Radio Potsdam unheimlich gefragt

Tobi Brauhart, Moderator der Morningshow "Tobi und die Radiowecker"
Foto: Radio Potsdam

Trotz Umsatzeinbußen mehr gearbeitet als je zuvor

„Es gibt uns noch, weil wir ein sehr gutes Jahr 2019 hatten. Aber wenn ich die Umsätze sehe: Lange halten wir das auch nicht durch“, sagt Juliane Adam. Sie ist Geschäftsführerin der Brandenburger Lokalradios GmbH, die den Lokalsender „Radio Potsdam“ betreibt. 30 Prozent Umsatzeinbußen musste man hier wegen der Corona-Krise verkraften, 100.000 Euro fehlen allein aus dem Bereich der Eventbewerbung. Zwar habe man alternative Umsätze generieren können, doch die reichten lange nicht, um das Loch zu stopfen. Und das Werbegeschäft laufe nur schleppend wieder an, so die Senderchefin.

JUliane Adam, Geschäftsführerin dre Brandenburger Lokalradis GmbH Foto: privat

Der Corona-Lockdown im März hatte auch die Belegschaft von  „Radio Potsdam“ kalt erwischt: „Es herrschte ein großes Durcheinander und große Verunsicherung“, erinnert sich Adam. „Da war zum Einen die Angst um die Umsätze – die Werbestornierungen flatterten stündlich ins Haus – und zum Anderen die Frage, wie man die Abläufe aufrecht erhalten kann: Wo gibt es Masken, wer kann nähen, was ist, wenn jemand aus dem Team Corona bekommt? Können wir dann nicht mehr senden?“ Den gesamten Vertrieb habe sie sofort ins Homeoffice geschickt, da die Mitarbeiter*innen dort auch schon vor Corona tageweise zu Hause gearbeitet hätten und die nötige Infrastruktur daher vorhanden gewesen sei. Die Kontaktvermeidung im Studio habe sich dann recht unkompliziert organisieren lassen, doch die Angst, die komplette Belegschaft könnte nach einem Corona-Fall unter Quarantäne gestellt werden, blieb.

Wenn der Bürgermeister plötzlich im Studio steht

Aber so weit kam es nicht. Zum Glück, denn: „Gerade in dieser Lockdown-Zeit waren wir als lokales Medium unglaublich gefragt, weil der Bedarf vor allem an regionalen Informationen so hoch war“, sagt Adam. „Einer der ulkigsten Momente war, als unser Oberbürgermeister plötzlich mit dem Kaffeebecher in der Hand hier bei uns im Studio stand und sagte: Können wir auf Sendung gehen bitte, ich muss meine Bürgerinnen und Bürger informieren.“ Auch die Arbeitsagentur sei auf Radio Potsdam zugekommen, um die Bevölkerung zu informieren. „Wir haben hier gefühlte 700 Sendungen zum Thema Kurzarbeit gemacht.“ Noch nie habe man so viel gearbeitet. Es sei ein „erhebendes Gefühl“ gewesen, derart gebraucht zu werden und helfen zu können. Deshalb sei es undenkbar gewesen, jemanden in Kurzarbeit zu schicken. Und trotz der Umsatzeinbußen von 30 Prozent im Vergleich zum ersten Halbjahr 2019 war das auch bisher nicht nötig. „Geholfen hat uns unser breitgefächerter Kundenstamm“. Energiedienstleister, Lebensmittelhändler oder große Gewerbeunternehmen, die nicht unmittelbar vom Lockdown betroffen waren, hätten ihre Werbung weiterlaufen lassen. Auch alternative Umsätze habe man generieren können, etwa durch die Sendungen mit der Arbeitsagentur. Die Verluste kompensieren könnten diese Einnahmen jedoch nicht, so Adam.

Ungewisse Zukunft

Seit dem 12.12.2012 um 12:12 Uhr sendet Radio Potsdam aus einem denkmalgeschützten Gebäude in der Potsdamer Einkaufs- und Flaniermeile Brandenburger Straße. Wohl nicht denkmalgeschützt, aber immerhin ziemlich angestaubt ist nach acht Jahren Hochbetrieb auch die Studiotechnik. „Mit dem Puffer, den wir uns 2019 erarbeitet haben und von dem wir jetzt leben, wollten wir eigentlich das Studio komplett umbauen“, erzählt Adam. Wann sie diesen Puffer wieder aufgestockt haben wird, das bleibt schwer zu sagen. Denn auch wenn die Corona-Maßnahmen seit Mai schrittweise weiter gelockert werden: „Man merkt, dass sich die Werbebranche nicht so schnell erholt wie erhofft, weil viele weiterhin mit angezogener Handbremse fahren.“ So wie etwa die Automobilindustrie, die noch immer auf die Abwrackprämie hoffe und deshalb vorerst wenig werbe. Oder die großen Einkaufscenter, die fürchteten, dass zu viel Werbung auch zu vielen Kund*innen gleichzeitig führe und Abstandsregeln nicht mehr eingehalten werden könnten. Weitere Unwägbarkeit, die eine Umsatzprognose bis Jahresende erschwere: die Perspektive für Veranstaltungen, ein wichtiger Posten in den Werbeumsätzen. „Das, was jetzt reinkommt, reicht zum Überleben, aber ich mache keine Gewinne.“ Adam rechnet deshalb nicht nur für ihren Lokalsender, sondern für die meisten Mittelstandsunternehmen mit „einem unglaublichen Investitionsstau“. Hoffnung setzt sie in die Corona-Hilfen des Landes Brandenburg, die von der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB) verteilt werden. Ende Juni hatten Brandenburgs Medienbeauftragter, Staatssekretär Benjamin Grimm, und MABB-Direktorin Anja Zimmer eine entsprechende Vereinbarung unterzeichnet. Diese sieht vor, dass die lokalen TV- und Radioanbieter im Land im Jahr 2020 mit 750.000 Euro bei den Übertragungskosten unterstützt werden. Noch sind keine Gelder geflossen, die Landesmedienanstalt muss erst den Verteilschlüssel festlegen, „aber wir wurden bereits mehrfach aufgefordert, entsprechende Unterlagen dafür einzureichen“. Dass mit dem Staatsgeld die technische Verbreitung gefördert und damit eben nicht in den journalistischen Bereich eingegriffen werde, begrüßt Adam. Sie hofft auf ein faires Stück vom Kuchen und bleibt optimistisch.

Foto. Radio Potsdam

„Da hat Radio machen unheimlich Spaß gemacht.“

Optimistisch stimmen Adam auch die positiven Folgen der Corona-Krise: „Das Schöne ist ja, dass wirklich überall eine große Kreativität durch die Pandemie freigesetzt wurde.“ Auch bei Radio Potsdam habe man spezielle Formate entwickelt, von denen einige nun beibehalten werden sollen. Darunter die Sendung „Local heroes“. Diese war recht schnell nach dem Lockdown entstanden, um die lokalen Musiker*innen zu unterstützen, denen wegen der ausbleibenden Veranstaltungen die Einnahmen wegbrachen. Künstler*innen schicken ihre Musik ein, die Radio Potsdam dann sendet und den Musiker*innen damit zumindest Gema-Tantiemen beschert. „Am Anfang lief die Sendung über mehrere Wochen jeden Tag eine Stunde, mittlerweile nur noch einmal in der Woche eine Stunde, aber wir behalten sie auf jeden Fall bei.“

Darüber hinaus habe man ein Corona-Expert*innen-Team aus Anwält*innen, Psycholog*innen, Lehrer*innen, Steuerberater*innen und Kindergärtner*innen gebildet, erzählt Adam. „Die hatten dann feste Sendezeiten und haben den Menschen Tipps gegeben, wie sie durch die Krise kommen.“ Doch das große Informationsbedürfnis habe nach den anfänglichen Wochen irgendwann gedroht, einem Informationsüberdruss Platz zu machen. „Da die Balance zu finden und das richtig abzuwägen, das war schwierig.“ Vor einem Feiertagswochenende habe man dann entschieden – „nach wilder interner Diskussion“ – das ganze Wochenende lang nur Musik und keine Nachrichten zu senden. Das Feedback der Hörerinnen und Hörer? „Durchweg positiv.“ Überhaupt habe sich in der Corona-Krise gezeigt, wie viel Vertrauen das Publikum zu seinem lokalen Sender hat, zieht Adam Bilanz. Sie ist sich deshalb sicher: „Es wird uns weiter geben, wir werden nicht untergehen.“

 

 

 

nach oben

weiterlesen

Staatliche Einheit und mediale Spaltung

Auch 30 Jahre nach dem Fall der Mauer ist der deutsche Medienmarkt gespalten. Die Gründe für das „innerdeutsche“ Ost-West-Gefälle sind kein Geheimnis. Sie liegen hauptsächlich im Nachwende-Kolonialismus der westdeutschen Mehrheitsgesellschaft. Das aktuelle Arbeitspapier der Otto-Brenner-Stiftung „30 Jahre staatliche Einheit – 30 Jahre mediale Spaltung“ analysiert die Fehlentwicklungen und macht Reformvorschläge.
mehr »

nd: Genossenschaft – eine gute Idee?

Das „neue deutschland“, vor Jahren noch stolz als „die Linke unter den Großen“ beworben, wird Ende April 75 Jahre alt. Feierstimmung wird bei den etwa 100 Machern der „Sozialistischen Tageszeitung“ kaum aufkommen. Sie haben andere Sorgen: Am 22. Februar hat die Geschäftsführung informiert, dass die Gesellschafter die ND Druckerei und Verlag GmbH zum Jahresende auflösen wollen. Stattdessen könne eine Genossenschaft gegründet werden. Fragen an Redaktionssprecherin Haidy Damm.
mehr »

Streamingdienste könnten Kinos verdrängen

Als ob die Corona-Krise den Kinobetreiber*innen nicht schon genügend Schwierigkeiten bereitet, gibt es nun ein weiteres, umfassendes Problem: Große US-Filmstudios setzen auf eigene Streamingdienste und wollen dieses Jahr ihre Blockbuster nicht mehr zuerst im Kino zeigen. Damit schwindet der exklusive Vorsprung des Kinos. Ist das Gemeinschaftserlebnis vor großer Leinwand in Gefahr?
mehr »

Die dju – ein Angebot zur Mitgestaltung

Mit dem neuen Jahrtausend kam auch für die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di einiges an Neuem. Noch bevor sie ihren 50. Geburtstag feierte, knackte sie im Jahr 2000 die 20.000-Mitglieder-Marke. 2001 kam ver.di und die dju feierte ihr halbes Jahrhundert im Retro-Look im Kölner Gürzenich. Zur 60-Jahr-Feier waren die Kolleginnen und Kollegen von Rundfunk, Fernsehen und audiovisuellen Medien in der neuen Fachgruppe Medien mit dabei. Und nun, zum 70. Geburtstag, steht der dju in ver.di wieder etwas Neues ins Haus: Ein Feiertag in Pandemiezeiten.
mehr »