Dem Mediennachwuchs droht Praxishunger

Es gab bessere Zeiten für Volontariate und Redaktionspraktika
Symbolfoto: Christian von Polentz

Homeoffice und Kurzarbeit in den Redaktionen: Schlechte Zeiten für Praxissemester, Kurzvolontariate und Praktika. Versammlungsverbot und „Social Distancing“ gelten auch für journalistische Studiengänge und Journalistenschulen: Veranstaltungen via Zoom und Umschichtung der Lehrpläne sind das Gebot der Corona-Krisenzeit, die Verlängerung der Studienzeit eine mögliche Folge.

Er habe schon von etlichen Studierenden gehört, dass ihre fest eingeplanten Praktika in Redaktionen abgesagt oder verschoben wurden, erklärt Klaus Meier, Journalistik-Professor an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. „Unter Umständen kann das für einige Studenten bedeuten, dass sich das Studium verlängert, wenn das Pflichtpraktikum nicht bis zum Sommer absolviert werden kann.“

Auch beim Master of Science Journalismus in Leipzig kann es für die Studierenden mit dem integrierten einjährigen Volontariat eng werden, schätzt Professor Markus Beiler. Derzeit ist ein Studienjahrgang gerade in den Redaktionen im Einsatz. Beim nächsten Jahrgang für das Volontariat – Start zwischen August 2020 und Januar 2021 – kann es schwieriger werden. „Hier hat einer unserer Volontariatspartner einen Einstellungsstopp verfügt, so dass eine Studierende einen zugesagten Platz verloren hat.“

Außerdem hat der MDR, sonst eine wichtige Adresse für die Leipziger Studis, die Bewerbungen für sein Volontariat wegen der Corona-Pandemie um ein Jahr verschoben. Im Bayerischen Rundfunk gibt es wegen Corona zurzeit keine Praktika und Hospitanzen, auch das ZDF hat die Bewerbungen für Praktika erstmal gestrichen. Die Palette der Möglichkeiten schrumpft also weiter.

Die Studierenden der „Digitalen Kommunikation“ an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg verbringen keine Praktika in Redaktionen, aber sie arbeiten mit Redaktionen an Praxisprojekten. Das geht einerseits im Homeoffice, erläutert Christian Stöcker, Professor und früherer Ressortleiter „Netzwelt“ beim Spiegel.  Andere Studierende hätten erst einmal Projektteile vorgezogen, „die ohne Präsenz funktionieren“, etwa konzeptionelle Arbeiten, Literaturrecherche oder die Einarbeitung in neue Tools. „Bei manchen wird es vermutlich nicht ohne Verzögerungen beziehungsweise Umschichtungen von Studieninhalten gehen.“

Das sind nur drei Beispiele, warum ver.di ein 10-Punkte-Sofortprogramm für Studierende, Forschung und Lehre fordert. Unter anderem solle das Sommersemester nicht auf die Regelstudienzeit und die BaföG-Förderzeit angerechnet werden.

Auch bei den Journalistenschulen gibt es Einschränkungen: Christoph Kucklick, Leiter der Henri-Nannen-Schule in Hamburg, rechnet damit, dass die ab Mitte Mai vorgesehenen Praktika seiner Schüler*innen im Homeoffice beginnen müssen, „mit der Hoffnung, bald in die Redaktionen zu wechseln“. Oscar Tiefenthal, Leiter der Evangelischen Journalistenschule in Berlin, die derzeit um ihr Überleben trotz Sparzwang kämpft, hat auch schon Absagen von Redaktionen erhalten, „glücklicherweise nur in Einzelfällen“. Professor Falko Blask, im Studiengang „Technikjournalismus“ an der TH Nürnberg für die Praxiszeiten federführend, berichtet von Praktikanten überwiegend im Homeoffice, „was bei allen gut zu klappen scheint“.

Bernhard Remmers, Journalistischer Direktor der Katholischen Journalistenschule ifp (Institut zur Förderung des publizistischen Nachwuchses) erklärt: „Alle Praktika in den Redaktionen fallen derzeit aus beziehungsweise sind abgesagt, da viele Redaktionen im Homeoffice sind.“ Die für Juli geplante Sommerakademie für deutschsprechende Journalist*innen aus Mittel- und Osteuropamusste fällt aus. Grund- und Aufbaukurse für Zeitungsvolontäre sowie Seminare in der Weiterbildung werden weitgehend in Webinare umgewandelt.

Der nächste Volo-Jahrgang des ifp werde das Auswahlverfahren ab 15. Mai ausschließlich im Online-Verfahren erleben, berichtet Remmers. Beim Studiengang in Leipzig gibt es ähnliche Überlegungen für die nächste Bewerbungsphase. Bei Pro-SiebenSat1 finden verabredete sowie neue Bewerbungsgespräche während der Pandemie ausschließlich per Video oder Telefon statt.

Die Lehre in Studiengängen und Journalistenschulen ist in diesen Wochen digital. Das Kommunikationstool Zoom scheint an den befragten Unis und Journalistenschulen dabei bevorzugt genutzt zu werden – trotz der bekannten Bedenken gegenüber der Plattform, so Netzwelt-Experte Stöcker. Es gebe mittlerweile auch in den Zoom-Veranstaltungen Dialog, „was ja in so einem Format nicht selbstverständlich ist. Aber natürlich sind unsere Studierenden auch schon qua Auswahlverfahren mit einer großen Affinität zu digitalen Medien ausgestattet.“ Einzelne Texte redigiert Stöcker mit geteiltem Bildschirm live in der virtuellen Anwesenheit der Autor*innen.

Markus Kaiser, Professor für Technikjournalismus in Nürnberg, berichtet von einer Ringvorlesung bei YouTube oder als Livestream und von seinen Seminaren mit Moodle oder Adobe Connect, das aber seit Mitte März völlig überlastet sei. Auch bei der Henri-Nannen-Schule versucht man, Lehrende und Lernende per Videokonferenzen zusammenzubringen, so Kucklick. An der Uni Leipzig ist in der Lehrredaktion ein „Corona-Studio“ für die Dozent*innen eingerichtet. In Eichstätt wird der theoretische Input digital vorgezogen. Für Veranstaltungen, bei denen das nicht funktioniert, könne das Semester laut Professor Meier um zwei Wochen verlängert werden.

Ähnlich läuft es an der Deutschen Journalistenschule in München, berichtet Leiterin Henriette Löwisch. Einiges werde zurzeit digital vermittelt, anderes soll später nachgeholt werden. Und die Praktika für die DJSler? Löwisch: „Wir sind erstmal zuversichtlich, da uns ja mit den Praktikumsgebern sehr lange und fruchtbare Beziehungen verbinden. Wir hoffen sehr, dass die Ausbildung des Nachwuchses keiner Sparlogik zum Opfer fällt, und wünschen uns auch die Solidarität der Kolleginnen und Kollegen in den Redaktionen.“

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