Herkels Wochenrückblick Nr. 7

Jeden Montag gibt es von Günter Herkel bis auf Weiteres eine subjektive Rückschau auf relevante oder auch amüsante Meldungen und Entwicklungen rund um die Medienbranche.
Bild: 123rf

„Home-Office“ ist eines der ersten Phänomene, die speziell im Kontext von Corona popularisiert wurden. Nachdem fast alle Medienhäuser zu Beginn der Krise einen Großteil ihrer Belegschaft nach Hause schickten, kehren die Mitarbeiter*innen jetzt nach und nach zurück. Mit der schrittweisen Rückkehr zur „Normalität“ endet einstweilen auch dieser wöchentliche Rückblick.

Den Anfang machten Axel Springer, die Funke-Gruppe und Bauer. Seit dem 4. Mai holen diese Verlage nach und nach ihre Mitarbeiter*innen in die wochenlang verwaisten Büros zurück. 20 Prozent Rückkehrer sollen es bei Springer und Funke zunächst sein, Bauer nennt keinen Prozentsatz. Dagegen halten der Spiegel-Verlag sowie Gruner+Jahr vorläufig an der Heimarbeit fest. „G+J arbeitet seit Mitte März aus dem Homeoffice, und das funktioniert sehr gut“, zitiert der Branchendienst „Meedia“ eine Firmensprecherin: „Alle Magazine und digitalen Produkte entstehen pünktlich und ohne jeden Ausfall.“ Klingt fast so, als könne sich das Management an diesen Arbeitsmodus gewöhnen…

Zurück ist auch das Ende März vom Norddeutschen Rundfunk in die Pause geschickte Medienmagazin „Zapp“. Mit einem „Spezial“ zu den Auswirkungen von Corona auf Reichweiten und Beschäftigung in TV, Produktionsfirmen und Verlagen ging es letzte Woche los. Ab dem 13. Mai sendet man wieder jeden Mittwoch im regulären Modus aus dem Hamburger Studio.

Das „Spezial“ enthält auch einen nützlichen Überblick über die Vorschläge der Bundestagsfraktionen von Grünen und Linken zur materiellen Unterstützung der Medien. Beide Parteien fordern spezielle Rettungspakete, die über bisher geleistete Corona-Hilfsprogramme hinausgehen. Der Antrag der Linken sieht unter anderem einen „Soforthilfefonds ‚Systemrelevanter Journalismus‘“ zum Erhalt medialer Vielfalt und Beschäftigung vor, der „insbesondere lokale und regionale Radio-, TV-, Film- und Presseangebote absichert, um Medienvielfalt und mediale Teilhabemöglichkeiten auch im ländlichen Raum zu erhalten“.

Speziell mit der Situation der Filmbranche befasst sich ein Papier von Tabea Rößner, der langjährigen medienpolitischen Sprecherin der Grünen Bundestagsfraktion. Darin analysiert sie faktenreich die Auswirkungen der Krise auf Kinos und Verleih sowie Filmproduktion und Dienstleister. Zu den detaillierten Forderungen gehört auch die nach einem „Runden Tisch zur Rettung der Kinos und der Filmbranche“.

Die „drehscheibe“, das Magazin für Lokaljournalist*innen der Bundeszentrale für politische Bildung, stellt den Profis der lokalen Information ein gutes Zeugnis aus. Seit Beginn der Krise sichtet die Redaktion die lokale Corona-Berichterstattung und sammelt „Best-Practice“-Beispiele. „Selbstbewusst, serviceorientiert, experimentierfreudig, aktuell und kreativ“, urteilt Anke Vehmeier, die Leiterin des bpb-Lokaljournalistenprogramms über die Ergebnisse. Überprüfen lässt sich das anhand der jüngsten Printausgabe und einem Online-Dossier.

Während sich die Infektionsmeldungen aus dem Profifußball kurz vor dem Beginn der „Geisterspiel“-Ära häufen, grübeln die Sportredaktionen darüber nach, was sie ihren Leser*innen in nahezu sportfreien Zeiten anbieten können. Die Seitenumfänge des Ressorts werden eingedampft. Auch zeigen sich im Publikum Ermüdungserscheinungen angesichts der vielen Corona-Geschichten. René Martens hat recherchiert, mit welchen Themen die vermutlich „längste Pause in der Geschichte des organisierten Sports“ derzeit in den Regionen überbrückt wird. „Artikel über alte Sporthelden, die Geburtstag feiern, funktionieren immer“, zitiert er den Ressortleiter des „Freien Worts“ in Suhl. Zudem seien die Geschichten nun nicht mehr „termingetrieben, sondern themen- und personengetrieben“. Natürlich fehlt es auch nicht an Serien vom Schlage „Fit in der Krise“. Jedenfalls, solange die einschlägigen Mucki-Buden noch geschlossen sind.

Business as usual betreibt dagegen das Blatt mit den dicken schwarzen Schlagzeilen. Als Zielscheibe hat sich „Bild“ derzeit den Berliner Virologen Christian Drosten auserkoren. Seit Wochen, so analysiert „bildblog“, versuche das Blatt, Drostens Autorität als Wissenschaftler zu untergraben. Um die gewünschten Effekte zu erzielen, „reißt die Redaktion auch schon mal Aussagen aus dem Zusammenhang, verfälscht zeitliche Abläufe und erfindet Behauptungen. ‚Bild‘-Methoden eben.“ Drosten, kürzlich erst von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit dem „Sonderpreis für herausragende Kommunikation der Wissenschaft in der Covid-19-Pandemie“ ausgezeichnet, dürfte die Anwürfe verschmerzen können. Ob allerdings das Boulevardblatt aus dem Hause Springer so das nahe Absacken der Auflage unter die Ein-Millionen-Grenze stoppen kann, erscheint eher zweifelhaft.

Wo Virologen die Öffentlichkeit dominieren, ist das Feuilleton abgemeldet. Erst recht, wenn virusbedingt das kulturelle Leben abgestorben ist respektive ins Streaming verdrängt wird. Das Feuilleton der ohnehin mehrfach krisengeschüttelten „Berliner Zeitung“ macht aus der Not eine Tugend und legt das Corona-Vokabular unter die Semantik-Lupe: „Welche Wörter haben jetzt Konjunktur, und was macht das mit uns?“ Vom scheinbar floskelhaften „Bleiben Sie gesund!“ über den geforderten „Abstand“, der die Menschen „aufrecht und akkurat in Linie“ zwingt, „wie Pfosten“ bis hin zum „Maskenzwang“, den es eigentlich „bloß im Karneval“ gibt, der aber gegenwärtig „ein kreatives Feld eröffnet“. Stichwort: Designerlabel! Schön kommt auch die Rehabilitierung des „Flickenteppichs“: Der habe es nicht verdient, in Corona-Zeiten zum „Schimpfwort des Jahres“ zu werden, „handelt es sich dabei doch um ein nicht nur praktisches, sondern auch nachhaltiges Wohntextil“.

Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen legt im Interview mit dem österreichischen „Standard“ noch mal nach mit seiner Kritik an den gravierendsten Defiziten der aktuellen Berichterstattung. Einige Hauptthesen: In der ersten „Schock- und Shutdownphase“ habe es kaum eine Alternative zum „situativ geforderten Verlautbarungsjournalismus“ gegeben. Später sei der politische Journalismus „zu lange und unmittelbar der eng geführten Perspektive der Virologen gefolgt“. Angesichts der erkennbaren „Kollateralschäden“ der jetzigen Regierungsmaßnahmen bedürfe es einer „breiten gesellschaftlichen Debatte über die langfristige Strategie“, nicht der „Diskurstabuisierung“. Sympathisch seine Antwort auf die Frage, was er persönlich derzeit am meisten vermisse: „Das direkte, ganz unmittelbare Gespräch mit Freunden, Studierenden, meinen Eltern.“ Und: „Wir Menschen sind Dialogtiere. Ohne die Sauerstoffzufuhr eines guten Gesprächs primeln wir ein.“ Wohl wahr.

Zu guter Letzt ein positiver Ausblick: „Wie können wir alle die Methoden des konstruktiven Journalismus einsetzen, um zur Lösung der Corona-Krise beizutragen?“ fragt David Schraven vom gemeinnützigen Rechercheverbund Correctiv. Seine bereits vor sechs Wochen publizierten Handlungsanleitungen haben seither noch an Aktualität gewonnen. Ziele auf Lösungen! Achte auf Nuancen!  Fördere die Debattenkultur! – das sind für Schraven die drei Hauptsäulen eines konstruktiven Journalismus. Dieser ergänze Meldungen und investigative Recherche. Es gehe darum, sich in Zeiten der Corona-Krise auf den Zweck des Journalismus zurückzubesinnen: Wir wollen durch kritische und konstruktive Beiträge zur Entwicklung der Gesellschaft beitragen.“

Mit Home-Office ging dieser Rückblick los, mit Home-Office soll er enden. Beim „weltweit ersten digitalen Parteitag“ – coronabedingt – zeigte unlängst die hiesige Umweltpartei, dass auch für viele selbsternannte Digitalexperten das Internet doch irgendwie noch Neuland ist…


Corona: Herkels Wochenrückblick Nr. 6

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