Schon entdeckt? InZeitung

Die INZeitung im Netz. Bildschirmfoto

„Das grundsätzliche Problem, dass Menschen mit Migrationsgeschichte nicht zu Wort kommen, gibt es immer noch“, konstatiert Viktoria Balon, Chefredakteurin der InZeitung. Die wurde 2010 in Freiburg vom dortigen Migrationsbeirat gegründet. Das interkulturelle Redaktionsteam mit Autor*innen aus über 40 Ländern will die Freiburger Bevölkerung für Vielfalt und unterschiedliche Perspektiven in der Gesellschaft sensibilisieren. 

Im Gespräch mit M kritisiert Balon, dass die meisten Medien eher AfD-Politiker*innen einladen als die Menschen, die von ihrer Hetze betroffen sind. Die Journalistin, die in der ehemaligen Sowjetunion geboren wurde und in den 1990er Jahren als Studentin nach Freiburg kam, betont mit Blick auf die AfD-“Remigrations“pläne: „Wir sind Teil der Gesellschaft und wenden uns selbstbewusst gegen die aktuellen rassistischen Strömungen“.   

Dieses Credo spiegelt sich auch im Namen „INZeitung“ wider. „IN sein steht für: Interkulturelle Öffnung, Teilhabe, gegenseitige Integration“, heißt es auf der Website. Sie entstand, nachdem der gemeinnützige Verein InForum 2013 die Herausgabe übernahm. „Freiburg ist ein gutes Pflaster für unsere Zeitung“, so Balon. Denn durch Radio Dreyeckland, das in 17 Sprachen sendet, gebe es „journalistisch eine Superbasis“ und finanziell unterstütze die Stadt das Projekt. „Ihr verdanken wir unsere hohe Auflage“, erzählt Balon. Denn die InZeitung geht als Beilage des städtischen „Amtsblatts“ – mit aktuell einer Auflage von 111.000 Exemplaren – an alle Haushalte. 2.000 Nachdrucke werden zusätzlich verteilt, etwa im Kultcafe und Kommunalen Kino. So werden auch Studierende oder Menschen mit Migrationsbiografie erreicht, die kein „Amtsblatt“ lesen. Die Resonanz sei „hauptsächlich positiv“. 

INZeitung steht für Teilhabe und Integration

Druck und Vertrieb der InZeitung übernimmt die Stadt Freiburg. Alles andere wird über Spenden und vor allem Projektgelder, etwa aus dem Programm „Demokratie leben“, finanziert. Das Blatt erscheint dreimal im Jahr und hat 16 Seiten, davon neun zu einem Schwerpunktthema – wie Bildung, Gesundheit, Arbeit, Wahlrecht, Bürokratie oder Alltagsrassismus. In der ersten Ausgabe im Februar 2010 ging es um „Multikulturalität und Mehrsprachigkeit“. Unter dem Titel „Fiesta“ richtete sich der Fokus im Dezember 2023 auf Weihnachten und andere Feste.

Außerdem werden Kurzgeschichten, kulturelle Geheimtipps oder Kochrezepte veröffentlicht. Wer eine gute Idee habe, könne einen Text einreichen, so Balon, dabei komme es weniger auf „deutsch polierte“ Sprache an. Beim Korrekturlesen würden „peinliche Fehler“ verbessert, aber „Schreiben mit Akzent“ sei erwünscht.  

Mehrfach ausgezeichnet

2014 erhielt die InZeitung den Integrationspreis der Stadt Freiburg. Es folgten weitere Auszeichnungen für die Arbeit des aktuell neunköpfigen Redaktionsteams, das größtenteils aus Journalist*innen mit Migrationserfahrung besteht. Vier von ihnen gehören wie Mitgründerin Viktoria Balon zur Kernredaktion, die ein Honorar bekommt. Alle anderen arbeiten ehrenamtlich. Immer wieder stoßen neue Redaktionsmitglieder als Praktikant*innen oder aus dem Autor*innenstamm dazu. Für einige sei die InZeitung ein „gutes Sprungbrett“ für einen Job in Medien oder Antidiskriminierungsarbeit, erzählt Balon. 

„Bis jetzt haben 222 Autor*innen bei uns etwas geschrieben“, bilanziert die Chefredaktuerin stolz.  Jeweils etwa 20 von ihnen kämen zu den offenen Sitzungen des InForums, in denen vor jeder neuen Ausgabe Themen vorgeschlagen und beraten werden. Die interkulturelle Redaktion entscheidet dann kollektiv, was veröffentlicht wird. Die nächste Ausgabe zum Thema „Demokratie und Wahlen“ erscheint im Mai. Im Juni stehen zwei wichtige Wahlen an: zum Gemeinderat der Stadt Freiburg und zum Europaparlament. Insbesondere Nichtwähler*innen sollen ermuntert werden, ihre Stimme abzugeben. 

 

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Vorsichtige Rückkehr nach Ecuador

Leonardo Gómez Ponce hat ein halbes Jahr in Berlin mit einem Stipendium von Reporter ohne Grenzen verbracht. Dort hat er gelernt sich digital besser zu schützen. Zurück in Ecuadors Hauptstadt agiert der 41-jährige investigative Journalist vorsichtig, suggeriert in den sozialen Medien, dass er weiterhin im Ausland sei. Das schützt ihn bei der Recherche und in den sozialen Netzen.
mehr »

Neue Aufgaben im Community-Management

In der plattformdominierten Öffentlichkeit sind neue Berufsfelder entstanden – wie das Community-Management, das zwischen Redaktion und Publikum vermitteln soll. Obwohl diese Aufgabe in journalistische Ausbildungspläne integriert ist, prägen mangelnde Wertschätzung und prekäre Arbeitsbedingungen die Praxis in den Medien.
mehr »

Der Arbeitskampf im ÖRR geht weiter

Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) setzt ihre Tarifverhandlungen in den Sendern der ARD fort und hält an ihren Forderungen von sieben Prozent Honorar- und Gehaltserhöhungen, mindestens aber 300 Euro monatlich mehr, fest. Dies gelte ausdrücklich auch für den Westdeutschen Rundfunk (WDR), erklärte ver.di-Bundesvorstandsmitglied Christoph Schmitz-Dethlefsen, zuständig für Medien.
mehr »

Zukunftsoffensive für COSMO

Über 500 Organisationen, darunter die dju in ver.di, fordern bundesweite Zukunftsoffensive für ARD-Programm COSMO. Der WDR benennt seine  Radiowellen Cosmo und 1Live Diggi um und richtet die Programme neu aus. Ein einmaliges Großbündnis warnt die ARD davor, einen großen Teil der migrantischen Bevölkerung zu vernachlässigen.
mehr »