Frauen mehr Macht – besser für uns alle!

Dr. Bärbel Röben lebt als freie Journalistin und Medienwissenschaftlerin in Attendorn/Sauerland. 2013 veröffentlichte sie das Buch "Medienethik und die Anderen. Multiperspektivität als neue Schlüsselkompetenz", das Aspekte einer verantwortungsethischen Berichterstattung auslotet. Foto: Jan-Timo Schaube

Die Corona-Pandemie verschärft die Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen, zwischen Armen und Reichen, zwischen den Ländern im Norden und im Süden der Erde. Höchste Zeit, die in UN-Abkommen verbriefte Geschlechtergerechtigkeit umzusetzen, denn mehr Frauen an der Macht befördern den Wandel zu einer Weltgesellschaft, die gemeinwohlorientiert und gleichberechtigt ist. Dazu können wir als Gewerkschafter*innen und Medienschaffende beitragen – nicht nur am Weltfrauentag!

Die Frauenorganisation der Vereinten Nationen, die „UN Women“ feiert den diesjährigen 8. März denn auch unter dem Motto „Frauen in Führungspositionen: für eine gleichberechtigte Zukunft in einer COVID-19-Welt“. Wie das geht, skizziert auch die engagierte Politikerin und Juristin Christa Randzio-Plath in ihrem Buch „Frauenrechte sind Menschenrechte – weltweit“. 2020 haben fast alle Staaten in ihren Verfassungen Gleichstellungsbestimmungen. “Sie sind wichtig, weil sie Regierungen und Parlamente, Verwaltung und Gerichte verpflichten. Dennoch bleibt die strukturelle Diskriminierung der Frauen“ konstatiert Randzio-Plath.

Als „hart erkämpften Glücksfall“ bezeichnet sie die UN-Frauenrechtskonvention, die 1981 in Kraft trat, denn das Übereinkommen stelle klar: „Jegliche Diskriminierung der Frau ist eine Menschenrechtsverletzung.“ In der Covid-19-Pandemie seien es weltweit mehr Frauen, die in systemrelevanten Berufen arbeiten, aber keinen gerechten Lohn für ihre Arbeit oder menschengerechte Arbeitsbedingungen haben. Öffentliche Daseinsvorsorge müsse dazu beitragen, Frauen aus ihrer Armuts- und Sorgefalle zu befreien. Ein neoliberales Wirtschaftssystem, das öffentliche Dienstleistungen der Daseinsvorsorge privatisiert, liefere Frauen und Männer weltweit Armut, Gewalt, Hunger und Ausbeutung aus.

Raus aus dem „lila Ghetto“

 Nach Untersuchungen des Weltwirtschaftsforums 2020 müssen Frauen weitere 100 Jahre auf Gleichstellung warten, denn weltweit behindern Genderstereotype, diskriminierende Normen und Verhaltensmuster noch immer Geschlechtergerechtigkeit. Sie schaffen ein „lila Ghetto“, weil sie Frauen als minderwertig abstempeln und in zugewiesene Rollen pressen. Als „grausames Beispiel“ dafür nennt Randzio-Plath die „Wahrnehmung von Frauen als sexuellem Eigentum von Männern“, die dazu führt, dass Vergewaltigungen in der Ehe nicht verboten werden. In Deutschland stehen sie erst seit 1997 unter Strafe. Zugleich hätten die Geschlechterstereotypen auch Auswirkungen auf die soziale Wirklichkeit und seien verantwortlich für Lohn- und Rentenlücke, prekäre Arbeit, geschlechtsspezifische Berufswahl, Feminisierung von Armut und jegliche Form von Gewalt gegen Frauen.

Medien spielen bei der Bekämpfung von Geschlechterstereotypen eine besondere Rolle. Deswegen wurde bereits 1995 in der Aktionsplattform der Pekinger Weltfrauenkonferenz gefordert, dass Frauen klischeefreier dargestellt werden und stärker in Redaktionen mitwirken. Seitdem gibt es das Global Media Monitoring Project (GMMP), in dem Freiwillige alle fünf Jahre an einem Stichtag die Repräsentation von Männern und Frauen in den Nachrichten weltweit untersuchen. Erste, vorläufige Ergebnisse der jüngsten Nachrichtenbeobachtung vom 29. September 2020 belegen, dass Geschlechterstereotype weiterhin existieren und Frauen unterrepräsentiert sind.

Die Coronapandemie prägte die Nachrichtenlage, aber jede vierte Geschichte thematisierte auch, wie etwa soziale und ökonomische Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen aufgrund der Covid-19-Krise wachsen. Die Zahl der weiblichen Nachrichtensubjekte und -quellen stieg im Vergleich zu 2015 in Radio und Fernsehen um jeweils vier Prozent. Aber mit 25 und 28 Prozent sind Frauen immer noch stark unterrepräsentiert. Im Web sank ihr Anteil sogar um drei auf 23 Prozent und in den Printmedien um zwei auf 24 Prozent. Ihre Rolle in den Nachrichten ist weiterhin sehr klischeehaft: als Expertin kommen Frauen nur in 21 Prozent der Beiträge vor, als Augenzeugin aber in fast jedem zweiten Text. In Deutschland kritisierte Pro Quote Medien im Mai 2020 die Dominanz männlicher Virolog*innen und startete eine erfolgreiche Kampagne für mehr Coronaexpertinnen.

Dass Frauen insgesamt mehr Funktionen in den Nachrichten übernehmen, erklärt das GMMP-Team mit dem großen Einfluss der Pandemie auf das Alltagsleben. Bei den Reporter*innen und Newspräsentator*innen erreicht der Anteil von Frauen mittlerweile mit über 30 Prozent – im TV sogar 48 Prozent – die kritische Masse, die Einflussmöglichkeiten eröffnet. Das sind doch gute Voraussetzungen für den weiteren Marsch in die Redaktionen und die Einforderung von Frauenrechten!

Für Geschlechtergleichstellung weltweit

In Politik und Wirtschaft liegt die Teilhabe der Frauen weltweit noch unter der kritischen Grenze von 30 Prozent. Nur zehn Prozent der Regierungschef*innen sind weiblich, nur 25 Prozent der Abgeordneten und nur eine von vier Manager*innen. „Enttäuschend ist es auch, dass sich die bessere Bildung der Frauen nicht positiv auf Geschlechtervorurteile und Geschlechtergleichstellung in Arbeitswelt und Gesellschaft auswirken“, so Randzio-Plath. Denn gerade dort hat es, genauso wie in der Gesundheitsversorgung, Fortschritte gegeben.

Besonders in der Wirtschaft ist die Geschlechtergleichstellung aber noch in weiter Ferne. Frauen leisten nach wie vor zwei Drittel der Weltarbeitsstunden – zumeist mit prekärer und informeller Beschäftigung – und verdienen nur zehn Prozent des Welteinkommens. 70 Prozent der von Armut betroffenen Menschen sind weiblich. Von den Erwerbstätigen im informellen Sektor leben 93 Prozent in den Ländern des Südens, wo vor allem Frauen in der Textil- und Computerindustrie, Lederverarbeitung und Blumenindustrie für den Export schuften. Sie können sich kaum gewerkschaftlich organisieren und haben keinen Anspruch auf Arbeit und Bezahlung, wenn – wie in der Covid-19-Krise – Aufträge ausfallen oder Auftraggeber die Lieferung nicht bezahlen.

Die UN, die Internationale Arbeitsorganisation ILO, die OECD, Gewerkschaften und Frauenverbände prangern diese Diskriminierung von Frauen in der Wirtschaft an, weil sie gegen alle internationalen Konventionen verstößt, und suchen Abhilfe. So sollen alle UN-Staaten heimische Unternehmen verpflichten, die Einhaltung von Menschenrechten bei ihren Zulieferern durchzusetzen. Ein solches Lieferkettengesetz hat die deutsche Bundesregierung auf Druck einer Initiative, der auch ver.di angehört, im Februar 2021 auf den Weg gebracht.

Große Hoffnung setzen Frauen- und Entwicklungsorganisationen auf die UN-Agenda 2030, die Nachhaltigkeit auch als Geschlechtergerechtigkeit begreift. Mehr Frauen an der Macht beförderten eine gerechtere Wirtschaftspolitik und eine zukunftsfestere Gesellschaft, so auch Randzio-Plath. Dort wo sie gestalten, werde mehr für die Daseinsvorsorge getan. So hätten Länder mit Regierungschefinnen die Covid-19-Pandemie bisher am besten überstanden.

In Deutschland sind wir Frauen relativ privilegiert, aber durch die Coronapandemie verschärfen sich auch hier bestehende Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern. Genderstereotype, die diese verfestigen, werden nicht nur vom rechten politischen Rand befeuert. Da ist es gut, dass wir in unserer Gewerkschaft eine starke Verbündete haben, die Gleichberechtigung in ihren Aufruf zum Internationalen Frauentag aufgenommen hat: „Mehr Gewerkschaft, mehr Gleichstellung, mehr denn je!“

 

 

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