die jüngere und mittelalte Generation nicht bereit ist, für digitale Angebote der lokalen Tageszeitungen einen Beitrag zu leisten, der auch nur ansatzweise in Relation zu den Verlusten steht.“ Wie einschlägige Schätzungen zeigten, läge der Anteil der Paid-Content-Einnahmen am gesamten Vertriebsumsatz bei den Regionalzeitungen bei kleinen einstelligen Promille-Werten. Als letzte Option bleibe dann Lobigs zufolge nur die Konsolidierung des schrumpfenden Marktes durch Zusammenschlüsse von Redaktionen und Verlagshäusern. Und hier ginge man inzwischen wohl in die letzten Runden des „Zeitungen-Endspiels.“


Aktualisierung am 5.9. 2020

Kartellamt genehmigt Übernahme

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