NRW-Selbstständige: Konkrete Forderungen für faires Arbeiten

NRW-Selbstständigentag: Auf dem Podium Barbara Frien, Gundula Lasch, Frank Bethke, Kathy Ziegler, Veronika Mirschel und Johannes Maria Schatz (v.l.n.r.) Foto: Lars Lubienetzki

Düsseldorf: „Gewerkschaftsarbeit auf neue Füße stellen“

An der „öffentlichen Hand“ darben oder im „Plattformkapitalismus“ Klinken putzen? Diesem Horrorszenario hatten freiberufliche Verdianer_innen auf dem ersten NRW-Selbstständigentag am 10. September in Düsseldorf einiges entgegen zu setzen. Zentral für alle Berufsgruppen vom IT-Berater bis zur Journalist_in oder Künstler_in war die soziale Absicherung. Nach der inhaltlichen Arbeit in Workshops und Vernetzung in Pausengesprächen präsentierten sie Ideen für gewerkschaftliche Aktivitäten und Forderungen an die Politik, vor allem eine stärkere Beteiligung der Auftraggeber an den Sozialversicherungskosten.

Gundula Lasch, Frank Bethke und Kathy Ziegler Foto. Lars Lubienetzki
Gundula Lasch, Frank Bethke und Kathy Ziegler
Foto. Lars Lubienetzki

Von den ver.di-Mitgliedern in NRW sind 5.800 Solo-Selbstständige – zumeist Medien-, Kunst- und Kulturschaffende. Die 50 Teilnehmenden repräsentierten 17 der 21 Bezirke, freute sich Kathy Ziegler, Sprecherin der verdi-Landeskommission der Selbstständigen und hoffte, „dass wir unsere Gewerkschaftsarbeit in NRW auf neue Füße stellen können.“ Ihr hauptamtlicher Kollege Frank Bethke, in der Landesleitung zuständig für Freie, sagte: „Wir müssen die Arbeitswelt der Selbstständigen in ver.di transparent machen, gemeinsam politische Ziele erarbeiten und in die Öffentlichkeit bringen. Wir müssen die NRW-Landespolitik in die Pflicht nehmen und dafür die Landtagswahl 2017 nutzen!“

Johannes Maria Schatz Foto. Lars Lubienetzki
Johannes Maria Schatz
Foto. Lars Lubienetzki

Um die Ausbeutung von Freien in Bildung, Kunst und Kultur ging es im Workshop zu „Dumpinghonorare der öffentlichen Hand“ mit Johannes Maria Schatz von „art but fair“, einer Initiative die 2013 entstand, um die Arbeits- und Vergütungsbedingungen von Kulturschaffenden zu verbessern. Schatz stellte eine Studie vom Mai 2016 vor, in der die Situation von Künstler_innen analysiert wird. Danach halten 79 Prozent der Befragten ihre Gagen für unangemessen. 40 Prozent der Musiker_innen, Tänzer_ innen und Schauspieler_innen verdienen netto unter 10.000 Euro pro Jahr. Die prekäre Einkommenssituation hänge auch damit zusammen, dass 70 Prozent von ihnen unbezahlte Leistungen erbringen müssten. Besonders zu Beginn der Karriere erwarte man von Künstler_innen, die noch Erfahrung und Renommee sammeln wollen, kostenlose Auftritte. Später sei es üblich, dass sie für „Proben“ oder die Übertragung von Nutzungsrechten kein Geld bekommen.

„Art but fair“ plädiert für eine Zertifizierung fairer Arbeitgeber und hofft auf Moral und Macht der Kulturkonsument_innen, dass diese z.B. nur Theateraufführungen besuchen, wenn am Logo auf der Eintrittskarte erkennbar ist, dass die Schauspieler_innen faire Arbeitsbedingungen haben. Das gleiche ließe sich auf Bildungsangebote, etwa der VHS übertragen, um Mindesthonorare für die Dozent_innen zu fordern. Für Integrationskurse müsste das bei 56 Euro pro Stunde liegen, um Existenz sichernd zu sein.

Veronika Mirschel Foto: Lars Lubienetzki
Veronika Mirschel
Foto: Lars Lubienetzki

Mit „Arbeit 4.0“ befasste sich ein Workshop zu Crowdworking mit Veronika Mirschel, Leiterin des Bundesreferats Selbstständige in Berlin. Bis 2012 waren es vor allem IT-Arbeiten, die von Unternehmen in die Crowd ausgelagert wurden. Diese neue Form der Arbeitsverteilung im Netz betrifft mittlerweile viele andere Branchen: Clickworker bekommen Cent-Beträge für die Ermittlung von Adressen, Warenkennzeichnung oder die Bewertung von Produkten. Reinigungskräfte und Lieferdienste werden vermittelt genauso wie Programmier-, Design- und Textarbeitsaufträge – von verschiedenen Plattformen. Diese gliedern Projekte in kleine Auftragshäppchen, die dann verteilt werden – nach „digitalem Ruf“ des Crowdworkers (Gesundheit, Kreditwürdigkeit, Arbeitsbewertung etc.). In der Kreativwirtschaft läuft das zumeist über eine Ausschreibung nach dem Motto: „The winner takes it all“. Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung zeigt, dass hauptberufliche Crowdworker durchschnittlich 1.503 Euro, nebenberufliche nur 326 Euro im Monat verdienen. Was erwarten diese nun von der Gewerkschaft? Dass sie den „Vergabe-Algorithmus knacken“, so Mirschel. Die Workshop-Teilnehmenden aus Journalismus, Kunst, Kultur, Bildung, IT wollten sich nicht darauf beschränken, auf diesen „Plattformkapitalismus“ zu reagieren. „Es gibt immer neue Geschäftsmodelle, da rennt man immer hinterher“, so ein Teilnehmer, der die Lösung in einem bedingungslosen Grundeinkommen sieht.

Veronika Mirschel berichtete von einem Code of Conduct, mit dem junge start ups fairer agieren wollen – nicht uneigennützig, wie ihr Beispiel von „book a tiger“ zeigt, einer Plattform, die Reinigungskräfte an Privathaushalte vermittelt. Nach Kundenbeschwerden, dass niemand gekommen sei oder nur ein „Schlechtleister“, haben die Portalbetreiber „die Leute eingestellt, weil sie gemerkt haben, dass sie nur durch Mitarbeiterbindung Qualität bieten können“. Sollte ver.di nach dem Vorbild von „FairCrowdWorkWatch“ der IG Metall eine eigene Bewertungsplattform für Auftraggeber einrichten? Zusammen mit der IGM wird ver.di sich im Oktober auf einer Fachtagung zu globaler digitaler Arbeit damit befassen, wie Gewerkschaften im Rahmen der ILO Druck machen können.

Die Workshop-Runde entwickelte einen Maßnahmenkatalog gegen den ausbeuterischen Plattformkapitalismus. Dem Problem der Zerstückelung von Aufträgen, Unterbieten von Honoraren und Verschleierung von Verantwortlichkeiten durch ellenlange Wertschöpfungsketten solle man seitens der Gewerkschaft durch Vernetzung der Auftragnehmenden begegnen. Denkbar sei ein eigenes Portal fürs Angebotsmatching, das als „faire Plattform“, genossenschaftlich konzipiert, Honorare transparent macht und Urheberrechte schützt. Von der Politik forderten sie die Einführung einer Arbeitskräfte-Transaktionssteuer für Vermittlungsagenturen und die Einrichtung einer zentralen Stelle, die Sozialabgaben von den Auftraggebern einziehen soll – analog zur KSK.

Barbara Frien Foto: Lars Lubienetzki
Barbara Frien
Foto: Lars Lubienetzki

In dem Workshop zu Akquise gab Diplompsychologin Barbara Frien berufspraktische Tipps. Die „Top-Erkenntnisse“: Zunächst ein klares Konzept entwickeln und darüber einmal pro Woche reflektieren. Kunden regelmäßig ansprechen, zumal einige erst beim vierten oder fünften Mal reagieren. Den Gesprächen sollte die genaue inhaltliche Planung des Angebots vorausgehen: Was ist mein Alleinstellungsmerkmal? Frien regte an, sich nach Auftragserledigung ruhig einmal ein Feedback abzuholen. Das wirke wie eine „warme Dusche“.

In der Schlussrunde brachte Gundula Lasch, Sprecherin der Bundeskommission Selbstständige, die zentralen Forderungen auf den Punkt: „Soziale Absicherung bedeutet, dass ich anständig leben kann und das hängt ab von der Gestaltung der Arbeitsformen, Auftragsakquise und Honorar.“ „Soziale Absicherung – da hört doch keiner mehr hin“ hieß es aus dem Plenum. Kathy Ziegler entgegnete, es komme darauf an, wie es kommuniziert wird: „Wie setzen wir unser Thema?“ und Frank Bethke betonte, dass die Forderungen der Selbstständigen nicht nur in Politik und Öffentlichkeit gebracht, sondern auch innergewerkschaftlich stärker diskutiert werden müssten.

 

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