Medienbühne und Verhandlungstisch

Marktplatz in Ulm am 28. Juni 2016: Redakteurinnen und Redakteure an Tageszeitungen streiken für deutlich mehr Gehalt in den Tarifverhandlungen 2016 Foto: Joe Roettgers/Graffiti

Tarifverhandlungen finden in der Regel hinter verschlossenen Türen statt, aber nicht nur Mitglieder von Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden fordern mittlerweile mehr Transparenz. Viele Verhandlungsführer*innen meinen jedoch, ein für beide Seiten tragfähiges Tarifergebnis eher jenseits medialer Aufmerksamkeit erzielen zu können. Dabei ist „gar nicht klar, welche Wirkung öffentliche Beobachtung auf Verhandlungen hat“, sagt Kommunikationswissenschaftlerin Christina Köhler.

In einem Projekt, das von der Otto-Brenner-Stiftung (OBS) gefördert wurde, hatte Köhler bereits 2016 zusammen mit Pablo Jost untersucht, wie Medien über Tarifkonflikte berichten. Sie plante, in ihrer Dissertation näher zu erforschen, welche Einflüsse Medien auf den Verhandlungsverlauf und das Ergebnis von Tarifkonflikten ausüben. Dieses Vorhaben realisiert sie jetzt im Team von Prof. Oliver Quiring und Dr. Mathias Weber, die das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG geförderte Projekt am Institut für Publizistik in Mainz leiten. Am Beispiel von Tarifverhandlungen wird hier untersucht, welche Rolle Medien und öffentliche Aufmerksamkeit in Entscheidungsprozessen von gesellschaftlichen Funktionseliten spielen.

2017 und 2018 führte das Forschungsteam Interviews mit 33 hochrangigen Verhandlungs- und PR-Expert*innen von Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften aus zehn zentralen Branchen – etwa Chemie, Metall- und Elektroindustrie sowie Dienstleistungsbereichen wie Banken und Luftfahrt. „Dabei haben wir sehr facettenreiche Einblicke darin erhalten, wie sich Medienberichterstattung und öffentliche Stimmungen parallel zum Verhandlungsgeschehen auswirken können“, gibt Köhler Einblicke in den Forschungsstand und einige der Befunde, die zurzeit ausgewertet werden. Die Ergebnisse der Expert*inneninterviews werden wahrscheinlich im Herbst vorliegen.

Medialer Druck durch Streikberichterstattung

„Entscheider müssen mit dem Verhandlungspartner einig werden, den Kontakt zu den eigenen Mitgliedern halten und das Geschehen in der Politik im Auge behalten“, beschreibt Köhler die vielfältigen Kommunikationsfelder. Medien erfüllten dabei oft eine Brückenfunktion. Das Besondere daran sei aber, dass die Medien im Gegensatz zu einer Brücke nicht einfach nur eine statische Vermittlung leisten, sondern durch ihre spezifische Funktionsweise ganz eigene Dynamiken erzeugen können. Wenn in einer Zeitungsschlagzeile zum Beispiel das Wort „Streik“ auftaucht, dann habe das in manchen Tarifauseinandersetzungen „eine heikle Bedeutung“. In der Luftfahrtbranche sei diese Art von Druckaufbau z. B. besonders effektiv. Gewerkschaften könnten hier mit der öffentlichen Erwägung von „Streik“ große wirtschaftliche Schäden für die Arbeitgeberseite verursachen, denn verängstigte Kund*innen warten mit ihrer Buchung erst einmal ab oder nehmen eine andere Airline.

Als „eines der mächtigsten Werkzeuge, um das Gegenüber unter Druck zu setzen“ gilt das „Leaking von Informationen aus dem Verhandlungsgeschehen“, so Köhler. Das werde zwar selten eingesetzt, zeige aber, dass Medien und Öffentlichkeit durchaus eine Rolle am Verhandlungstisch spielen. Gewerkschaften, in deren strategischem Repertoire eine Eskalation hin zum Streik eine große Rolle spielt, profitieren stärker davon, dass die Medien „Konflikten mit viel Interesse begegnen und darüber sehr intensiv berichten“. Diesen Eindruck habe man bei mancher Spartengewerkschaft zu Beginn des Jahrzehnts bekommen können.

Da „Konflikt“ und „Betroffenheit“ nach der OBS-Studie von Köhler und Jost zentrale Nachrichtenwerte für die Berichterstattung über Tarifauseinandersetzungen sind, ist es nicht verwunderlich, dass Medien den Verhandlungsgesprächen wenig Aufmerksamkeit schenken.

So versuchen die Entscheider*innen auf beiden Seiten keineswegs mehr mit „altbackenen Kommunikationsstrategien, sondern mit vielfältigen und ausdifferenzierten Mitteln“, Journalist*innen für ihre inhaltlichen Forderungen und Positionen zu interessieren, so Köhler. Ihnen gehe es vorrangig darum, ein „gutes Verhältnis zu den Medien“ aufzubauen – durch informative Pressemitteilungen, aber auch zum Beispiel durch Einladung zu Planspielen im Vorfeld von Tarifverhandlungen, um so „spielerisch in die Thematik einzuführen“.

Spannungen zwischen öffentlicher und Verhandlungssphäre

Für Gewerkschaften mit vielen Millionen Mitgliedern und Unternehmen mit einem großen Kundenstamm sind Medien die beste Brücke, um ihre Klientel zu erreichen und eine positive Stimmung zu erzeugen. Doch wenn sie es geschafft haben, von der Randspalte in die Schlagzeile zu kommen, sind sie oft überfordert mit der Situation, die ihnen mehr Aufmerksamkeit beschert, aber auch die Gefahr des Kontrollverlustes über die Kommunikation in sich birgt.

Nach den Ergebnissen einer Studie zu Verhandlungsprozessen im Kontext der Gesundheitsreform 2007 hätten die Entscheider*innen oft den Eindruck gehabt, dass es zu Spannungen zwischen der Verhandlungssphäre und der öffentlichen Sphäre kommt. Ihr gemeinsames Ideal ist, so Köhler: „Am besten findet man erst eine Lösung und geht dann damit an die Öffentlichkeit. Warum? Weil viele den Eindruck haben, wenn der Entscheidungsprozess erstmal öffentlich begleitet wird, dann fokussieren sich alle nur auf die Streitpunkte und erschweren damit, dass man das Gemeinsame – und nicht nur das Trennende – sieht und das ist schließlich die Basis für einen Kompromiss.“ Die Befragten aus Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden teilten diese Ansicht.

Die Entscheider*innen müssen sich trotz aller Spannungsmomente in beiden Sphären bewegen, um ihre Aufgabe zu erfüllen, so Köhler. Von ihnen werde nicht nur erwartet, „dass sie am Verhandlungstisch einen guten Deal machen, sondern auch, dass sie nach Abschluss über die Tarifergebnisse informieren – und ihren Mitgliedern erklären, warum das Ergebnis so und nicht anders aussieht“.

Mobilisierung über Massenmedien

Mit den Mitgliedern versuchen die meisten Gewerkschaftsfunktionär*innen „über Kanäle zu kommunizieren, die sie gut kontrollieren können – also Verbandsmedien oder indem sie in den Betrieben vor Ort mit den Mitgliedern direkt reden“, so Köhler. Aber manchmal erreichten sie so nicht alle und es sei nicht so effektiv – vor allem, wenn es um Mobilisierung gehe, könne die Wirkung über Massenmedien deutlich größer sein. Das zeigte sich auch in ihrer OBS-Studie, nach der „vor allem diejenigen Tarifpartner in ihren Pressemitteilungen sehr stark dem folgen, was von den Medien belohnt wird, die eine sehr große Masse an Menschen schnell und effektiv erreichen müssen.“

Social Media spiele für Gewerkschaften „zumindest bislang keine besonders große Rolle – in der Breite“. Es gebe einzelne Beispiele, wo Social Media erfolgreich für große Kampagnen eingesetzt wurde, aber Gewerkschaftsmitglieder seien über Social Media keineswegs mehr oder besser erreichbar als über die klassischen Massenmedien. Im Gegenteil, einige hätten „mit Hasskommentaren und Trolls schon richtig schlechte Erfahrungen gemacht und verhalten sich daher eher abwartend-vorsichtig in diesem Bereich“.

Fazit: Tarifverhandlungen finden einerseits in einem abgesteckten Rahmen statt, beinhalten anderseits aber viele unterschiedliche Möglichkeiten für Medieneinfluss – abhängig etwa von der Mitgliederzahl der Organisation oder vom Verhältnis der Tarifparteien. Die Wechselwirkungen und Spannungsmomente zwischen nicht-öffentlicher Verhandlungssphäre und öffentlicher Arena sollen in dem DFG-Projekt identifiziert werden. Köhler: „Wenn wir diese Spannungsmomente nämlich kennen, dann können wir auch Lösungen finden, wie man sie vermeiden oder überbrücken kann.“

 

 

 

 

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